Beinahe-Katastrophe am Flughafen München: Millionenfach geklickte Theorie sorgt für Wirbel
Eigentlich hätte die Boeing 787 von Vietnam Airlines am Samstag ihre Passagiere in rund zehn Stunden nach Hanoi bringen sollen. Doch Videos zufolge lief schon beim Start am Münchner Flughafen etwas gewaltig schief. Meter um Meter schob sich die schwere Maschine über die Bahn, ohne abzuheben. Erst im letzten Moment stemmte sie sich in die Luft und wirbelte eine dichte Staubwolke auf.
Nach Daten des Flugverfolgungsportals Flightradar24 war sie da bereits über das Bahnende hinausgerollt. Gut zwei Stunden später kehrte Flug VN34 zurück und landete mit rauchendem Fahrwerk auf der Nordbahn. Die Maschine wurde dabei beschädigt – aber niemand verletzt.
Augenzeuge schildert seine Wahrnehmung: "Die Maschine hob einfach nicht ab"
Den Start filmte der Luftfahrt-Fotograf Thomas Mai, dem auf seinem YouTube-Kanal "Munich Aviation" mehr als 7000 Menschen folgen. Für ihn war es zunächst ein ganz normales Video, wie er es oft aufnimmt. "Die Maschine baute augenscheinlich Geschwindigkeit auf, hob aber einfach nicht ab. Als sie dann in Höhe der Wartungshallen war und immer noch nicht abhob, bin ich schon sehr stutzig geworden", schildert er der AZ.

Die Wartungshallen der Lufthansa liegen kurz vor dem Bahnende. "Dann stiegen die Staubwolken auf, und die Maschine ging ziemlich steil in die Luft." Anschließend kreiste der Dreamliner mehr als anderthalb Stunden lang in Schleifen über dem Erdinger Moos, offenbar um Kerosin abzulassen. Dann kehrte er zurück.
"Es war sofort eine Rauchentwicklung erkennbar"
Marco Wachinger aus Erding fotografiert seit vier Jahren Flugzeuge am Münchner Flughafen und beobachtete die Rückkehr aus der Nähe. Zweimal habe die Maschine die Nordbahn in geringer Höhe überflogen: Ein sogenannter Lowpass, bei dem das Bodenpersonal von unten nach sichtbaren Schäden suche und diese der Besatzung im Cockpit melde, schildert er der AZ.
"Beim dritten Mal ist sie dann gelandet, auf der linken Seite des Hauptfahrwerks war sofort eine Rauchentwicklung erkennbar, vermutlich durch die geplatzten Reifen und den Kontakt mit den Felgen und dem Asphalt", so Wachinger. Videos der Landung zeigen, wie Teile davonfliegen. So eine Sicherheitslandung habe Wachinger noch nicht erlebt. "Wir haben alle gehofft, dass sie sicher landet, man hat schon eine Anspannung gespürt."
Das sagen die Verantwortlichen von Vietnam Airlines
Das manövrierunfähige Flugzeug sei anschließend in einen Hangar geschleppt worden, herumliegende Reifenteile habe man eingesammelt und die Fahrbahn ausgebessert, sagt ein Sprecher des Flughafens. Die Aufräumarbeiten zogen sich bis in die Nacht. Seit Sonntagmorgen läuft der Betrieb wieder ohne Einschränkungen.
Vietnam Airlines spricht unterdessen von einem "technischen Problem“. Passagiere und Besatzung seien wohlauf, die Airline entschuldigte sich für die entstandenen Unannehmlichkeiten. Die Crew habe alle vorgeschriebenen Verfahren eingehalten.
Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) war am Wochenende mit Experten vor Ort. Flugdatenschreiber und Voicerecorder wurden sichergestellt und zur Auswertung nach Braunschweig gebracht. Die Aufzeichnungen sollen helfen zu klären, was sich während des Vorfalls im Cockpit ereignet hat.
Mit einem ersten Zwischenbericht wird laut BFU in mehreren Wochen gerechnet, der Abschluss der Untersuchung dürfte dagegen Monate dauern. Warum die Maschine beim Start über das reguläre Ende der Startbahn hinausgeriet, lässt sich nach Einschätzung der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit derzeit noch nicht seriös beurteilen.
Luftfahrtexperte äußert sich: "Hätte einen Feuerball mit hunderten Todesopfern geben können"
Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt bezeichnete den missglückten Start als äußerst kritisch. "Das hätte einen Feuerball mit hunderten Todesopfern geben können, wenn die Piloten die Maschine nicht noch hochgezogen hätten“, sagte er. Auch außerhalb des Flughafengeländes seien Menschen in Gefahr gewesen.
Grundsätzliche Zweifel an der Boeing 787 sieht Großbongardt trotz des Vorfalls nicht. "Die 787 ist ein absolut sicheres Verkehrsflugzeug“, sagte der Experte, der bis 2004 Deutschland-Sprecher von Boeing war.
Zwei Szenarien mit Millionen Lesern auf Sozialen Medien
Diskutiert wird unter Experten und interessierten Internetnutzern schon jetzt. Für besonders viel Aufsehen sorgt das reichweitenstarke Luftfahrt-Profil "Fahadnaimb". Die Beiträge des Nutzers – laut Eigendarstellung ein Flugzeugingenieur – zu dem Vorfall kommen auf mehr als eine Million Aufrufe.
Er entwirft zwei Szenarien, schränkt aber selbst ein, es handle sich um seine Theorien, bis der offizielle Bericht vorliege. Das erste zielt auf die Bremsen. Ein Defekt hätte sie beim Start schleifen lassen können.

Das zweite Szenario dreht sich um Startdaten. Wären die Leistungsdaten für den Start falsch eingegeben worden, hätte die Maschine so spät abheben müssen. Zusätzlich will er einen Heckaufsetzer erkannt haben.
Der Verein Aviation Friends Munich, ein seit 1992 bestehender Zusammenschlusses von Flugzeug-Enthusiasten, sieht den Zwischenfall professionell und effizient abgewickelt, wie er der AZ mitteilt. An den "teilweise hanebüchenen und sensationslüsternen" Spekulationen will er sich nicht beteiligen.
- Themen:
- Flughafen München

