Beerdigung ohne Angehörige: Ein Betroffener erzählt

Die Corona-Krise: Bestattungen sind ohne Sondergenehmigung ab sofort verboten. Was bedeuten die Regeln für Familien? Ein junger Münchner, dessen Großmutter dieser Tage gestorben ist, berichtet.
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Die Aussegnungshalle am Westfriedhof: Bestattungen finden hier nur noch im kleinen Kreis statt. Und auch nur, wenn das Kreisverwaltungsreferat sie genehmigt hat.
Bernd Wackerbauer Die Aussegnungshalle am Westfriedhof: Bestattungen finden hier nur noch im kleinen Kreis statt. Und auch nur, wenn das Kreisverwaltungsreferat sie genehmigt hat.

"Markus Söder hatte gerade das Besuchsverbot für Alten- und Pflegeheime erlassen, da verschlechterte sich der Zustand meiner hochbetagten Oma in einem städtischen Heim deutlich. Man muss sich vorstellen, was das für eine Familie bedeutet. Da müssen Geschwister entscheiden, wer versucht, eine Besuchsgenehmigung zu bekommen. Und am Ende hat sie die Tochter, auf der dann auch emotional alles lastet. Nur sie kann dann Tag und Nacht da sein. Die anderen Geschwister können im schlimmsten Fall in den letzten Stunden gar keinen Abschied nehmen.

Trotzdem war meine Familie noch froh, dass überhaupt jemand da sein durfte. Zur Verstorbenen durften dann auch andere Angehörige ins Heim, sie taten es mit Vorsicht, selbst in Extremsituationen mag sich in diesen Wochen mancher nicht umarmen. Anfang der Woche erfuhr ich, dass ich nicht zur Beerdigung meiner eigenen Oma kommen dürfe. Wenn Verstorbene Geschwister haben, eigene Kinder, die Partner haben, wird der Besucherkreis schnell zu groß, Enkel sind dann nicht mehr dabei. Wenn einen das trifft, ist es eine krasse Erfahrung.

"Den Behörden will ich nichts vorwerfen"

Ich finde eigentlich, wenn Alte gehen müssen, die ein erfülltes Leben hatten, geliebt und umsorgt wurden, kann man damit umgehen. Aber wenn man keinen Abschied nehmen kann, zerreißt das Herz. Es ist wie ein doppelter Trauerfall. Weil man so traurig ist. Und das nicht teilen kann. Alles Tröstliche von Beerdigungstagen wegfällt. Und natürlich: Weil man der Verstorbenen gewünscht hätte, dass all ihre Lieben da sind. Meine Familie war sogar ein bisschen erleichtert. Man hat ihr gesagt, dass es gut war, noch einen Termin diese Woche zu bekommen. Wer weiß in diesen Zeiten schon, ab wann es plötzlich alles noch schwieriger wird. Den Behörden will ich nichts vorwerfen, ich unterstelle niemandem böse Absichten.

Ich verstehe, dass die Situation extrem ist. Dass sich niemand in Ruhe vorbereiten konnte. Dass Verantwortliche, wenn sie die Bilder aus Italien sehen, alles tun müssen, um sowas hier zu verhindern. Klar geht es da um die Pflegeheime und darum, die Bewohner zu schützen. Klar muss man sich Gedanken über Beerdigungen machen. Irgendwie irritierend ist die Woche trotzdem gewesen. Oma-Beerdigungsbesuche unmöglich machen – während noch riesige Fabrikhallen bearbeitet wurden, während man lachende Gruppen an Cafétischen sah.

"Ein Gefühl, das ich sicher nie vergessen"

Vielleicht könnte man doch noch mal überlegen, wozu man Trauernde zwingen muss – und wozu vielleicht doch nicht. Am Dienstag bin ich früh los, es war angekündigt worden, dass die meisten Geschäfte ab Mittwoch zusperren müssten. In einem Blumengeschäft habe ich nach Blumen gefragt, die länger halten – bis zur Beerdigung, wenn Blumenkaufen schon unmöglich wäre. Der Nachmittag nach der Beerdigung war einer dieser unwirklich schönen Sonnennachmittage dieser Woche.

Ich bin allein zum Friedhof gefahren, habe meine Blumen niedergelegt, mich bedankt und verabschiedet. Das hatte nach diesen Tagen etwas Tröstliches, trotz allem. Ich wäre um die Welt geflogen, um meine Oma mit der Familie zu beerdigen. Jetzt wurde sie zu Grabe getragen, keine 20 Fußminuten von meiner Wohnung weg. Ich durfte nicht dabei sein. Ein Gefühl, das ich sicher nie vergesse. Ein sehr, sehr schlechtes Gefühl."

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