Baustelle Fürstenrieder Straße: "Die Leute meiden unsere Läden"
Baustellen-Labyrinth an der Fürstenrieder Straße: Als die AZ vor einem Monat über die Situation der Geschäftsleute berichtete, war die Lage gravierend. Hier eine Sackgasse, da ein Radler, der sich durch eine Absperrung schlängelt, dort Bagger-Lärm.
Baustellen-Chaos an der Fürstenrieder Straße: "Die komplette Laufkundschaft fehlt"
Inzwischen wirkt der Verkehrsknoten, an dem gerade die neue Tram-Westtangente gebaut wird, deutlich aufgeräumter. Weniger Absperrgitter, dafür mehr Schilder zur Orientierung. Dennoch stehen die Betroffenen weiterhin unter Strom.
Während des letzten AZ-Besuchs ging ein Starkstromkabel bei den Bauarbeiten kaputt. Das Ergebnis: Rauchentwicklung im U-Bahnhof Laimer Platz, die Feuerwehr rückte aus. Gebrannt hat es zwar nicht, dafür ist die Situation für einige Geschäftsleute vor Ort umso brenzliger. Der Umsatz bricht ein, ihre Existenz ist bedroht.

Werden die Einbußen denn zurückgezahlt? Viele Händler vor Ort zucken auf diese Frage hin ratlos mit den Schultern. Nachfrage bei der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). "Schäden können allgemein ans SWM-Schadensmanagement gemeldet werden. Dort werden sie auf mögliche Ansprüche dann geprüft", heißt es von der MVG-Pressestelle.
Auf der Fürstenrieder Straße lebt es sich schon seit Monaten nicht mehr fürstlich. Das findet zumindest Gabriele Markotic, Anwohnerin der rund viereinhalb Kilometer langen Verkehrsachse. Sie sagt: "Bei mir daheim wackelt es seit Monaten." Markotic wohnt nicht nur an der Fürstenrieder Straße, sie arbeitet auch dort.
Kiosk-Mitarbeiterin: "Ich würde hier auch nicht einkaufen gehen"
Bis vor rund zwei Wochen konnte man den "Lelus Kiosk", bei dem sie beschäftigt ist, wegen einer Sperrung nur einseitig ansteuern. Damals sagte Markotic zur AZ: "Unsere gesamte Laufkundschaft fehlt."

Jetzt, da die Sperrung vor ihrem Laden aufgehoben ist, kämen wieder mehr Kunden. Mit dem Zustand von vor der Baustelle sei das nicht zu vergleichen. "Die Leute meiden unsere Läden." Verdenken kann Markotic das keinem. "Ich würde hier auch nicht einkaufen gehen."
"Bauarbeiter sind da draußen ganz schön fleißig"
So geht es auch Alfred Böhm. Er ist seit 45 Jahren Inhaber der Hahnen-Apotheke. "Da die Gotthardstraße immer noch gesperrt ist, liegen die Fußgängerüberwege immer noch weit auseinander." Das sei ein Problem für seine oft gehbehinderte Kundschaft. Auch die Medikamenten-Lieferungen verzögerten sich.
Für alle Münchner, die sich nicht mit monatelanger Warterei auf einen Arzttermin herumschlagen wollen, hat der Gesundheitsexperte einen Geheimtipp: "Bei vielen Praxen in der Fürstenrieder Straße sind wegen der Baustelle gerade Termine frei."

Immerhin: Sein Umsatzverlust sei nicht mehr ganz so groß. Böhm beobachtet außerdem: "Die Bauarbeiter sind da draußen ganz schön fleißig."
Bürgerversammlungen in Laim und Nymphenburg
An der Überfahrt zur Gotthardstraße, wo die befragten Geschäftsleute ihre Läden haben, "sind Verpressungs- und Reparaturarbeiten in vollem Gange", heißt es von der MVG. Demnächst würden Gleisbauarbeiten beginnen.
An diesem Montag (24. November) gibt es in Nymphenburg und am Dienstag (25. November) in Laim eine Bürgerversammlung. Über akute Maßnahmen informiere man, so die MVG-Pressestelle, gemeinsam mit den Stadtwerken "die Anwohner laufend", zum Beispiel durch Aushänge und Postwurfsendungen. Es gebe zudem ein Infobüro.
Nach Fasching, am 27. Februar 2026, so hieß es in einer Bürgerversammlung im Oktober, soll die Tram-Westtangente fertig sein. "Unter einer Bedingung, sagte man uns damals: Wenn es nicht schneit", so Böhm. Müssen die Münchner also auf weiße Weihnachten verzichten, wenn sie die Dauerbaustelle auf die Dauer loshaben möchten?
"Der Umsatz hat sich bei minus 30 Prozent eingependelt"
Erhan Tezel, dem seit 1985 das Geschäft "Foto-Sofort" in der Fürstenrieder Straße gehört, treibt nicht der Schneefall, sondern der Parkplatzausfall um. Die Parksituation sei "weiterhin eine Katastrophe". Nicht nur er, sondern viele seiner Kunden sind sich einig: "Die Tram-Westtangente hätten wir nicht gebraucht."

Sein Umsatz? "Der hat sich bei minus 30 Prozent eingependelt." Mit Handy oder Kamera zieht Tezel hin und wieder durch die Fürstenrieder Straße und dokumentiert die Arbeiten an der Baustelle.
Stammkunden haben sich neue Läden gesucht
Auch Thomas Fladung ist Fotograf. Er ist Inhaber des Geschäfts "Heidi Foto". Bitte lächeln! sagt er seit über 30 Jahren zu seinen Kunden. Seit ein paar Monaten muss er sich selbst zu einem Lächeln zwingen. Ein Teil seiner Stammkunden habe sich inzwischen ein neues Fotogeschäft gesucht.
Vor Fladungs Laden stehen inzwischen mehrere Ständer mit Postkarten, Fotobüchern und Rahmen. Auffällig: Alle sind mit einem knall-orangen Sonderpreis-Schild beklebt. Auch im Ladeninneren sticht das Neon-Orange sofort ins Auge. Das Geschäft muss doch nicht etwa schließen? Fladung stockt, seine Augen fangen leicht zu glitzern an. Man merkt, dass er gerne Geschäftsmann ist.
"Dazu kann ich jetzt noch nichts sagen. Da müssen Sie mich noch einmal später fragen." Aber, das wird er als Fotograf wissen: Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte.
