Azubis in Bayern: Massiver Druck und Vergütung teilweise unter Mindestlohn

Schichtarbeit, Überstunden, fachfremde Dienste verrichten, ständig verfügbar sein – und das für eine Vergütung teilweise unter Mindestlohn: Bayerns Azubis sind extrem belastet. Speziell in München.
| Anja Perkuhn
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2.000 Azubis in Bayern hat der DGB nach der Qualität ihrer Ausbildung befragt. Die Ergebnisse waren sehr divers.
Alexander Heinl/dpa 2.000 Azubis in Bayern hat der DGB nach der Qualität ihrer Ausbildung befragt. Die Ergebnisse waren sehr divers.

München - Es gibt das ebenso bürokratische wie empathielose Wort "ausbildungsreif". Empathielos, weil es eigentlich immer nur in dem Zusammenhang verwendet wird, dass damit einem Menschen bescheinigt wird, er sei es eben gerade nicht.

Immer wieder klagen Betriebe über die mangelnde "Ausbildungsreife" vieler junger Menschen – was bedeuten soll: Es fehlten die allgemeinen Voraussetzungen, eine Berufsausbildung aufzunehmen und erfolgreich zu beenden. Es geht dabei um grundlegende Fertigkeiten und Fähigkeiten wie Rechtschreibung und Rechnen, Sprachbeherrschung oder ausdauernde Aufmerksamkeit.

35.000 ohne Ausbildungsplatz – und 32.000 Plätze unbesetzt

Die fehlende Ausbildungsreife wird auch herangezogen, wenn es um ernüchternde Zahlen geht: Stand August 2018 waren hier laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Bayern 35.000 junge Menschen erfolglos bei der Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz. Gleichzeitig blieben in diesem Jahr in bayerischen Unternehmen 32 000 Ausbildungsstellen unbesetzt.

Verena Di Pasquale, Vizechefin des DGB Bayern, sieht die Ursachen dafür nur bedingt bei den Jugendlichen: "Da geht es nicht nur darum, dass Ausbildungswunsch der Azubis und Ausbildungsangebot der Unternehmen nicht zusammenpassen, sondern auch stark um die Frage, wie attraktiv die Angebote sind."

Die DGB-Jugend Bayern hat mehr als 2.000 Jugendliche im Freistaat zur Qualität ihrer Ausbildung befragt. Die sehr diverse Zufriedenheit ist recht eindeutig branchenabhängig: Manche Ausbildungsberufe schneiden traditionell gut ab – die in der Mechatronik beispielsweise oder bei den Industrie- und Bankkaufleuten.

Die schlechtesten Bewertungen dagegen befinden sich bei Verkäufern und Verkäuferinnen, Friseurinnen und Friseuren sowie den Hotelfachleuten – Berufe also, "in denen der psychische Druck sowieso sehr hoch ist", sagt Di Pasquale.

74,5 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit ihrer Ausbildung "zufrieden" oder "sehr zufrieden" sind – wie auch im Durchschnitt der vergangenen sieben Jahre. "Das darf aber nicht bedeuten, dass wir über die Probleme der anderen Auszubildenden hinwegsehen dürfen", sagt Di Pasquale.

Der DGB hat nämlich auch "erhebliche Missstände in der Ausbildung" gefunden. Viele Auszubildende müssen demnach überlange Arbeitstage überstehen, ausbildungsfremde Arbeiten verrichten und auch in ihrer Freizeit für den Arbeitgeber erreichbar sein.

Kleines Zimmer, Bett, Schrank – schon das ist schwer in München

Ein gutes Fünftel arbeite in Schichtarbeit – die Hälfte davon mit Wechselschichten in der Woche (abwechselnd Früh-, Spät- oder Nacht- oder Tagschicht) und immerhin 10,6 Prozent in einem Teilschichtsystem (morgens arbeiten, Pause, abends arbeiten). Die große Bedeutung von Schichtarbeit in manchen Ausbildungen will der DGB ändern. Er fordert: gar keine Schichtarbeit für Azubis, außer in Ausnahmefällen. Immerhin befänden sich die teilweise Minderjährigen in einem Lernverhältnis, seien keine Angestellten.

Das bedeutet auch, dass die Unternehmen den Azubis keinen Mindestlohn zahlen müssen. Laut Andro Scholl, Bezirksjugendsekretär des DGB Bayern, liegt die durchschnittliche Vergütung bei etwas mehr als 600 Euro im Monat – "mit Ausreißern nach oben und unten".# Für Azubis in München bedeutet das noch einmal mehr Belastung: "Es gibt sehr viele Pendlerinnen und Pendler aus dem Umland, weil der bezahlbare Wohnraum ein Problem ist. Dabei sind deren Erwartungen ja sehr gering: kleines Zimmer, Bett, Schrank", sagt Scholl.

Nach einer Studie der Stadt von 2014 wohnten mehr als 80 Prozent der Azubis noch Zuhause – 90 Prozent wollten gern ausziehen. Das wiederum bedeutet weite Arbeitswege.

Was allerdings nach Scholls Einschätzung ein Vorteil der Millionenstadt ist: "In größeren Betrieben sind Strukturen für Azubis in der Regel schon lange vorhanden. Es gibt einen Betriebsrat, oft eine Jugendausbildungsvertretung. Die Erfahrung mit der Mitbestimmung ist größer."

Der DGB fordert nun die Ausbildungsbetriebe auf, für bessere Bedingungen zu sorgen – kurz: an ihrer Ausbildungsreife zu arbeiten.

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