AZ-Serie "Die Erben von Olympia": Der Herr des Münchner Olympiaturms
Am 26. August 1972 wurde in München das olympische Feuer entzündet. Die Spiele haben die Stadt geprägt. Spielstätten, Wohnungen und Parkanlagen sind entstanden. 45 Jahre ist das inzwischen her. Wer kümmert sich heute um das bauliche Erbe? Die AZ hat Menschen besucht, die heute in den Überbleibseln von München ‘72 wohnen oder wirken. Heute: der Betriebsleiter vom Olympiaturm.
So oft will Bodammer gar nicht rauf auf seinen Turm
Der grüne Park, die vielen Kirchtürme, die Berge – bei diesem phänomenalen Ausblick möchte man meinen, er wäre jeden Tag hier oben. Schließlich ist Ulrich Bodammer Betriebsleiter im Olympiaturm. Aber weit gefehlt.
"Eigentlich vermeide ich es, hier hochzukommen", sagt er. Und das hat einen einleuchtenden Grund. Denn wenn im Olympiaturm tatsächlich mal ein Aufzug stecken bleibt, dann ist er derjenige, der das Problem beheben muss. Das geht nur schwer, wenn man gerade selbst im Turm gefangen ist.
So richtig oft tritt so ein Notfall aber gar nicht auf. Im Schnitt vielleicht alle fünf Jahre ein Mal, schätzt Bodammer. Und wer sollte das schon besser wissen als er. Bodammer macht diesen Job schließlich schon seit 16 Jahren.
"Das sah aus, als wäre ich auf dem Mars gelandet"
Der 57-Jährige kommt eigentlich vom Niederrhein, hatte als Bayern-Fan aber schon immer ein gewisses Faible für die Isar-Metropole. Als er in Duisburg das erste Mal im Stadion war, watschten die Bayern den heimischen MSV mit 4:0 ab. Das München-Fieber war endgültig geweckt.
Mit 14 ist er das erste Mal nach München gefahren – mit dem Bus. Als er am Georg-Brauchle-Ring ankam, lag das Olympiagelände wie eine fremde Welt da, eingehüllt in Raureif. "Das sah aus, als wäre ich auf dem Mars gelandet", erinnert sich Bodammer. Er wusste es damals noch nicht, aber diese eisige Marslandschaft sollte später seine Heimat werden.
Bodammer ist gelernter Elektrotechniker. Fast 20 Jahre lang ist er durch die Weltgeschichte gereist, hat mal eine Pipeline in Russland in Betrieb genommen, mal eine Schienenprüfanlage in China. Als er beruflich Lust auf eine kleine Veränderung hatte, kam zufällig die Job-Anzeige von der Olympiapark GmbH daher. Bodammer griff zu.
Seine Freizeit verbringt er nicht im Olympiapark - verständlich
Seit 16 Jahren wohnt er nun auf 90 Quadratmetern direkt unterhalb vom Turm. Auf einen Garten oder Balkon muss er verzichten. Seine Wohnung liegt in einer Sperrzone um den Turm, die verhindern soll, dass jemand von herunterfallenden Dingen erschlagen wird. Aber das verschmerzt Bodammer. Wer kann schließlich sonst noch sagen, dass er im Olympiapark wohnt?
Die ganzen Annehmlichkeiten ringsum nutzt er zwar nicht. Er geht nicht zu Konzerten in der Olympiahalle, nicht in die Schwimmhalle und auch nicht zum Schlittschuhlaufen in die Eishalle. In seiner Freizeit brauche man eben doch ein bisschen Abstand von der Arbeit, sagt er. Aber jeden Morgen aufzustehen, gleich das Zeltdach vom Stadion zu sehen und die ganze Park-Architektur – "das ist immer noch sehr schön", sagt Bodammer.
Bis zu 4.500 Besucher fahren jeden Tag "seinen" Turm hoch. Nachts aber kehrt Ruhe ein im Olympiapark. "Dann ist das hier wie im Sanatorium."
Lesen Sie hier Teil 1 der Olympiaserie: Michael Mösner: Der Mann mit dem Eishändchen
Lesen Sie hier Teil 2 der Olympiaserie: Olympiaturm-Rockmuseum - AZ stellt die Betreiber vor
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