Aufgebohrte Tierschädel – im Dienste der Forschung

Die Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ prangert die Praxis an LMU-Instituten und am Klinikum in Großhadern an -die Schilderungen erinnern an Horror-Filme.
| Natalie Kettinger
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Am Klinikum Großhadern werde mit Affen experimentiert, behaupten die Tierschützer. Die LMU dementiert.
Mike Schmalz 3 Am Klinikum Großhadern werde mit Affen experimentiert, behaupten die Tierschützer. Die LMU dementiert.
Eine Lanzennase. Um zu erforschen, wie ihr Ultraschall funktioniert, wird den Tieren der Schädel geöffnet.
3 Eine Lanzennase. Um zu erforschen, wie ihr Ultraschall funktioniert, wird den Tieren der Schädel geöffnet.
Armes Schwein: Das Tier liegt verkabelt, verschlaucht und sediert auf dem OP-Tisch.
imago 3 Armes Schwein: Das Tier liegt verkabelt, verschlaucht und sediert auf dem OP-Tisch.

Die Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ prangert die Praxis an LMU-Instituten und am Klinikum in Großhadern an.

Die Schilderungen erinnern an Szenen aus einem Horror-Film: Fledermäuse mit aufgebohrten Schädeln, Affen mit verstümmelten Extremitäten, Ratten mit Elektroden im Hirn, lebende Schweine mit geöffnetem Brustkorb – und all das im Dienste der Forschung.

Ein Faltblatt der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ sorgt derzeit an der LMU für Wirbel. Denn darin prangern die Aktivisten mehrere Experimente an, die an der Münchner Universität durchgeführt werden oder wurden. Die AZ ist den Vorwürfen nachgegangen.

FLEDERMÄUSE Der Vorwurf: Unter Narkose werde Kleinen Lanzennasen am Institut Biologie II der LMU ein Metallstift auf den Kopf montiert und ein Loch in den Schädel gebohrt, durch das Elektroden in das Hirngewebe eingelassen werden können, behaupten die Tierschützer. Über Kopfhörer würden den Fledermäusen dann Töne vorgespielt, gleichzeitig messen Elektroden die Nervenströme der Tiere. So soll erforscht werden, wie die Tiere ihre Ultraschallortung im Gehirn verarbeiten.

Das sagt die LMU: „Grundsätzlich müssen alle Versuche mit Tieren behördlich genehmigt und damit auch alle vom Tierschutz vorgegebenen Auflagen erfüllt werden. Das ist an der LMU der Fall“, so Pressesprecherin Katrin Gröschel. Bei den Fledermaus-Experimenten handle es sich um Grundlagenforschung: „Fledermäuse stellen aufgrund ihrer hoch entwickelten Fähigkeit zur akustischen Analyse der Echos ihrer ausgesandten Ortungslaute ein hervorragendes Modellsystem zur Erforschung grundlegender Funktionen des Hörsystems von Säugetieren dar.“

Die Ergebnisse der Experimente würden helfen, diese besser zu verstehen, und könnten damit auch in der Humanmedizin Anwendung finden, zum Beispiel bei der Entwicklung von Hörgeräten.

SCHWEINE Der Vorwurf: Am Institut Innere Medizin I am Klinikum Großhadern werde Schweinen unter Narkose der Brustkorb geöffnet und die Blutversorgung des Herzens für eine Stunde unterbrochen. Nach dem Öffnen der Klemmen würden die Tiere mit bestimmten Zellen von Mäuse-Embryonen behandelt. 24 Stunden nach dem künstlich herbeigeführten Herzinfarkt würden die Schweine getötet und das Herzgewebe untersucht.

Das sagt die LMU: Der Eingriff erfolge nicht am geöffneten Brustkorb, sondern „mit Katethertechnik, wie sie auch in Kliniken am Menschen durchgeführt wird“, so Sprecherin Katrin Gröschel. „Dies führt zu erheblichen Fortschritten bei der Behandlung von Herzerkrankungen des Menschen.“

RATTEN Der Vorwurf: Am Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie würden Ratten Stahl-Elektroden ins Gehirn implantiert. Diese würden unter Strom gesetzt und bei den Nagern so epileptische Anfälle ausgelöst. Anschließend erhielten die Tiere ein Anti-Epileptikum. So solle der Frage nachgegangen werden, warum manche Epilepsie-Patienten auf bestimmte Medikamente ansprechen und andere nicht.

Das sagt die LMU: „Die Darstellung im Faltblatt der Ärzte gegen Tierversuche stimmt nicht“, so Professorin Heidrun Potschka. Allerdings gehört die Pharmakologin zu einer Gruppe von Autoren, die 2010 im Fachblatt „Epilepsia“ einen Aufsatz über Epilepsie-Experimente mit 48 weiblichen Ratten veröffentlicht hat. Aus dem Artikel geht nicht eindeutig hervor, wo die Versuche stattgefunden haben, ausgewiesen ist aber, wer sie abgesegnet hat: die Regierung von Oberbayern, zuständig für die Genehmigung von Tierversuchen unter anderem an der Münchner LMU.

AFFEN Der Vorwurf: Am Institut für Chirurgische Forschung am Klinikum Großhadern sollte an 19 Langschwanzmakaken die Gewebeschädigung nach Transplantationen untersucht werden. Dafür seien den Tieren unter Narkose Arme und Beine abgebunden, das Blut daraus abgelassen und durch eine Infusionslösung ersetzt worden. Anschließend sei den Primaten Menschenblut injiziert worden. Dann habe man Waden und Oberarm-Muskel freigelegt um den Blutfluss zu beobachten.

Das sagt die LMU: „Solche Versuche werden an der LMU nicht durchgeführt“, so Katrin Gröschel. Doch wieder gibt es eine Veröffentlichung – bereits aus dem Jahr 2006 – in der Münchner Wissenschaftler eben diesen Versuch beschreiben; auch er wurde von der Regierung von Oberbayern genehmigt. „Wir dokumentieren seit Jahren, dass im Klinikum Großhadern im Bereich der Xenotransplantation mit Affen experimentiert wird“, sagt Corina Gericke von „Ärzte gegen Tierversuche“. Recherchegrundlage der Tierschützer: die Publikationen der beteiligten Wissenschaftler in Fachzeitschriften.

 

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