Auf der anderen Seite der Stadt

Wer Hilfe braucht, etwas zu essen oder wenigstens ein Dach überm Kopf, dem wird hier geholfen. Ein Besuch im München für Menschen ohne Obdach.
| Anja Perkuhn
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Hausregeln für alle: Flüchtlinge und Wohnungslose von überall her kommen ins Haneberghaus – „Lokale“ machen noch etwa drei Prozent davon aus.
4 Hausregeln für alle: Flüchtlinge und Wohnungslose von überall her kommen ins Haneberghaus – „Lokale“ machen noch etwa drei Prozent davon aus.
Ein Hemd, eine Hose, eine Jacke gibt es für jeden Bedürftigen zweimal pro Woche aus der Kleiderkammer. Und Schuhe, wenn sie passen.
4 Ein Hemd, eine Hose, eine Jacke gibt es für jeden Bedürftigen zweimal pro Woche aus der Kleiderkammer. Und Schuhe, wenn sie passen.
Brote mit Margarine oder Schmalz schmieren die freiwilligen Helfer in der Bahnhofsmission stapelweise – wenn gespendetes, frisches Brot da ist.
4 Brote mit Margarine oder Schmalz schmieren die freiwilligen Helfer in der Bahnhofsmission stapelweise – wenn gespendetes, frisches Brot da ist.
130 Gruppen führt das „Biss“-Team etwa jedes Jahr durch die Stadt – und zeigt den zumeist jungen Menschen das andere München.
4 130 Gruppen führt das „Biss“-Team etwa jedes Jahr durch die Stadt – und zeigt den zumeist jungen Menschen das andere München.

München – Schmalz oder Margarine? Das ist eine der wenigen Fragen, die wirklich beantwortet werden müssen. In der Münchner Bahnhofsmission gibt es Tee und Suppe und geschmierte Brote, und wenn noch Scheiben mit Margarine und Schmalz da sind, läuft es eben auf diese Frage hinaus.

Namen oder Gründe muss hier dagegen niemand nennen, um ein warmes Plätzchen und eine kleine Mahlzeit zu bekommen in den Räumen an Gleis 11. Die Bahnhofsmission ist eines der sogenannten niederschwelligen Angebote für Obdachlose, Menschen mit Suchtproblemen, Frauen, die mit ihren Kindern vor gewalttätigen Männern fliehen, Flüchtlinge.

Gespendete Brotberge türmen sich in der kleinen Küche der Bahnhofsmission, die freiwilligen Helfer schmieren und stapeln minutenlang.

Wer sich etwas vorbeugt, sieht durch die Fenster des Aufenthaltsraums der Bahnhofsmission das Fünf-Sterne-Hotel schräg gegenüber. Die Gegensätze sind wichtig, die Mitarbeiterin des Projektes "Biss-Stadtführungen" betont sie immer wieder. Die Stadtführung des Obdachlosen-Magazins „Biss“ soll Möglichkeiten aufzeigen für den Fall, dass man selbst oder ein Freund oder Bekannter in der reichen Stadt einmal aus dem System fällt. Und sie soll zeigen, wie nah die beiden Leben nebeneinander liegen.

Über 2000 Menschen waren dabei – allein im vergangenen Jahr

„Es geht darum, dass man einfach mitnimmt, wo es Hilfe gibt. Und dass man sich Hilfe holen sollte, wenn es noch nicht zu spät ist“, sagt die „Biss“-Mitarbeiterin. Seit sechs Jahren bietet das Projekt verschiedene Führungen an in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen in der Stadt wie Wohnungslosenheimen, Sozialbetrieben, Clearinghäusern – oder eben der Bahnhofsmission. 2100 Menschen haben so im vergangenen Jahr eine andere Seite der Stadt kennengelernt, in insgesamt 130 Führungen.

Das Hauptklientel sind Schulklassen, Jugendgruppen, Konfirmanden und junge Menschen, die ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) einlegen. Diesmal ist es eine Gruppe Rechtsreferendare aus dem Münchner Oberlandesgericht. Auch sie, die sich natürlicherweise mit dem Thema Recht auseinandersetzen, staunen über das, was sie bei der Bahnhofsmission lernen: Nur wer seit sechs Monaten in München gemeldet ist, hat Ansprüche auf einen Bettplatz. Einen Bettplatz in einer sozialen Einrichtung – nicht etwa eine Wohnung.

Auf der eidottergelben Thermoskanne im Aufenthaltsraum steht in sechs verschiedenen Sprachen, dass der enthaltene Tee zuckerfrei ist. Früher sei vor allem „Stammklientel“ gekommen, erzählt eine junge Frau aus dem Team der 14 hauptamtlichen Mitarbeiter. Seit 2008, seit der EU-Osterweiterung, seien es sehr viel mehr Migranten. „Die Problematiken werden vielschichtiger“, sagt sie. „Und es kommen insgesamt immer mehr Menschen.“

Lesen Sie hier: Wohnungssuche in München - Vermieter wollen lieber Hunde als Kinder

Anfang 2014 gab es in München etwa 4000 Wohnungslose, die untergebracht waren in Notunterkünften, Pensionen und ähnlichen Einrichtungen – inzwischen sind es laut dem Amt für Wohnen und Migration mehr als 5000. Etwa 550 Menschen leben auf der Straße.

Die Wohnsituation in München verschärft sich immer weiter, unter anderem durch die wachsende Zuwanderung. Allerdings, betont Sprecher Frank Boos, haben die Menschen, denen man eine „Armutswanderung“ unterstellt, mit dem Anstieg dieser Zahlen wenig zu tun – denn diese haben gar keinen gesetzlichen Anspruch auf eine Unterkunft.

Auch im Haneberghaus neben dem Benediktinerkloster St. Bonifaz spürt man die Veränderung: Im Saal, in dem ab 8 Uhr die Rollläden zur Ausgabe von Kaffee und Tee geöffnet werden, haben 94 Menschen Platz. Zur Zeit kommen täglich etwa 250 bis 300.

Es gibt auch Suppe hier, zwei verschiedene Sorten: vegetarische und mit Fleisch. „Oder: halal und haram – erlaubt und nicht erlaubt für Muslime“, sagt Mario, der seit knapp einem Jahr hier arbeitet. Es habe nämlich nicht nur die Zahl Hilfesuchender in den vergangenen drei Jahren deutlich zugenommen, sondern auch der Anteil der muslimischen Kunden.

Lesen Sie hier: Wie Menschen mit Migrationshintergrund die Stadt erleben

Direkt am Eingang des Haneberghauses in einer Ablage gibt es Zettel mit den Hausregeln, in zehn verschiedenen Sprachen. Der Andrang ist groß, deshalb wurden sieben neue Duschen gebaut „Das Haus war ausgelegt auf Münchner Obdachlose. Die machen nur noch einen Anteil von drei Prozent aus“, sagt Mario. „Jetzt kommen Flüchtlinge aus der Bayernkaserne, Wohnungslose aus den ehemaligen jugoslawischen Staaten, Tunesien, auch aus Italien.“

Zuletzt hat es besonders gedrängt, deshalb hat das Haneberghaus im Keller umgebaut: Statt drei Duschen gibt es im Keller neben der Kleiderkammer nun zehn. Das Haus ist, wie auch die anderen Einrichtungen dieser Art, auf Spenden angewiesen und auf freiwillige Helfer wie Mario. Der arbeitet inzwischen nicht mehr im Haneberghaus: Der gelernte Koch hat sich selbständig gemacht in der Gastronomie – einer, der es geschafft hat.

„So tief ins System geschaut haben wir noch nie“

Im Restaurant „Zum Steg“ klopft Regina Sträter mit dem Messer gegen einen gläsernen Zuckerspender, damit ihr alle zuhören. Sektgläser gibt es nicht, der „Steg“ ist eine alkoholfreie Gaststätte. Er ist, anders als die anderen beiden Einrichtungen an diesem Tag, weniger Notunterkunft, sondern schon ein nächster Schritt: Ziel hier sind die berufliche Wiedereingliederung und ein suchtmittelfreies Leben.

Vier festangestellte ehemalige Süchtige arbeiten in der „Steg“-Gastronomie, eine Lehrlingsstelle ist zu besetzen und ein 1-Euro-Job als „Sprungbrett zu einer Ausbildung oder Anstellung“, sagt Sträter.

Sie verwaltet den „Club 29“, einen Trägerverein für Einrichtungen in der Suchtkrankenhilfe, zu denen der „Steg“ gehört. Therapeutische Wohngemeinschaften gibt es da, Selbsthilfegruppen von Suchtkranken für Suchtkranke, auch Gruppen für die Kinder von Suchtkranken, die ja auch betroffen sind von der Krankheit der Eltern. Und Gruppen, die auf die MPU vorbereiten – die Medizinisch-Psychologische Untersuchung, die ansteht, wenn der Führerschein zum Beispiel wegen Trunkenheit am Steuer entzogen wurde. Manche, sagt Sträter, „sind vor zehn Jahren wegen der MPU hergekommen. Und arbeiten immer noch als Ehrenamtliche hier.“

Die Gruppe, die sowieso den ganzen Tag sehr konzentriert zugehört hat, ist still geworden. „Wir wussten schon, dass es so etwas gibt“, sagt die Rechtsreferendarin Friederike. „Aber so tief in das System geschaut haben wir noch nie. Als Jurastudent in München ist man ja eher privilegiert, da denkt man jetzt schon anders über die Stadt nach.“

Die "Biss"-Mitarbeiterin verabschiedet sich. Viel mehr will die Führung ja gar nicht erreichen.

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