"Auf 100 Diebe kommt vielleicht ein Asylbewerber": So leidet der Inhaber eines Münchner Supermarktes

Hajrudin Jusic betreibt als selbständiger Kaufmann drei Edeka-Supermärkte in Trudering, Giesing und Riem. Der 43-Jährige beklagt den ausufernden Ladendiebstahl und das Verschwinden unzähliger Einkaufswagen. "Ich frage mich, in was für einer Gesellschaft wir leben, und wie krass das alles ist!", macht der 43-Jährige seinem Ärger via Instagram Luft.
Einkaufswagen-Klau sorgt für Millionenschaden bei deutschen Supermärkten
"Wieso klaut man Einkaufswagen?", fragt eine Nutzerin in der Kommentarspalte. "Keine Ahnung, eventuell zum Verkauf oder man nimmt sie einfach mit, weil man nicht tragen will, und die werden dann weggeworfen! Keine Ahnung, die sind auf jeden Fall weg", antwortet Jusic.
Im Gespräch mit der AZ wird der Marktleiter konkreter: "Es gibt auch Leute, die fahren mit dem Einkaufswagen an die Isar, drehen den dort dann irgendwann um und grillen damit. Oder der wird irgendwo wild in der Gegend abgestellt."

Erst im November letzten Jahres habe er 200 neue Einkaufswagen gekauft, so Jusic weiter: "Davon sind jetzt noch 15 Stück übrig. Ich muss die ersetzen und überhaupt ständig nachbestellen. Das ist Wahnsinn und ein großer Schaden." Der Schaden, der den Supermärkten jedes Jahr durch den Einkaufswagen-Klau entsteht, geht in die Millionen. "Je nach Ausstattung kostet ein Einkaufswagen zwischen 150 und 250 Euro", sagt Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverbandes Bayern, der AZ.
Bayerisches Unternehmen stellt 2,5 Millionen Einkaufswagen im Jahr her
Nach Angaben des Verbandes legt ein Einkaufswagen im Jahr rund 40.000 Kilometer zurück, etwa 320.000 Einkaufwagen sind in Bayern im Einsatz, deren 16.000 verschwinden demnach jährlich im Freistaat.

Ungefähr jeder zweite Einkaufswagen der Welt wird in der Metallwarenfabrik der Firma Wanzl in Leipheim, zwischen Ulm und Augsburg, hergestellt: Per anno entstehen dort 2,5 Millionen Stück, das Unternehmen bringt es auf einen jährlichen Umsatz von rund 800 Millionen Euro.
In den Supermärkten denken die Verantwortlichen über Gegenmaßnahmen nach. "Es gibt auch Händler, die ihre Einkaufswagen mit Wegfahrsperren ausrüsten lassen – man kommt dann also nicht vom Parkplatz runter", sagt Ohlmann.
Vor sieben Jahren verschwundener Einkaufswagen taucht in Laimer Supermarkt auf
Mitunter ist der Supermarkt-Diebstahl auch gewerbsmäßig organisiert. Wie der SWR berichtete, soll ein Mann im April bei einem Mannheimer Großmarkt mehr als 300 Einkaufswagen gestohlen und dann an einen Schrotthändler weiterverkauft haben.

Kurios: In einem Edeka-Markt in Laim tauchte Ende vergangenen Jahres ein Einkaufswagen auf, der sieben Jahre zuvor im rund 300 Kilometer entfernten Volkach verschwunden war.
Einkaufswagen weg: Unterschlagung, Gebrauchsanmaßung oder Diebstahl?
Wenn sich ein Kunde mit dem Einkaufswagen vom Acker macht, ist es juristisch gesehen nicht trivial, einen Diebstahl nachzuweisen – also handelt es sich da erst einmal um eine Unterschlagung.

Bringt der Kunde den Einkaufswagen umgehend wieder zurück, spricht man von einer Gebrauchsanmaßung, und die ist im Gegensatz zu einem Diebstahl straffrei. Natürlich kann der Besitzer die Angelegenheit zivilrechtlich als Eigentumsverletzung verfolgen lassen. Das kann für den Dieb eine Geldstrafe nach sich ziehen. Außerdem kann der Supermarkt-Betreiber für eine festgelegte Zeit ein Hausverbot verhängen.
Ein Diebstahl kann laut § 242 Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder mit einer Geldstrafe geahndet werden. Sollten Sie den Einkaufswagen aus Gründen nicht zum Supermarkt zurückbringen können, müssen Sie den Eigentümer informieren.
Ladendiebstahl in Deutschland: Waren im Wert von mehr als 4,3 Mrd. Euro entwendet
Auch der ganz normale Wahnsinn des Ladendiebstahls wird für die Supermärkte zu einem immer größeren Problem. Die durch Diebstahl im deutschen Einzelhandel entstandenen Schäden erreichten im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand, wie eine Studie des Handelsforschungsinstituts EHI zeigt.
Demnach wurden Waren im Wert von mehr als 4,3 Milliarden Euro entwendet, das bedeutet ein Anstieg von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit etwa 3,05 Milliarden Euro entfällt der größte Anteil auf den Kundendiebstahl.
Jusic: "Fremdes Eigentum wird nicht mehr geschätzt, da fehlt jeder Respekt"
Etwa ein Drittel davon wird organisierten Tätergruppen zugerechnet. Auf Diebstähle durch eigene Beschäftigte der Handelsunternehmen entfallen Schäden von rund 910 Millionen Euro, weitere 370 Millionen Euro gehen auf Personal von Lieferanten und Dienstleistern zurück.
Er habe auch mal einen Ladendetektiv engagiert, da seien "in einer Woche 20 Leute beim Klauen erwischt" worden, sagt Hajrudin Jusic der AZ: "Allein sieben waren es an einem Samstag in der Filiale in Riem. Da ist es am schlimmsten." Zudem habe er innerhalb einer Woche gleich acht Mitarbeiter wegen Diebstahl entlassen müssen.
Jusic: "Es ist unfassbar, was wir uns gefallen lassen müssen"
"Es ist ein Riesenproblem – fremdes Eigentum wird einfach nicht mehr geschätzt, da fehlt jeder Respekt", berichtet der Marktleiter unter anderem über seine Erfahrungen mit Eltern, die ihr auf frischer Tat ertapptes Kind trösten, statt es aufzuklären. Von der Polizei und den Behörden fühlt er sich im Stich gelassen: "Du erstattest Anzeige, aber es passiert nichts. Es ist unfassbar, was wir uns gefallen lassen müssen – was der Staat da macht beziehungsweise nicht macht."
Ohlmann: "Die Zeche bezahlen am Ende alle, also die ehrlichen Kunden"
"Danke, dass Sie einmal deutlich aussprechen, dass nicht die Asylanten oder die Ausländer hier Raubzüge veranstalten, sondern die ehrlichen, anständigen und korrekten Deutschen mit ihren hochgelobten Werten!", kommentiert ein User den Instagram-Beitrag.
Jusic' Antwort: "Ich habe weder das eine noch das andere gesagt. Fakt ist aber, dass das ich kaum einen Asylbewerber erwische. Und es ist auch Fakt, das diese dann angezeigt werden und alle anderen nicht." Auf 100 Diebe komme vielleicht ein Asylbewerber, so Jusic zur AZ, "der Rest sind Menschen wie du und ich, also auch Oma Gertrud".
Bernd Ohlmann: "Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt, und die Zeche bezahlen am Ende alle, also die ehrlichen Kunden. Denn die Betriebskosten steigen auf diese Weise, weil das auf die Preise umgelegt wird. Oder es wird eben an einem anderen Ende gespart."