"Auf 100 Diebe kommt vielleicht ein Asylbewerber": So leidet der Inhaber eines Münchner Supermarktes

Ein wütender Instagram-Beitrag eines enttäuschten Supermarkt-Betreibers wirft ein Schlaglicht auf zwei Probleme des Einzelhandels. Die AZ hat die Hintergründe.
Guido Verstegen
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Edeka und der US-Getränkeriese PepsiCo haben sich nach jahrelangem Streit geeinigt. (Archivbild)
Edeka und der US-Getränkeriese PepsiCo haben sich nach jahrelangem Streit geeinigt. (Archivbild) © Thomas Banneyer/dpa

Hajrudin Jusic betreibt als selbständiger Kaufmann drei Edeka-Supermärkte in Trudering, Giesing und Riem. Der 43-Jährige beklagt den ausufernden Ladendiebstahl und das Verschwinden unzähliger Einkaufswagen. "Ich frage mich, in was für einer Gesellschaft wir leben, und wie krass das alles ist!", macht der 43-Jährige seinem Ärger via Instagram Luft. 

Einkaufswagen-Klau sorgt für Millionenschaden bei deutschen Supermärkten 

"Wieso klaut man Einkaufswagen?", fragt eine Nutzerin in der Kommentarspalte. "Keine Ahnung, eventuell zum Verkauf oder man nimmt sie einfach mit, weil man nicht tragen will, und die werden dann weggeworfen! Keine Ahnung, die sind auf jeden Fall weg", antwortet Jusic.

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Im Gespräch mit der AZ wird der Marktleiter konkreter: "Es gibt auch Leute, die fahren mit dem Einkaufswagen an die Isar, drehen den dort dann irgendwann um und grillen damit. Oder der wird irgendwo wild in der Gegend abgestellt."

Laut Handelsverband Bayern sind im Freistaat 320.000 Einkaufswagen im Einsatz, deren 16.000 verschwinden demnach jährlich. (Symbolbild)
Laut Handelsverband Bayern sind im Freistaat 320.000 Einkaufswagen im Einsatz, deren 16.000 verschwinden demnach jährlich. (Symbolbild) © IMAGO/Elmar Gubisch

Erst im November letzten Jahres habe er 200 neue Einkaufswagen gekauft, so Jusic weiter: "Davon sind jetzt noch 15 Stück übrig. Ich muss die ersetzen und überhaupt ständig nachbestellen. Das ist Wahnsinn und ein großer Schaden." Der Schaden, der den Supermärkten jedes Jahr durch den Einkaufswagen-Klau entsteht, geht in die Millionen. "Je nach Ausstattung kostet ein Einkaufswagen zwischen 150 und 250 Euro", sagt Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverbandes Bayern, der AZ.

Bayerisches Unternehmen stellt 2,5 Millionen Einkaufswagen im Jahr her

Nach Angaben des Verbandes legt ein Einkaufswagen im Jahr rund 40.000 Kilometer zurück, etwa 320.000 Einkaufwagen sind in Bayern im Einsatz, deren 16.000 verschwinden demnach jährlich im Freistaat.

Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverbandes Bayern.
Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverbandes Bayern. © Stefan Puchner/dpa

Ungefähr jeder zweite Einkaufswagen der Welt wird in der Metallwarenfabrik der Firma Wanzl in Leipheim, zwischen Ulm und Augsburg, hergestellt: Per anno entstehen dort 2,5 Millionen Stück, das Unternehmen bringt es auf einen jährlichen Umsatz von rund 800 Millionen Euro.

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In den Supermärkten denken die Verantwortlichen über Gegenmaßnahmen nach. "Es gibt auch Händler, die ihre Einkaufswagen mit Wegfahrsperren ausrüsten lassen – man kommt dann also nicht vom Parkplatz runter", sagt Ohlmann. 

Vor sieben Jahren verschwundener Einkaufswagen taucht in Laimer Supermarkt auf 

Mitunter ist der Supermarkt-Diebstahl auch gewerbsmäßig organisiert. Wie der SWR berichtete, soll ein Mann im April bei einem Mannheimer Großmarkt mehr als 300 Einkaufswagen gestohlen und dann an einen Schrotthändler weiterverkauft haben.

Momentaufnahme 2: Dieser Einkaufswagen stand am Dienstag beim Westbad in Pasing.
Momentaufnahme 2: Dieser Einkaufswagen stand am Dienstag beim Westbad in Pasing. © Guido Verstegen

Kurios: In einem Edeka-Markt in Laim tauchte Ende vergangenen Jahres ein Einkaufswagen auf, der sieben Jahre zuvor im rund 300 Kilometer entfernten Volkach verschwunden war.

Einkaufswagen weg: Unterschlagung, Gebrauchsanmaßung oder Diebstahl?

Wenn sich ein Kunde mit dem Einkaufswagen vom Acker macht, ist es juristisch gesehen nicht trivial, einen Diebstahl nachzuweisen – also handelt es sich da erst einmal um eine Unterschlagung.   

Momentaufnahme 3: Ein in Untergiesing gestrandeter Einkaufswagen.
Momentaufnahme 3: Ein in Untergiesing gestrandeter Einkaufswagen. © Carmen Merckenschlager

Bringt der Kunde den Einkaufswagen umgehend wieder zurück, spricht man von einer Gebrauchsanmaßung, und die ist im Gegensatz zu einem Diebstahl straffrei. Natürlich kann der Besitzer die Angelegenheit zivilrechtlich als Eigentumsverletzung verfolgen lassen. Das kann für den Dieb eine Geldstrafe nach sich ziehen. Außerdem kann der Supermarkt-Betreiber für eine festgelegte Zeit ein Hausverbot verhängen.

Ein Diebstahl kann laut § 242 Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder mit einer Geldstrafe geahndet werden. Sollten Sie den Einkaufswagen aus Gründen nicht zum Supermarkt zurückbringen können, müssen Sie den Eigentümer informieren.

Ladendiebstahl in Deutschland: Waren im Wert von mehr als 4,3 Mrd. Euro entwendet

Auch der ganz normale Wahnsinn des Ladendiebstahls wird für die Supermärkte zu einem immer größeren Problem. Die durch Diebstahl im deutschen Einzelhandel entstandenen Schäden erreichten im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand, wie eine Studie des Handelsforschungsinstituts EHI zeigt.

Demnach wurden Waren im Wert von mehr als 4,3 Milliarden Euro entwendet, das bedeutet ein Anstieg von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit etwa 3,05 Milliarden Euro entfällt der größte Anteil auf den Kundendiebstahl.

Jusic: "Fremdes Eigentum wird nicht mehr geschätzt, da fehlt jeder Respekt"

Etwa ein Drittel davon wird organisierten Tätergruppen zugerechnet. Auf Diebstähle durch eigene Beschäftigte der Handelsunternehmen entfallen Schäden von rund 910 Millionen Euro, weitere 370 Millionen Euro gehen auf Personal von Lieferanten und Dienstleistern zurück.

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Er habe auch mal einen Ladendetektiv engagiert, da seien "in einer Woche 20 Leute beim Klauen erwischt" worden, sagt Hajrudin Jusic der AZ: "Allein sieben waren es an einem Samstag in der Filiale in Riem. Da ist es am schlimmsten." Zudem habe er innerhalb einer Woche gleich acht Mitarbeiter wegen Diebstahl entlassen müssen. 

Jusic: "Es ist unfassbar, was wir uns gefallen lassen müssen"

"Es ist ein Riesenproblem – fremdes Eigentum wird einfach nicht mehr geschätzt, da fehlt jeder Respekt", berichtet der Marktleiter unter anderem über seine Erfahrungen mit Eltern, die ihr auf frischer Tat ertapptes Kind trösten, statt es aufzuklären. Von der Polizei und den Behörden fühlt er sich im Stich gelassen: "Du erstattest Anzeige, aber es passiert nichts. Es ist unfassbar, was wir uns gefallen lassen müssen – was der Staat da macht beziehungsweise nicht macht."    

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Ohlmann: "Die Zeche bezahlen am Ende alle, also die ehrlichen Kunden"

"Danke, dass Sie einmal deutlich aussprechen, dass nicht die Asylanten oder die Ausländer hier Raubzüge veranstalten, sondern die ehrlichen, anständigen und korrekten Deutschen mit ihren hochgelobten Werten!", kommentiert ein User den Instagram-Beitrag.

Jusic' Antwort: "Ich habe weder das eine noch das andere gesagt. Fakt ist aber, dass das ich kaum einen Asylbewerber erwische. Und es ist auch Fakt, das diese dann angezeigt werden und alle anderen nicht." Auf 100 Diebe komme vielleicht ein Asylbewerber, so Jusic zur AZ, "der Rest sind Menschen wie du und ich, also auch Oma Gertrud". 

Bernd Ohlmann: "Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt, und die Zeche bezahlen am Ende alle, also die ehrlichen Kunden. Denn die Betriebskosten steigen auf diese Weise, weil das auf die Preise umgelegt wird. Oder es wird eben an einem anderen Ende gespart."

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  • Kritischer Beobachter vor einer Stunde / Bewertung:

    Seit Jahren gibt es den Vorschlag, einfachen Ladendiebstahl als Ordnungswidrigkeit zu verfolgen. Dann könnte die Polizeibehörde, die die Anzeige aufnimmt, zum Abschluss einen Bußgeldbescheid über 500 € oder 1000 € oder auch höher je nach Warenwert verhängen. Automatisiert, wie beim Rotlichtverstoß im Straßenverkehr. Stattdessen muss die Polizei ermitteln, einen Bericht schreiben. Eine ohnehin überlastete Staatsanwältin muss den Bericht überprüfen und einen Strafbefehl entwerfen. Der Strafrichter prüft anhand der Ermittlungsberichte der Polizei und der Staatsanwaltschaft nochmals und unterschreibt. Wegen dieses bürokratischen Aufwands werden die meisten Ladendiebstähle wegen Geringfügigkeit eingestellt und der Ladendieb bleibt straflos. Das effektive, schnelle und spürbare Bußgeldverfahren wird seit Jahrzehnten von den politischen Hardlinern abgelehnt, weil man lieber die allermeisten Täter straflos lässt, als den Ladendiebstahl "zu entkriminalisieren".

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  • Leserin21 vor einer Stunde / Bewertung:

    Das Miteinander und der Respekt vor fremdem Eigentum schwinden leider spürbar. Ein Paradebeispiel dafür ist auch der Zustand der Altglas-Container im Stadtgebiet. Es ist unglaublich, wie manche Leute diese Orte im Schutz der Dunkelheit als private Sperrmülldeponie missbrauchen. Dort finden sich auch oft gestohlene Einkaufswagen. Das ist kein Kavaliersdelikt mehr, sondern rücksichtslose Umweltverschmutzung auf Kosten der Allgemeinheit. Da die Appelle an die Vernunft offenbar fehlschlagen, sollte man über wirksamere Maßnahmen nachdenken. Eine datenschutzkonforme Videoüberwachung an bekannten Brennpunkten wäre hier absolut angemessen, um Täter endlich auf frischer Tat zu ertappen. Wer erwischt wird, sollte saftige Geldstrafen zahlen müssen. Um eine echte Abschreckungswirkung zu erzielen, sollten die Behörden die Zahl und die Höhe der verhängten Bußgelder regelmäßig veröffentlichen.

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  • Boandl_kramer vor einer Stunde / Bewertung:

    Seit 11/25 hat der 185 Einkaufswagen eingebüßt. Wenn das in anderen Läden ähnlich ist, müsste die Stadt längst voll mit diesen Dingern sein. Die sind ja fast unkaputtbar.

    Kann man nicht irgendeine Form von ID-Chip in die Wägen einbauen, mit dem man sie orten und wiederfinden kann? Vielleicht bekäme man dann auch heraus, wer sie klaut und warum.

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