"Auch nach so vielen Jahren": In München werden noch immer Vermisstenfälle aus dem Krieg geklärt

Ursula hielt den Atem an. Sie hatte das Kind nie gesehen, und doch war ihr sein Gesicht so vertraut, als hätte sie gestern noch mit ihm gesprochen. Herzschmerz! "Suchkind 312" war ein heftiger Druck auf die Tränendrüse. Dass der Fortsetzungsroman in den 1950er-Jahren in der Fernsehzeitschrift "Hörzu" so gut funktionierte, lag auch daran, dass er ein Schicksal aufgriff, das es hunderttausendfach in Nachkriegsdeutschland gab: Kinder, die 1945 durch Flucht und Vertreibung von ihren Eltern getrennt wurden, manche so klein, dass sie ihren Namen nicht kannten.
Deutsches Rotes Kreuz: Seit 80 Jahren suchen Menschen nach ihren vermissten Angehörigen
In "Suchkind 312" ist es die fiktive Ursula Gothe, die auf einem Suchbild in der Zeitung ihre Tochter Martina erkennt. Im wahren Leben ist für solche Fälle der DRK-Suchdienst da.
Seit 80 Jahren suchen Menschen nach ihren vermissten Angehörigen – heuer, zum runden Gedenkjahr, besonders viele, berichtet Maria Poguntke, Fachbereichsleitung Nachforschungen, Schicksalsklärungen Zweiter Weltkrieg beim DRK in München. Ihre Stelle ist für alle Vermisstenfälle dieser Epoche zuständig.
Inzwischen suchen auch Enkel und Urenkel der Vermissten
"Die Anzahl der Anfragen zur Schicksalsklärung Zweiter Weltkrieg ist mit 7000 bis 10.000 pro Jahr ungebrochen hoch. Außerdem bearbeitet der DRK-Suchdienst Anfragen zu Angehörigen, die aufgrund aktueller Krisen oder Konflikte vermisst werden und berät Schutzsuchende zu den Möglichkeiten für eine Familienzusammenführung", sagt Poguntke der AZ.

Am 1. Dezember 1945 trat die Verordnung Nr. 26 "über die Nachforschungen nach Vermißten" in Kraft, die dem BRK die Durchführung übertrug.
Inzwischen suchten auch Enkel und Urenkel der Vermissten, sagt Poguntke. "Heute haben wir andere technische Möglichkeiten als vor 60, 70, 80 Jahren." Archivbestände seien nicht nur digitalisiert, sondern auch indexiert, sodass Verknüpfungen erstellt werden könnten.
Aus zwei Millionen Kriegsgefangenen- und Interniertenakten seien in den 1990er- und 2000er-Jahren Scans erstellt worden. In den Jahren 2010/11 erhielt der Suchdienst fünf Millionen Karteikarten aus dem russischen staatlichen Militärarchiv in Moskau – zum Glück. "Wir müssen in der ehemaligen Sowjetunion kaum mehr recherchieren", sagt Poguntke.
Erfolgsquote von bis zu 43 Prozent
"Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit mit allen anderen 190 Schwestergesellschaften der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung möglich. Das passiert aber eher im Kontext aktueller Suchen." Als Teil des internationalen Suchdienst-Netzwerks erhalte das Deutsche Rote Kreuz viele Anfragen, stelle seinerseits aber auch welche.

Über die Jahrzehnte hat sich bei der Schicksalsklärung Zweiter Weltkrieg laut Poguntke eine Erfolgsquote von 40 bis 43 Prozent ergeben, also der Anteil der Anfragen, "bei denen es möglich ist, schicksalsklärende Informationen zu geben". Angaben etwa zur Person und wo jemand in Gefangenschaft geraten sei, seien in 57 Prozent der Fälle möglich gewesen.
"Krieg und Vertreibung ließen jede Spur verschwinden"
Des Öfteren geschehe es, dass frühere Anfragen in Nachlässen gefunden werden. "Dann stellen die Angehörigen die Anfrage oft neu." Für Familien sei eine Auskunft für den Trauerprozess sehr wichtig, "auch nach so vielen Jahren". Dabei kann immer noch Großes bewegt werden: Poguntke erinnert sich an einen recht frischen Fall, in dem eine Enkelin nach ihrem Großvater suchte, dessen Namen sie nicht einmal genau wusste – die Mutter war unehelich geboren. "Krieg und Vertreibung ließen damals jede Spur verschwinden."
Der Suchdienst konnte eine ganze Familie zusammenführen
Der Suchdienst konnte das Schicksal des Großvaters klären und eine ganze Familie zusammenführen – nach der Vertreibung aus dem nun tschechischen Gablonz nach Neugablonz in Bayern. Bis 2028 ist die Verlängerung der Arbeit des Suchdienstes gesichert. Aber auch danach wünscht man sich ein Fortbestehen: bis 100 Jahre nach Kriegsende, so habe es DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt gefordert. "Wir sehen den gesellschaftlichen Bedarf", sagt Poguntke.
Liebe Leser, für die nächste Folge wenden wir uns an Sie: Haben Sie Erinnerungen an das Weihnachtsfest 1945 oder können sich erinnern, was die Eltern erzählten? Dann schreiben Sie uns bis 10. Dezember an politik@abendzeitung.de. Eine Auswahl werden wir in der nächsten Folge veröffentlichen. Vielen Dank!