Arbeit in München: Wenn ein Job nicht zum Leben reicht

Immer mehr Menschen in München haben einen Minijob – zusätzlich zu ihrem eigenen. Fast jeder zehnte geringfügig Beschäftigte ist außerdem Rentner.
| Anja Perkuhn
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Putzen, kellnern, verkaufen: Bis zu 450 Euro kann man steuerfrei mit einer geringfügigen Beschäftigung dazuverdienen. Viele haben keine andere Wahl.
dpa/Franziska Kraufmann Putzen, kellnern, verkaufen: Bis zu 450 Euro kann man steuerfrei mit einer geringfügigen Beschäftigung dazuverdienen. Viele haben keine andere Wahl.

München - Geringfügige Beschäftigung heißt es, doch für viele Menschen sind die 450 Euro aus einem Minijob der große Unterschied. In München verdienen 149.323 Menschen auf diese Weise dazu.

Wie im Bundesdurchschnitt sind es auch hier mehr Männer als Frauen. Die Zahl derer, die ausschließlich einem Minijob nachgehen, sinkt: 80.529 sind es in München im Juni 2016 gewesen – im Vorjahreszeitraum waren es noch 81.747.

Währenddessen steigt allerdings die Zahl der Menschen, die einen Minijob zusätzlich zu ihrer Vollzeitbeschäftigung haben – und zwar deutlich: 68.794 hatten in München im Juni 2016 eine geringfügige Beschäftigung als Nebenerwerb angemeldet. Im Juni 2015 waren es noch etwa 3.000 weniger, nämlich 65.617.

"Sie müssen jeden Cent zweimal umdrehen, auch bei Kleinigkeiten"

"Den Anstieg der Zahl der Beschäftigten, die zusätzlich zu ihrer Arbeit einen Minijob haben, beobachten wir schon lange", sagt Simone Burger, Vorsitzende des lokalen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). "München ist eine wunderschöne Stadt, aber auch sehr teuer. Immer mehr Menschen hier müssen jeden Cent zweimal umdrehen, selbst bei Kleinigkeiten im Alltag." Das dürfe nicht sein: Wer Vollzeit arbeite, solle von seinem Lohn auch gut leben können.

Burger sieht – wenig überraschend – ein großes Problem beim Thema Wohnen: "Der Anstieg der Löhne kommt den Steigerungen bei den Mietpreisen nicht hinterher." Die Mietpreisbremse müsse verbessert, Sanktionen in das Gesetz eingearbeitet werden.

AZ-Kommentar zum Thema: Minijob-Münchner – Alarmierende Zahlen

Nun finden nicht alle Minijobs per se schlecht: Befürworter halten sie für ein sinnvolles Instrument für betriebliche Flexibilität und gegen Schwarzarbeit. Kritiker sehen sie allerdings als eine der Hauptursachen für die steigende Niedriglohnbeschäftigung und Altersarmut. Nach Auffassung des DGB werden Minijobber aber als Beschäftigte zweiter Klasse behandelt. Sie erhielten nicht nur geringere Gehälter, häufig werden ihnen auch Arbeitnehmerrechte vorenthalten.

Alle Hoffnungen, Minijobs könnten für Langzeitarbeitslose oder Job-Rückkehrer eine Brücke in den regulären Arbeitsmarkt sein, hätten sich nicht erfüllt, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Mittwoch bei einer Tagung zum Thema. Der Koalitionsvertrag verspreche, den 7,4 Millionen Minijobbenden den Weg in reguläre sozialversicherte Beschäftigung zu erleichtern und sie besser über ihre Rechte zu informieren. "Aber nach wie vor besteht dringender Handlungsbedarf."

Stattdessen ist die geringfügige Beschäftigung für viele eben eine Möglichkeit zur Aufstockung – immer häufiger auch für Ältere. Nach aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit arbeiten fast eine Million Menschen über 65 in einem Minijob, zum Beispiel im Einzelhandel oder in der Gastronomie.

17.135 Münchner über 65 Jahren arbeiten in einem Minijob

Viele Unternehmen seien sehr daran interessiert, erfahrene Mitarbeiter zu halten, heißt es von der Agentur. Viele Menschen arbeiteten zudem weiter, um ihren Lebenstandard halten zu können.

Eine Entwicklung, die auch in München zu beobachten ist: Hier haben 17.135 Menschen über 65 einen Minijob. Knapp 400 weniger waren es ein Jahr vorher. Insgesamt sind 11 Prozent der Münchner Minijobber Senioren – fast jeder Zehnte.

Ein Zweitjob-Münchner erzählt:

Über die Beweggründe, nach dem Arbeitsleben weiter zu arbeiten, kann man nur spekulieren. Nicht alle, die in der Statistik auftauchen, werden aber Abwechslung für ihren Renten-Alltag suchen. Viele, sagt der DGB, können nur so ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Einige von diesen suchen sich auch Hilfe bei der Insolvenz- und Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt München-Stadt und des DGB. Die Zahl der Klienten, die noch einen Nebenerwerb haben, stieg 2016 von 22 auf 26 Personen, sagt Beratungsstellen-Leiterin Inge Brümmer.

Immerhin eine gute Nachricht hat sie: "In jedem Fall geht aus unseren Zahlen hervor, dass die Höhe solcher Einkünfte gestiegen ist", sagt sie – durchschnittlich von 304,64 auf 330,84 Euro pro Monat.

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