Anschlagsserie in Waldkraiburg vor Gericht: Terrorist mit "Tunnelblick"

Anschlagsserie auf türkische Läden in Waldkraiburg: Der Angeklagte hatte sich mit IS-Videos im Internet radikalisiert. Er gesteht die Taten.
| John Schneider
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Der wegen versuchten Mordes in 31 Fällen angeklagte Mann vor dem Prozessbeginn.
Der wegen versuchten Mordes in 31 Fällen angeklagte Mann vor dem Prozessbeginn. © Sven Hoppe/dpa

Waldkraiburg/München - Sie sind mit dem Schrecken und einer Rauchvergiftung davon gekommen. Franz Xaver Freimuth erinnert sich noch gut an den Knall. "Das klang wie ein Laster, der einen Glascontainer fallenlässt", erinnert sich der 26-Jährige an die Nacht zum 27. April 2020.

Schnell war klar: Das Waldkraiburger Mehrfamilienhaus brannte. Der Rauch breitete sich überall aus, machte die Flucht durch die Haustür unmöglich.

Schrecken in der Nacht: die Opfer Lena Spelhofer und Franz Xaver Freimuth vor dem Strafjustizzentrum.
Schrecken in der Nacht: die Opfer Lena Spelhofer und Franz Xaver Freimuth vor dem Strafjustizzentrum. © jot

Ihm und seiner Freundin Lena Spelhofer (21) gelang es aber aus eigener Kraft, über den Keller und die Tiefgarage vor dem Brand zu fliehen. Auch die 24 anderen Bewohner entkamen. Eine Frau musste dabei aber von den Rettern mit einer Drehleiter aus ihrer Wohnung geholt werden.

Anschläge in Waldkraiburg: Prozess-Auftakt in München

Seit Dienstag sitzt der Mann, der den Brand legte, im Saal 101 des Münchner Strafjustizzentrums auf der Anklagebank. Muharrem D. handelte aus Türkenhass, sagt er. Weil er der IS-Propaganda glaubte, dass diese den falschen Islam predigen würden und dabei nur auf den eigenen Vorteil bedacht seien. Im Erdgeschoss des Hauses war ein türkisches Geschäft untergebracht, deshalb der Brandanschlag dort. Er hatte sich zuvor, obwohl selber "nur schwach gläubig", wie er sagt, über Jahre im Internet mit IS-Videos radikalisiert. Dort fand er auch die Anleitungen zum Bombenbau.

Sein Mandant habe sich während der Ermittlungen konstruktiv verhalten und werde auch im Prozess Fragen beantworten, erklärt Verteidiger Christian Gerber, der gemeinsam mit Anwalt Matthias Bohn den Angeklagten vertritt. Tatsächlich erklärt Muharrem D., dass alles, was in der Anklageschrift stehe, auch so stimme. Er habe mit "Tunnelblick" seine terroristischen Ziele verfolgt. In den vergangenen zehn Jahren habe er dadurch den Kontakt zu seiner Familie, seinen Freunden verloren.

Angeklagter hatte weitere Anschläge geplant

Der Generalbundesanwalt wirft ihm nach der Serie von Anschlägen auf türkische Läden im April und Mai 2020 versuchten Mord in 31 Fällen, schwere Brandstiftung und die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor. Als ihn die Polizei festnahm, hatte er Rohrbomben und kiloweise Sprengstoff dabei, die er vorher lange in seinem Auto in einer Tiefgarage in Garching an der Alz gelagert hatte.

Was wäre denn passiert, fragt der Senatsvorsitzende Jochen Bösl den Angeklagten, wenn er nicht festgenommen worden wäre im Mai 2020? "Dann könnte vieles passieren", entgegnet der 26-Jährige.

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Inzwischen bereut Muharrem D. die Taten

Der Senatsvorsitzende hat bereits zu Beginn des Prozesses darauf hingewiesen, dass auch eine Unterbringung in der Psychiatrie für den Angeklagten in Frage komme. Inzwischen bereut Muharrem D. die Taten, will sich bei seinen Opfern persönlich entschuldigen. "In der Untersuchungshaft habe ich einen klaren Kopf bekommen." Ihm sei aufgefallen, "dass die Welt bunt ist, und es nicht nur immer ums Schlachten geht und ums Kämpfen".

Lena Spelhofer kann zwar nachvollziehen, wie man in einen solchen Sog geraten kann. "Eine Entschuldigung für das was er getan hat, ist das aber nicht", macht sie deutlich. Immerhin, sie hat den Schrecken inzwischen gut verarbeitet, sagt sie. Bei ihrem Freund sieht das etwas anders aus. Der Elektrounternehmer musste aus der Wohnung, die er auch als Büro nutzte, ausziehen und bei seiner Familie unterkommen.

Den Prozessauftakt haben die beiden Opfer als Nebenkläger verfolgt. Sie wollten sehen, wer warum für dieses flammende Inferno gesorgt hat.

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