Anschlag auf Verdi-Demo in München: Was eine Islamwissenschaftlerin sagt

Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. So wie am Donnerstag im großen Saal des Strafjustizzentrums. Aufgrund der Bullenhitze kommen die Prozessbeteiligten auch im Innern des Betonklotzes an der Nymphenburger Straße ins Schwitzen. Der Vorsitzende Richter Michael Höhne hat ein Einsehen und hebt den Robenzwang für Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte auf: kollektives Aufatmen im Saal.
Farhad N. (25) wird vorgeworfen, seinen Mini Cooper am 13. Februar 2025 in einen Demo-Zug der Gewerkschaft Verdi in der Seidlstraße gesteuert zu haben. Eine 37-Jährige und ihre zweijährige Tochter starben später, 43 weitere Demo-Teilnehmer wurden verletzt.
Eine Einschätzung der Tat
Eine Islamwissenschaftlerin (37) versucht am Donnerstag eine Einschätzung der Tat. Farhad N. habe sich im Gespräch mit ihr aber sehr sprunghaft verhalten. Die Tat könne nicht als klassischer Dschihadismus gesehen werden, sagt sie. Es sei kein Anschlag auf "Ungläubige" aufgrund ideologischer Überzeugung gewesen.
Das Motiv war scheinbar, so die Wissenschaftlerin, die Gewalt zu rächen, die der muslimischen Bevölkerung im Nahen Osten unter anderem durch Donald Trump widerfährt. Farhad N. gibt an, dass Gott ihm gesagt habe, er solle den Anschlag begehen.
Der Angeklagte will sich aber nicht weiter dazu äußern, der Anschlag sei eine private Sache zwischen ihm und Gott, habe er gesagt. Laut der islamischen Theologie sind Gespräche mit Gott jedoch nicht möglich. Es gebe bei ihm keine Bezüge zum IS oder den Taliban.
Keine klassische Radikalisierung
Der Dschihad geschieht aus einer festen Überzeugung heraus, so die Sachverständige, bei Farhad N. waren jedoch auch Zweifel zu erkennen. Der Angeklagte ging zudem davon aus, bei seiner Tat zu sterben.
Farhad N. benutze keinen dschihadistischen Duktus, es sei bei ihm auch keine klassische Radikalisierung zu erkennen. Im Oktober 2024 sei er dann plötzlich sehr gläubig und gewissenhaft geworden, er folge aber keiner einheitlichen Ideologie und besitze auch keine tiefergehenden theologischen Kenntnisse.
Neben der Sachverständigen werden auch vier Bekannte von Farhad N. vom Gericht zu ihren Eindrücken von dem Angeklagten befragt. Wie an den anderen Verhandlungstagen zuvor zeichnen die Zeugen fast durchweg ein positives Bild von dem 25-Jährigen. Die Vokabeln "freundlich", "höflich", "hilfsbereit" fallen immer wieder. Extremistische Tendenzen, radikale Äußerungen? Fehlanzeige. Genauso wenig wie psychische Auffälligkeiten.
Historisches am Rande: Es ist die letzte Verhandlung im Saal A 101, der viele spektakuläre Prozesse vom Parkhaus-Mord bis zum NSU gesehen hat.