AnnenMayKantereit in München: Die Frauen fallen fast in Ohnmacht wie bei einem Beatleskonzert

Die Olympiahalle bei AnnenMayKantereit ist voll. Es ist der erste von drei Auftritten in München. Eine Kritik.
Moses Wolff |
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AnnenMayKantereit live in München: Sänger Henning May arbeitet gewissenhaft am Charisma, setzt Pausen, wirft Blicke, hebt die Stimme und senkt sie wieder.
AnnenMayKantereit live in München: Sänger Henning May arbeitet gewissenhaft am Charisma, setzt Pausen, wirft Blicke, hebt die Stimme und senkt sie wieder. © Jens Niering (Jens Niering)

Rechtsanwaltskanzleien fügen gern die Nachnamen ihrer Mitarbeiter zusammen und heißen dann ScholzNeuhauserThiel. Diesen Kniff haben sich drei junge Kölner Musiker 2011 zu Herzen genommen und nennen sich seither AnnenMayKantereit. Ihr Erfolg ist unbeschreiblich, kürzlich spielten sie noch in der Fußgängerzone, dann in kleinen Hallen, dann im Zenith, nun machen sie drei Mal hintereinander die Olympiahalle voll.

Ihr Publikum ist seit Anbeginn überwiegend jung, höflich und vermutlich in der Lage, einen Zeltplatz sauberer zu verlassen, als es ihn vorgefunden hat. Einst trug gefühlt jeder dritte Fan, ob weiblich oder männlich, einen Dutt, inzwischen ist diese Mode verschwunden. Am Merch-Stand gibt es eine riesige Wand mit wirklich vielen Produkten zu moderaten Preisen, Feuerzeuge, Socken, Schlüsselanhänger, Poster, Armbänder, Kühlschrankmagneten, T-Shirts, Kappen und Wollmützen.

AnnenMayKantereit in München: Der Saal ist rappelvoll

Der Saal ist rappelvoll, aber ruhig. Die Begeisterung der Fans äußert sich weniger in Randale, als durch jenes beinahe unmerkliche Wippen, bei dem es aussieht, als dächte man gleichzeitig über Herzschmerz und die nächste Hausarbeit nach. Zehn Minuten nach Konzertbeginn sind die Getränkestände im Zwischen- und Obergeschoss geschlossen. Das Publikum ist tatsächlich gekommen, um Musik und Texte zu hören. Auf der Bühne gibt es kein Feuer, kein Konfetti und keinen Zirkus. Dafür erfreulich gut abgemischte und abwechslungsreiche Songs.

Henning May trägt die Gitarre weit oben auf Brusthöhe und singt mit einer Stimme, als hätte jemand Kieselsteine in einen sehr guten Rotwein gerührt. Diese Stimme ist vermutlich der eigentliche Grund, dem die Band ihren Erfolg verdankt: Sie passt zu Mays freundlichem, beinahe unscheinbarem schwiegermuttertauglichem Äußeren. Schätzungsweise 80 Prozent der Besucherinnen und Besucher sind über beide Ohren in ihn verschossen.

Wenn eine Geste ein wenig zu groß gerät, fangen die Fans sie auf

Der Sänger wirft dramatisch den Kopf nach hinten, während er sein Piano bedient. . Er arbeitet gewissenhaft am Charisma, setzt Pausen, wirft Blicke, hebt die Stimme und senkt sie wieder. Wenn eine Geste ein wenig zu groß gerät, fangen die Fans sie auf. Sie lieben ihn. Liebe ist eine Bühnentechnik, die auch funktioniert, wenn sie vorher niemand programmiert hat. Henning steht auf, schreitet in seiner Turnhose nach vorn, blickt an einen imaginären Punkt, die Frauen fallen fast in Ohnmacht wie bei einem Beatleskonzert.

AnnenMayKantereit überzeugt beim Konzert in München.
AnnenMayKantereit überzeugt beim Konzert in München. © Jens Niering (Jens Niering)

Christopher Annen sieht mittlerweile aus wie ein musizierender Harry Potter. Er spielt Weisen auf seiner Mundharmonika, die Bob Dylan nicht gänzlich unbekannt vorkommen dürften. Ferdinand Schwarz steuert wunderbare Trompetenpassagen bei, später kommen weitere Bläser hinzu. Die Band agiert überhaupt mit jener unaufdringlichen Genauigkeit, die selten auffällt, weil sie gerade darin besteht, nicht aufzufallen.

AnnenMayKantereit in München: Blixa Bargeld und Rio Reiser zugleich

Der Frontmann bemüht sich nach Kräften, zugleich Blixa Bargeld, Rio Reiser, aber auch ein bisschen Henning May zu sein. Das geht nicht immer vollständig auf, bleibt aber interessant. Mal singt er, mal spricht er, mal beschwört er. Gelegentlich klingt es, als habe jemand Ton Steine Scherben durch die Gegenwart getragen, gründlich entstaubt und mit frischem Proviant versorgt.

Zwischen den Liedern erzählt May von einem neuen Album. Es soll in München entstehen. Heute hat man zu diesem Zweck eine zusätzliche Bühne eingerichtet, eine Art Studio beziehungsweise Proberaum vor mehreren tausend Zuschauern. Es fällt auf, dass die Menschen bei dieser Band tatsächlich hinhören. Besonders stolz ist May darauf, keine künstliche Intelligenz zu verwenden. Vielleicht ist es inzwischen eine eigene Kunstform, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass man seine Kunst noch selbst gemacht hat. Immerhin steht hier ein Mensch vor anderen Menschen und singt Lieder, die nicht aus einer Rechenmaschine gefallen sind. Überhaupt bleibt alles angenehm unverstellt. Auffällig wenige Smartphones werden hochgehalten. Auch das ist inzwischen beinahe Avantgarde.

AnnenMayKantereit covert internationale Stars in München

Später werden Amy Winehouse und andere internationale Stars gecovert. Und Rio Reiser ist ohnehin schwer loszuwerden. May wurde schon 2016 darauf angesprochen, wie sehr seine Stimme bisweilen an ihn erinnere. Ton Steine Scherben, erklärte er damals, habe schon sein Vater gern gehört. So etwas bleibt natürlich hängen. Eltern hinterlassen schließlich nicht nur Verhaltensweisen, Gesichtszüge und die Frage, warum man bestimmte Dinge irgendwann genauso macht wie sie. May fasste das Verhältnis hübsch zusammen: "Inspiration ja, Vorbild nein."

Dennoch gibt es erstaunliche Parallelen. May singt in "Oft gefragt", einem Lied für seinen Vater: Du bist Zuhause für immer und mich, und in ihrem bekanntesten Schlager "Pocahontas": Und mir ist nicht egal, wie gut du mich kennst. Und mir ist nicht egal, wie du mich nennst. Und mir ist nicht egal, wo du grade pennst. Rio Reiser schrieb in einem seiner berühmtesten Lieder: Egal wie du mich nennst. Egal wo du heut pennst. Ich hab' so oft für dich gelogen und ich bieg dir den Regenbogen. Für dich und immer für dich. Für immer und dich. 

Fans von AnnenMayKantereit verlieren bei der Zugabe ihre Zurückhaltung

Das muss kein Zitat und schon gar kein Plagiat sein. Vielleicht ist es etwas viel Schöneres: Musik besitzt ein Gedächtnis. Einer schreibt einen Satz, ein anderer hört ihn als Kind, zwanzig Jahre vergehen, und irgendwann kommt etwas Verwandtes aus einer anderen Kehle wieder heraus. Nicht dasselbe Lied. Aber womöglich dieselbe alte Angelegenheit, an der sich Menschen seit Erfindung der Liebe erfolglos abarbeiten.

Zur eingeforderten Zugabe verlieren die bislang so wohlerzogenen Fans schließlich ihre Zurückhaltung. May kommt zunächst allein zurück und singt, als hätte er für einen Augenblick vergessen, wie viele Menschen ihm zuhören. Die Halle wird still. Man wagt kaum zu atmen. Dann kehrt die Band zurück. Plötzlich trinken alle Bier, die Halle jubelt und die Bescheidenheit hat Feierabend. May singt vom Zuhause, vom Weggehen, vom Wehtun und davon, dass einem eben doch nicht egal ist, wo die andere Person heute schläft. Inspiration von Rio Reiser ja, Vorbild nein. Schließlich kann man sich Verwandtschaft bekanntlich nicht aussuchen.

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