Angeklagter im Verdi-Prozess: Nervöses Zucken und auffällige Gesten

Am fünften Prozesstag im Fall um den Anschlag auf einen Verdi-Demonstrationszug standen erschütternde Zeugenaussagen von Demonstrationsteilnehmern und ein Video der Festnahme im Mittelpunkt. Gleichzeitig fiel das Verhalten des Angeklagten Farhad N. im Gerichtssaal auf.
Sophia Willibald,
John Schneider
John Schneider
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Wie auch am ersten Prozesstag erscheint Farhad N. am Freitag im grünen Parka und blauer Hose vor Gericht.
Wie auch am ersten Prozesstag erscheint Farhad N. am Freitag im grünen Parka und blauer Hose vor Gericht. © Peter Kneffel (dpa)

Unkontrolliert reißt Farhad N. sein Kinn nach vorne – immer und immer wieder – in Richtung des Zeugen, der gerade aussagt.

Seit Mitte Januar muss sich der 25-jährige Mann vor dem Oberlandesgericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen vor knapp einem Jahr, am 13. Februar, absichtlich in einen Verdi-Demonstrationszug gefahren zu sein. Dabei starben eine Mutter und ihr zweijähriges Kind – 44 weitere Menschen wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Nervöses Zucken und auffällige Gesten: Der Angeklagte im Verdi-Anschlagsprozess

Der 60-jährigen Frau im Zeugenstand bricht die Stimme, als sie erzählt. Sie war Teil des Demozuges, in den vor knapp einem Jahr ein Mini Cooper raste. Körperlich blieb sie zum Glück unverletzt, doch die Erinnerungen an den Tag berühren sie noch immer: "Wenn ich mir die Bilder zurückhole, höre ich noch diese Aufschläge."

Der Zeuge nach ihr wirkt bei der Schilderung der schrecklichen Ereignisse zwar deutlich gefasster, doch möglicherweise ist das auch nur ein Schutzmechanismus, wie sich am Ende seiner Vernehmung zeigt.

Der 53-jährige Elektriker erinnert sich, wie seine Kollegin unter dem Mini Cooper eingeklemmt wurde und vor Schmerzen schrie. Gemeinsam mit anderen hob er das Fahrzeug an, um sie zu befreien.

Zeuge verdrängt schlimme Ereignisse: "Es ist tief genug vergraben"

Als der Vorsitzende des Strafsenats, Michael Höhne, den Zeugen fragt, wie es ihm nach den traumatischen Ereignissen ergangen ist, antwortet der Techniker pragmatisch: "Naja, ich war nicht verletzt." Und psychisch, hakt Höhne nach. "Ich bilde mir ein, es ist tief genug vergraben", erwidert der Mann mit ruhiger Stimme.

Ein Zeuge nach dem anderen wird aufgerufen. Sie erzählen, gestikulieren, wippen nervös mit dem Bein oder haben Tränen in den Augen. Währenddessen beobachtet der Angeklagte alles ganz genau. Am Freitag erscheint der 25-Jährige auch erstmals mit einer Sehhilfe im Gerichtssaal. Vor einigen Tagen hatte er dem Vorsitzenden noch erklärt, dass er Probleme beim Sehen habe und seit einigen Wochen viel zwinkern müsse.

Das Sehproblem scheint gelöst – Farhad N. trägt jetzt eine Brille. Das Zwinkern jedoch hat er offenbar noch nicht in den Griff bekommen: Immer wieder kneift er ruckartig die Augen zusammen. Vermutlich ein Tick – ebenso wie das unkontrollierte Vorstoßen seines Kiefers.

Auf Video von der Festnahme schreit der Angeklagte ununterbrochen

Ein Zeuge mit Krücken betritt den Saal – "ein Arbeitsunfall", erklärt der 42-Jährige. Keine Folge des Anschlags. Nachdem der Mini damals in die Menschenmenge gerast sei, habe der Zeuge gegen die Scheibe geschlagen, erzählt er. Der 42-Jährige wollte an den Zündschlüssel gelangen und beobachtete dabei, wie der Fahrer wie in "Schockstarre" verharrte.

Dass diese "Starre" wohl nicht lange anhielt, zeigt die Aussage eines Polizisten (24), der danach von der Festnahme berichtet. Der Fahrer habe die ganze Zeit auf Arabisch geschrien und dabei gegrinst, erzählt der junge Mann. Dann zeigt das Gericht ein Video von der Verhaftung. Man sieht, wie die Polizisten den Fahrer des Mini in einen Innenhof tragen, um ihn den Blicken der Menschen zu entziehen. Er schreit – ununterbrochen.

Peace-Zeichen und hektische Blicke: Farhad N.s Verhalten vor Gericht

Der Mann, der da absichtlich in einen friedlichen Demonstrationszug gerast sein soll und laut Zeugenaussagen das Gaspedal auch dann noch voll durchdrückte, als er wegen der blockierenden Menschen schon gar nicht mehr weiterfahren konnte, wirkt im Gerichtssaal wie ein etwas rundlicher Junge an seinen ersten Schultagen. Seine neue Brille sitzt etwas zu weit vorne auf der Nase, während sein hektischer Blick von den Betroffenen auf den Vorsitzenden und von den Zeugen zu seinen Anwälten springt.

Während der Verhandlung selbst ist er still, redet kein Wort. Vor Beginn und in den Pausen dagegen hat Farhad N. durchaus etwas zu sagen. Er spricht aufgeregt mit seinen Anwälten und seinem Dolmetscher, lacht, fasst sich beim Händeschütteln mit der linken Hand an die Brust.

Als er jemanden im Gerichtssaal erkennt, grinst er und zeigt ein Peace-Zeichen in seine Richtung. Zu wem, lässt sich von der Zuschauertribüne aus nicht sehen. Ob der 25-Jährige sich der Tragweite der Vorwürfe bewusst ist? In den Verhandlungspausen wirkt Farhad N. jedenfalls unbeschwert, fast kindlich – kein Eindruck, wie man ihn von einem Mann erwarten würde, der wegen eines terroristischen Anschlags und zweifachen Mordes vor Gericht steht.

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  • Witwe Bolte vor 2 Stunden / Bewertung:

    Und seine Brille zahlt natürlich auch der Steuerzahler.

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