"Alles in Ordnung": So wurde Tschernobyl vor 40 Jahren in München heruntergespielt

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl prägte Christina Hacker aus München fürs Leben – und führte zur Gründung des Umweltinstituts.
von  Carmen Merckenschlager
Daten sammeln, auswerten und publizieren – gegen alle Widerstände: Christina Hacker in den Anfangszeiten des Umweltinstituts in München.
Daten sammeln, auswerten und publizieren – gegen alle Widerstände: Christina Hacker in den Anfangszeiten des Umweltinstituts in München. © Umweltinstitut e.V.

Ohne die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wäre Christina Hacker (72), echtes Münchner Kindl, wohl Lektorin geworden. Als am 26. April 1986 der Reaktor in der damaligen Sowjetunion in die Luft geht, prägt das ihr gesamtes Leben.

Sie ist gerade am Ende ihres Studiums, ihre Tochter ist damals knapp drei Jahre alt. "Ende April fand die Katastrophe das erste Mal Erwähnung in den Nachrichten. Aber 1500 Kilometer – das war einfach nur weit weg", erinnert sich Hacker heute. Dabei hatte die radioaktive Wolke München längst erreicht. "Am 1. Mai waren wir spazieren im Westpark. Es war heiß, dann kam ein starkes Gewitter. Und wir wurden damals buchstäblich im radioaktiven Regen stehen gelassen."

"Ich war besorgt wegen meiner Tochter"

Die Meinungen gingen dazu weit auseinander. "Kritiker warnten davor, dass die Strahlung auch zu uns kommen könnte. Von den Behörden hieß es sehr lange: In Deutschland besteht keine Gefahr", erklärt Hacker die Situation damals. Nach und nach häufen sich die Berichte.

Christina Hacker hat einen Physiker im Bekanntenkreis. "Ich war besorgt wegen meiner Tochter", sagt die 72-Jährige. Sie erfährt von ihren Freunden aus dem Physiker-Kosmos: "Da ist was passiert – und das kommt zu uns."

Bekannte von ihr seien panisch mit ihren Kindern auf unbestimmte Zeit nach Teneriffa und Gran Canaria geflüchtet. Hacker handelt mit Bedacht, holt Informationen ein, und findet sich bald mit einer Handvoll Gleichgesinnter zusammen.

Christina Hacker ist heute 72 Jahre alt.
Christina Hacker ist heute 72 Jahre alt. © Jörg Farys

Die Geburtsstunde des Umweltinstituts. Am 8. Mai 1986 erscheint die erste Publikation des Vereins: "Es liegt was ? in der Luft, auf dem Boden, in der Milch...". Das 14-seitige Büchlein enthält neben unabhängigen Messwerten und Begriffserklärungen auch Handlungsempfehlungen wie "Spielgeräte sollten kräftig abgewaschen werden, Sandkästen längere Zeit eingewässert werden oder obere Sandschicht entfernen".

"Deshalb wurde ich zur Widerständlerin!"

"Das war ein mühsames Geschäft", erinnert sich Hacker an die ehrenamtliche Tätigkeit. "Offiziell gab es ja kein Problem. Hier sei alles in Ordnung, hieß es ja immer." Doch die junge Mutter und ihre Mitstreiter wissen sich zu helfen. "Weil wir damals noch kein Labor hatten, haben wir unsere Proben nach Bremen ins Labor geschickt, indem wir sie am Bahnhof Leuten im Zug mitgegeben haben.

Ein Kollege, damals Diplomand, konnte nachts heimlich in der Hochschule messen – das ist heute alles unvorstellbar. Aber die Ergebnisse haben wir zusammen mit Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Und das tun wir bis heute", erzählt Christina Hacker. Gemessen werden Sand, Pfützenwasser, Salat, Staubsaugerbeutel. Nach und nach stürzen sich die Medien auf die Ergebnisse der Gruppe. Das ist 40 Jahre her.

Heute ist Christina Hacker Ehrenvorstand beim Umweltinstitut, die Thematik hat sie nie mehr losgelassen. Wenn sie Dokumentationen oder Filme zu dem Thema sieht? "Das rührt mich und macht mich immer noch wütend – damals wie heute. Deshalb wurde ich zur Widerständlerin!"

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