Abschied von einem Idyll: Münchner Stadtspaziergänger besucht die verlassene Eggarten-Siedlung
Vor einigen Jahren habe ich schon einmal eine Kolumne über den Eggarten gemacht und fand ihn jetzt nicht viel anders als damals vor. Alles war vielleicht ein bisschen eingewachsener, verrosteter, verfallener. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich vor langer Zeit ab und zu einmal bei der Oma eines Spezls zum Kaffee im Garten eingeladen war. Eine wunderbare heile Welt.
Eine Park-Idylle ist es nicht
Nun, das ist alles leider vorbei, alles wuchert zu. Und nein, eine Park-Idylle ist es nicht, dafür ist ja alles viel zu kleinteilig eingezäunt. Maschendraht, Stacheldraht, Holzzäune, Kameraüberwachung. Natürlich haben sich Vogelarten angesiedelt, für die Zäune kein Hindernis sind. Bestimmt gibt es Fuchs und Marder, ein Eichhörnchen habe ich gesehen. Ich verstehe, dass viele Menschen das gerne erhalten möchten.
Ich muss dazu sagen, dass ich ein sehr Tier- und naturaffiner Mensch bin und dass es natürlich schön wäre, wenn man ein solches Gebiet der Natur überlassen könnte. Scheitern würde es aber meiner Meinung nach, da das Gelände auf drei Seiten von viel befahrenen Straßen und von einer Seite von Gleisen eingefasst ist. Umgeben alles von der Stadt. Somit wären Tierwanderungen immer eine Gefahr.
"Viele Ideen sind wirklich gut"
Nun, wir leben nun einmal in einer 1,6-Millionen-Stadt und da ist es oft schwierig, manchen Gedanken und Menschen zu folgen, die die Stadt zum Teil sehr radikal umbauen möchten. Natürlich muss sich einiges ändern und viele Ideen sind wirklich gut, aber wer Land und Wildnis möchte und damit Wohnungsbau verhindert, der muss wohl aufs Land ziehen. Nur Vorsicht! Die Kühe da haben Glocken und so mancher ehemalige Stadtbewohner hat schon den Bauern seines Vertrauens verklagt, weil die Kühe auch nachts bimmeln. Irgendwas ist halt immer.
Eines der größten Probleme sind viele tausend fehlende Wohnungen. Die Mietpreise sind explodiert und viele können sich Wohnungen in München gar nicht mehr leisten, es sind schlicht zu wenige da.
Und in dieser Situation finde ich es schwierig, dass immer wieder Bauprojekte über Jahre gestoppt werden, weil eine Kröte, ein Molch oder Eidechse, Käfer oder Falter dort leben, man über Umsiedelung redet und dass es ewig dauert, bis alle Ämter geprüft haben, wie der Molch heiliggesprochen werden kann.
Können wir es uns heute wirklich erlauben, dadurch Tausenden Menschen Wohnraum zu verweigern? Nachdenklich gehe ich zurück zur U-Bahn am OEZ und fahre nach Hause.
In diesem Sinne eine schöne Woche
Ihr Sigi Müller
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