87 Euro für ein ganzes Jahr: Wie die Münchner Tafel Menschen in Not hilft

Die Schlange am Großmarkt ist lang. Am vergangenen Mittwoch stehen Hunderte Menschen an, um sich kurz vor Weihnachten noch einmal Lebensmittel bei der Tafel abzuholen. Viele sind sehr alt und stützen sich auf Rollatoren. Andere sind jung, tragen kleine Kinder auf dem Arm oder schieben Kinderwagen. Manche haben sich schick gemacht. Eine ältere Frau mit toupierten Haaren hält ihre Handtasche fest umklammert. Fast alle haben Einkaufstrolleys dabei. An diesem Nachmittag wird deutlich: Armut in München hat viele Gesichter.
So viele Menschen sind in München von Armut betroffen
Laut dem Sozialreferat gelten in München 265.600 Menschen als armutsgefährdet (Stand 2022). Als arm gilt, wer weniger als 1540 Euro im Monat zur Verfügung hat. Rund 22.000 dieser Menschen versorgt die Münchner Tafel jede Woche mit Lebensmitteln, allein zur Ausgabe in Sendling kommen mittwochs etwa 700.
Am Anfang war es mir peinlich, zur Tafel zu kommen
Eine von ihnen ist Anna Nowak. Die 27-Jährige steht am frühen Nachmittag in der Schlange. Ihren echten Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Seit Mai kommt sie zur Tafel. Nowak ist in Elternzeit, lebt allein mit ihrem Sohn. Der erste Gang zur Tafel sei ihr schwergefallen. "Mir war es peinlich", sagt sie. Heute fühlt sie sich hier wohl. "Hier urteilt keiner über den anderen." Die Unterstützung entlaste sie enorm. "Früher habe ich etwa 100 Euro pro Woche für uns ausgegeben, jetzt sind es ungefähr 30." So komme sie gut über die Runden.

Auch Daria Strakovich ist auf die Hilfe angewiesen. Die 38-Jährige kam vor fünf Jahren als Spätaussiedlerin aus Russland nach München, um ihre Großmutter zu unterstützen. Derzeit sucht sie Arbeit und besucht einen Deutschkurs. Seit einem Jahr kommt sie zur Tafel. Ohne die Lebensmittelspenden wäre ihr Alltag deutlich schwerer, sagt sie. Einige der anderen Tafelgäste kennt sie inzwischen gut. "Ich habe ein paar gute Freunde gefunden", sagt sie. Wenn sie in der Schlange steht, hat sie immer jemanden zum Reden. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer findet sie "sehr nett". "Sie helfen uns", so die 38-Jährige.

Während die Gäste warten, packen die etwa 20 freiwilligen Helferinnen und Helfer fleißig an. Sie sortieren Gemüse, heute vor allem Kohl und Salat. An einer Kiste steht Ralf Durstewitz (63), Rentner, Marvel-Käppi auf dem Kopf und bestens gelaunt. "Ich habe Zeit und helfe gern", sagt er. Es tue gut, nicht wegzuschauen. Seit einem halben Jahr engagiert er sich bei der Tafel. Am Ende eines Ausgabetages spüre er oft eine "fröhliche Erschöpfung". "Dann weiß ich: Es war ein guter Tag."

Gerade vor Weihnachten fehle es häufig an Grundnahrungsmitteln, sagt Durstewitz. Obst sei knapp, Früchte müssten manchmal aufgeteilt werden. An diesem Mittwoch mangelt es zumindest nicht an Orangen. In großen Netzen liegen sie auf Paletten. Der Onlinehändler Amazon hat der Münchner Tafel kürzlich 100.000 Euro gespendet, um die Vitaminversorgung bis ins Frühjahr zu sichern.

87 Euro für ein ganzes Jahr Lebensmittel
Auf solche Spenden ist die Tafel zunehmend angewiesen, erklärt Pressesprecher Steffen Horak. Supermärkte planten seit Corona genauer und hätten weniger Überschüsse. Das sei gut gegen Lebensmittelverschwendung, erschwere aber die Arbeit der Tafel. Deshalb kooperiere man verstärkt mit Industrie und Landwirtschaft. Besonders im Winter müsse viel zugekauft werden. Um einen Menschen ein Jahr lang mit Lebensmitteln zu versorgen, brauche es 87 Euro – 56 Euro für Logistik, 22 Euro für Zukäufe. "Das geben manche Münchner an einem Abend aus", sagt Horak.

Vor dem Eingang regelt Christiana Nikolasaschwili mit zwei Kolleginnen den Einlass. Seit zehn Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich. "Man geht mit einem guten Gefühl heim", sagt sie. Vorurteile gegenüber Tafelgästen kann sie nicht nachvollziehen. "Hier stellt sich niemand freiwillig an", sagt sie. Sie habe oft Mitleid mit den Menschen, habe aber mittlerweile gelernt, wie sie diese Last nicht mit nach Hause nimmt. "Sobald man das macht, wird es schwierig", sagt sie. Während sie mit der AZ spricht, kommt eine Frau und bittet sie, sie früher reinzulassen. Nikolasaschwili weist sie ab. Man müsse konsequent und fair bleiben. Schließlich haben alle einen guten Grund, hierherzukommen.

An diesem Tag kommt die Brotlieferung verspätet. Hubert Fischer (59) und Selina Weininger (24) erklären den Wartenden, dass sie sich gedulden müssen. Süßes Gebäck gibt es immerhin. Weininger fragt eine Frau, ob sie ein Croissant oder einen Donut möchte. Ob sie denn noch etwas haben kann, fragt die Frau. Weininger schüttelt den Kopf. Leicht fällt ihr das nicht.
"Mir tut es teilweise wirklich in der Seele weh", sagt Fischer. Mal gebe es mehr, mal weniger. Er wünscht sich verlässlichere Spenden. "Nach Fasching kommen Tausende Krapfen – und eine Woche später nichts."

Es ist die letzte Ausgabe vor Weihnachten. An den Feiertagen bleibt die Tafel geschlossen. Deshalb gibt es diesmal auch Geschenke. Kindergartenkinder und Schüler haben sie gepackt. Auf jedem Paket steht, für welches Alter es gedacht ist.

Kurz vor 15 Uhr trifft schließlich das Brot ein. In großen Kisten stapeln sich die Laibe, die Helfer verteilen sie schnell. Am Ausgang fährt eine ältere Frau mit ihrem Elektromobil zu den Ehrenamtlichen. "Ich wollte mich bedanken", sagt sie leise. "Und euch frohe Weihnachten wünschen." Dann fährt sie langsam davon. In ihrem Korb liegen die Lebensmittel für die Woche und ein Strauß Blumen.

Auf dem Gelände steht an diesem Tag ein großer Weihnachtstruck von Coca-Cola, daneben ein Foodtruck. Wenn der letzte Gast versorgt ist, beginnt für die Ehrenamtlichen der eigene Abschluss vor den Feiertagen: ein kleines Weihnachtsfest – als Dank für ihren Einsatz. Schließlich sorgen sie das ganze Jahr dafür, dass niemand mit leeren Händen heimgehen muss.