So werden gesetzlich Versicherte benachteiligt – auch in München

Extreme Unterschiede bei der Terminvergabe: Bundesweit und auch in München werden Privatpatienten bevorzugt. Eine Studie zeigt das ganze Ausmaß.
Ralf Müller |
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
4  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ als Quelle bevorzugen
Der Nächste, bitte! Auf diesen Moment beim Facharzt müssen Kassenpatienten länger warten.
Der Nächste, bitte! Auf diesen Moment beim Facharzt müssen Kassenpatienten länger warten. © imago stock&people

Wer privat krankenversichert ist, bekommt rascher einen Facharzttermin und wird privilegiert behandelt – so die gefühlte Wahrheit von Millionen von Krankenversicherten. Jetzt belegt eine Studie des Versicherungsmaklers "Fachzentrum Finanzen" in Lippstadt, dass dieser Verdacht mehr als berechtigt ist: Die große Mehrheit der gesetzlich Versicherten in Deutschland muss auf einen Facharzttermin im Schnitt etwa drei Wochen länger warten als privat Versicherte.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens machte es möglich, die Privilegierung der privat und die Benachteiligung der gesetzlich Versicherten mit Zahlen zu belegen. Für die Studie wurden von Oktober bis November 2025 die Online-Terminvergaben von bundesweit 25.971 Fachärzten für neun verschiedene medizinische Fachrichtungen danach ausgewertet, ob sie überhaupt Termine für GKV-Versicherte anboten und wie lange diese in der Zukunft lagen.

Arzttermine online auf professionellen Plattformen oder direkt über die Webseite der Arztpraxis buchen? Dabei schauen Kassenpatienten oft in die Röhre.
Arzttermine online auf professionellen Plattformen oder direkt über die Webseite der Arztpraxis buchen? Dabei schauen Kassenpatienten oft in die Röhre. © Zacharie Scheurer

Im Ergebnis ergibt sich das Bild einer Zwei-Klassen-Medizin: 56,5 Prozent der Arztpraxen boten überhaupt keine Termine für Kassenpatienten an, obwohl diese in der übergroßen Mehrheit sind: 89 Prozent der Deutschen sind Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), nur 10,4 Prozent sind privat Versicherte. "Eine vergleichsweise kleine Bevölkerungsgruppe kann auf einen deutlich größeren Teil der online sichtbaren Angebote zugreifen", stellt die Studie fest. Telefonische Terminvergaben und interne Praxisprozesse wurden bei der Untersuchung allerdings nicht erfasst.

Klage über ungleichen Zugang

Von den neun untersuchten Facharztgruppen zeigen sich bundesweit Neurologen, Urologen und Dermatologen am wenigsten offen gegenüber Kassenpatienten, geht aus der Studie hervor. Berücksichtigt wurde auch, wann die für die Aufnahme von GKV-Patienten grundsätzlich bereiten Praxen die ersten Termine anboten. Alles zusammen führte zu einer durchschnittlichen Wartezeit von 49,1 Tagen für gesetzlich Versicherte gegenüber 29,7 Tagen für Privatpatienten. Das "Fachzentrum Finanzen" folgert daraus einen "ungleichen Zugang zur Versorgung". GKV-Patienten träfen schon bei der digitalen Arztsuche auf ein "eingeschränktes Terminangebot".

Termin online buchen beim Urologen? Kassenpatienten müssen länger warten.
Termin online buchen beim Urologen? Kassenpatienten müssen länger warten. © Jochen Tack,via www.imago-images.de

Den größten Unterschied zwischen gesetzlich und privat Versicherten machen die Neurologen. Rechnerisch 44,7 Tage länger als Privatpatienten müssen die Kassenpatienten bei ihnen auf einen Termin warten. Auch bei Urologen (plus 41,5 Tage), Dermatologen (plus 23,3 Tage), Gynäkologen (plus 18,1 Tage), Radiologen (17,1 Tage) und Orthopäden (plus 15,5 Tage) sind die Kassenpatienten erheblich im Nachteil – jedenfalls an den digitalen Terminangeboten gemessen.

Auch der Radiologe heißt Privatpatienten im Schnitt früher willkommen als Kassenpatienten.
Auch der Radiologe heißt Privatpatienten im Schnitt früher willkommen als Kassenpatienten. © Roger Richter

"Asymmetrische Ausgangslage"

Wenn gesetzlich Versicherte lange auf einen Facharzttermin warten müssten, sei dies "nicht das Ergebnis hoher Nachfrage, sondern die Folge eines strukturell eingeschränkten Zugangs zu ärztlichen Leistungen", beschreiben die Studienverfasser die "asymmetrische Ausgangslage".

München weist der Studie zufolge je nach Fachrichtung erhebliche Zugangsunterschiede auf. Besonders hoch ist demnach der Anteil nicht online buchbarer GKV-Termine in Psychotherapie, Radiologie und Innerer Medizin. Die Werte beziehen sich ausschließlich auf online sichtbare und buchbare Angebote.

Psychotherapeuten bieten in München zumeist keine Online-Terminbuchung für Kassenpatienten an.
Psychotherapeuten bieten in München zumeist keine Online-Terminbuchung für Kassenpatienten an. © Felix Jason/imago

Bei 87,2 Prozent der Psychotherapeuten, 74,8 Prozent der Radiologen und 65,7 Prozent der Neurologen in der bayerischen Landeshauptstadt fanden die Autoren keine buchbaren Termine für gesetzlich Versicherte. Wenn Termine für diese Versichertengruppe angeboten wurden, dann lagen diese weit in der Zukunft. Kassenpatienten, die einen Termin beim Neurologen benötigten, mussten nach Feststellungen der Studie 63 Tage länger warten als privat Versicherte. 31 Tage länger Geduld haben mussten gesetzlich Versicherte auf einen Termin beim Urologen, 23 Tage waren es bei den Gynäkologen.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
  • marshal vor 45 Minuten / Bewertung:

    Hinzu kommt, dass viele Fachärzte keine neuen Kassenpatienten nehmen.

    Antworten lädt ... Kommentar melden
  • coolman vor 48 Minuten / Bewertung:

    Die Zahlen stimmen soweit. Aber wenn nur etwas über 10% privat versichert sind und diese wegfallen würden, was hätte das für Auswirkungen? Würden dann alle gesetzlich Versicherten morgen einen Termin? Wohl eher nicht, dann würden aus 40 Tagen ev. nur 37 Tage Wartezeit entstehen. Ist das der Grund für einen solchen Artikel als Stimmungsmache gegen privat Versicherte? Wenn man alle Beamten, die automatisch privat versichert sind, dieses Privileg nehmen und allen anderen gleichstellen würde, würden wir nicht mehr darüber reden.

    Antworten lädt ... Kommentar melden
  • linksgrünversifft vor einer Stunde / Bewertung:

    Und solange der Bundesgesundheitsminister von der PKV-freundlich gesinnten CDU kommt, wird sich nichts daran ändern.

    Antworten lädt ... Kommentar melden
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.