5000 Euro Kopfprämie für einen Erzieher!

Kindertagesstätten suchen verzweifelt Personal – und finden es in Griechenland oder Osteuropa. Personalagenturen vermitteln ausländische Fachkräfte. Das kostet.
| Thomas Gautier
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Kindertagesstätten suchen verzweifelt Personal – und finden es in Griechenland oder Osteuropa. Personalagenturen vermitteln ausländische Fachkräfte. Das aber kostet.

MÜNCHEN - Die Gespräche laufen bestens. Die Bewerberinnen sind hervorragend ausgebildet, hochmotiviert und nicht zu teuer. Das Beste aber: Sie sprechen alle Deutsch, manche sogar sehr gut. Obwohl sie Griechinnen sind. In wenigen Tagen haben Rosemarie Reichelt und Cornelia Lovermann in Athen 16 Erzieherinnen getroffen. Am Ende stellen sie zehn von ihnen ein – für die Kindergärten und Kindertagesstätten der Inneren Mission München. Am 1. September fangen sie an.

1500 Kilometer müssen Münchner Träger mittlerweile fliegen, um Erzieher zu finden. Hier gibt es keine mehr. Absolventen der Erzieher-Akademien werden vom Fleck weg eingestellt, sie müssen sich gar nicht erst bewerben.

Der Grund: 2013 hat jeder einen Anspruch auf eine Stelle für über Einjährige, Kommunen, Kirchen und Private bauen Kitas auf Teufel komm raus und finden jetzt kein Personal mehr.
Allein die Stadt München hat derzeit 70 offene Stellen. Nächstes Jahr eröffnet sie 50 neue Kitas, dann kommen 320 weitere Stellen dazu (AZ berichtete). Nahezu alle privaten Träger können wegen des Erziehermangels nicht expandieren – und tausende Eltern verzweifeln.

Vor dem Trip nach Griechenland hatte die Innere Mission 17 offene Stellen, sagt Rosemarie Reichelt, Abteilungsleiterin Kinderbetreuung. „Einige waren seit eineinhalb Jahren ausgeschrieben.“ Da kam ihr das Angebot der Personalvermittlung Axia gerade recht. Die Firma mit Sitz in Athen und München rief Reichelt an und bot ihr griechische Fachkräfte an. Sie schickte Lebensläufe und Zeugnisse und organisierte Bewerbungsgespräche in Athen.

Für jede eingestellte Erzieherin bekam Axia etwa 5000 Euro Vermittlungsgebühr – pro Kopf: Zwei Bruttomonatsgehälter plus 500 Euro Reisegeld. Etwa 50 000 Euro hat die Innere Mission also ausgegeben. Viel Geld – „aber das rechnet sich“, sagt Reichelt. Sie muss keine Anzeigen schalten, kann zwölf Stellen endlich besetzen und neue Kunden gewinnen.

Axia vermittelt seit 2000 Personal in München. Zuerst waren es vor allem Ärzte und Ingenieure. Vor etwa drei Jahren kamen Erzieher dazu. „Ich könnte einen Erzieher mit Gold aufwiegen“, sagt Axia-Chef Athanassios Tsokos. „Der Bedarf geht in die Hunderte, wir konnten nicht einmal die Hälfte decken.“

5000 Euro für einen Erzieher sei „eine Menge Geld, das weiß ich auch. Kleine Träger schlucken da schon.“ Im Personalwesen seien aber Gebühren von sechs Monatsgehältern nicht unüblich – da läge man weit drunter. Und: Träger könnten Kosten sparen, wenn sie bei der Wohnungssuche helfen. „Die macht 40 Prozent unserer Arbeit aus“, sagt Tsokos. Wer eine Wohnung findet, zahle deutlich weniger.

Neue Erzieher kommen nicht nur aus Griechenland: Die Agentur Kinderwelten vermittelt Pädagogen, Grundschullehrer oder Erzieher aus Ungarn, Polen, Tschechien, Russland und Italien. Etwa 30 von ihnen hat Geschäftsführerin Gudrun Staiger derzeit in ihrer Kartei. Bei griechischen Bewerbern kooperiert sie mit Axia.

„Die Nachfrage ist deutlich größer als das Angebot“, sagt sie. „Die Lage spitzt sich zu und wird sich dramatisch verschärfen“ – durch eine geplante Änderung des Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes wird es wohl einen höheren Personalschlüssel geben. Kitas bräuchten dann noch mehr Erzieher.

Die Neuen sind gut ausgebildet: Die griechischen Bewerberinnen haben alle ein achtsemestriges Diplom-Studium hinter sich, die Stadt hat ihre Abschlüsse in „nur 14 Tagen anerkannt“, sagt Rosemarie Reichelt. „Und alle, die wir eingestellt haben, sprechen sehr gut deutsch. Manche haben vorher sogar in München gelebt.“

Trotz dieser Qualifikationen waren acht von zehn in Griechenland arbeitslos. Sie freuten sich deshalb sehr auf München, sagt Reichelt, alle seien „höchst motiviert“ – sogar die, die sie ablehnte. „Eine hat mir geschrieben, dass sie jetzt besser Deutsch lernt – und dann kommt sie nach.“

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