40 Jahre nach Tschernobyl: Wildschweine in München noch heute radioaktiv belastet?

In München überschreiten bis zu 15 Prozent der Wildschweine den Grenzwert. Deshalb wird das Wildfleisch gemessen. Wie das funktioniert, erfährt die AZ im Forstenrieder Park.
von  Carmen Merckenschlager
Forstbetriebsleiter Emil Hudler (l.) und Berufsjäger Kevin Seemann im Forstenrieder Park. Hier kommt man den Wildschweinen ganz nah.
Forstbetriebsleiter Emil Hudler (l.) und Berufsjäger Kevin Seemann im Forstenrieder Park. Hier kommt man den Wildschweinen ganz nah. © cm

Emil Hudler (39) ist im Jahr 1986 geboren. An Tschernobyl kann er sich freilich nicht erinnern. Trotzdem hat auch er indirekt immer wieder damit zu tun. Er ist Forstbetriebsleiter der Bayerischen Staatsforsten in München. Die AZ trifft ihn im Forstenrieder Park. Den Wildschweinen kommt man dort ganz nah.

Neben Pilzen ist auch Schwarzwild – also Wildschweine – teils noch stark radioaktiv belastet, weil sie eben diese fressen. Statt auf den Teller wandert also immer wieder Fleisch in die Tierkörperbeseitigung. Wie bei allen Lebensmitteln gilt ein Grenzwert von 600 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm.

"Im Winter und Frühjahr sind die Tiere stärker belastet"

"Jedes von uns erlegte Schwarzwild wird gemessen", versichert Hudler. Im Forstbetrieb München überschreiten außerhalb des Wildparks rund 15 Prozent den Grenzwert, innerhalb deutlich weniger als zehn Prozent, so Hudler. Warum weniger? "In der kritischen Zeit haben wir hier Jagdruhe – im Winter und Frühjahr sind die Tiere stärker belastet, weil sie tief in den Boden graben und die Hirschtrüffel fressen", erklärt der Forstbetriebsleiter.

Völlig unbeeindruckt von Spaziergängern: Die Wildschweine im Forstenrieder Park.
Völlig unbeeindruckt von Spaziergängern: Die Wildschweine im Forstenrieder Park. © cm

Zur Hauptjagdzeit im Herbst fressen die Tiere herabfallende Früchte und Nüsse, die nicht belastet sind. Trotzdem führt Kevin Seemann (34), Berufsjäger im Forstenrieder Park, bei jedem erlegten Tier eine Messung durch. Dafür wird Muskelfleisch analysiert. Davon kommen 500 Gramm gulaschartig zerkleinert in einen Messbecher. "Eine Belastung von bis zu 3000 Becquerel pro Kilo kommt schon auch vor", schildert Seemann. Das Fünffache der erlaubten Dosis. Wird der Grenzwert überschritten, holt eine Fachfirma das kontaminierte Fleisch ab, es wird entsorgt.

Belastung variiert stark je nach Region

Über 50 eigene Messstationen betreiben die Staatsforsten bayernweit, drei qualifizierte davon in München. Auch hier wird klar: Die Belastung variiert stark je nach Region. Liegt der Ausfall in München bei den erwähnten zehn bis 15 Prozent, ist beispielsweise in Bodenmais im niederbayerischen Landkreis Regen eine Grenzwertüberschreitung bei über 50 Prozent der Proben keine Seltenheit.

So sieht die Messstation im Forstbetrieb aus. Das zerteilte Muskelfleisch wird in kleinen Bechern gemessen. Übersteigt der Wert 600 Becquerel pro Kilogramm, muss das Fleisch komplett entsorgt werden.
So sieht die Messstation im Forstbetrieb aus. Das zerteilte Muskelfleisch wird in kleinen Bechern gemessen. Übersteigt der Wert 600 Becquerel pro Kilogramm, muss das Fleisch komplett entsorgt werden. © cm

Ist ein Wildschwein zu stark belastet, erhält der Jäger dafür eine finanzielle Entschädigung nach § 38 Abs. 2 Atomgesetz. "Pi mal Daumen bekommen wir für Frischlinge 100 und für ältere Exemplare rund 200 Euro für den Ausfall", berichtet der Jäger.

Die gute Nachricht für alle Wildfleisch-Fans: Andere Wildarten sind deutlich weniger belastet, weil sie ihr Futter nicht aus tiefen Bodenschichten beziehen, so die beiden Experten. Und wer lieber Wildschwein mag, kann sich zum Beispiel bei den Bayerischen Staatsforsten und Fachmetzgereien eindecken. Der Betrieb in Forstenried verkauft im hauseigenen Wildstadel sogar das Fleisch der Tiere, die man zuvor noch im Wildpark ganz nah beobachten konnte.

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