Das Beste aus 25 Jahren: Münchner Reptilien-Retter erinnert sich an seine krassesten Fälle
Wer das Gebäude in der Kaulbachstraße 37 zum ersten Mal betritt, sieht zunächst ein ziemlich gewöhnliches altes Unigebäude. Und das ist kein Zufall: Denn die Reptilienauffangstation, die vor 25 Jahren gegründet wurde und in diesen Räumlichkeiten zu Hause ist, entstand 2001 aus der damaligen Klinik der tiermedizinischen Fakultät der LMU.
Wenn man weitergeht, verflüchtigt sich der akademische Eindruck aber schnell. Im Foyer stehen Terrarien und man begegnet Mitarbeitern oder ehrenamtlichen Helfern in grünen Hemden. Oder einer Schulklasse: An diesem Dienstag darf eine Schar aufgeregter Grundschüler die "heiligen Hallen" besichtigen. Jedes Jahr werden hier mehr als 1300 Tiere abgegeben.
Lieber keine Spinnenphobie
Spätestens, wenn man in die Büroräume und den Keller blickt, weiß man: Eine Spinnenphobie sollte man hier eher nicht haben. Terrarien, die alle verfügbaren Wände und Oberflächen bedecken, ein Schreibtisch in der Mitte des Raumes, der fehl am Platz wirkt und eine Luftfeuchtigkeit wie im Schildkrötenhaus in Hellabrunn. Und mittendrin: Markus Baur.
Der 59-Jährige ist von Anfang an dabei, als erster Vorsitzender und Leiter der Reptilienauffangstation. Und er erinnert sich an so manche spektakuläre Rettungsaktion.
Der Mann, der 2000 Tiere hortete
Ein Thema, dem die Reptilien-Retter leider immer wieder begegnen: Animal Hoarding, sprich, das krankhafte Ansammeln von Tieren. Über zehn Jahre begleitete die Auffangstation etwa einen Mann, der in wechselnden Wohnungen immer wieder Reptilien, aber auch andere exotische Tiere anhäufte. "Das erste Mal, als wir da reingegangen sind mit dem Veterinäramt, gab's massenhaft tote Tiere, sterbende Tiere, ein wildes Sammelsurium aus Spinnen, Reptilien und so weiter", erinnert sich Baur im Gespräch mit der AZ.
Die "Jagd" nach dem Wiederholungstäter endete schließlich in einer Villa im Landkreis Ebersberg, in der sich "weit über 2000 Tiere" befanden: "Da gab es Geflügel, da gab es einen Papagei, da gab es Äffchen, da gab es Mungos, einen Haufen Vögel, zum Teil in Kisten." Der Verantwortliche erhielt schließlich eine Gefängnisstrafe.
Ein ganz besonders bezaubernder Gefährte
Ebenfalls in bittersüßer Erinnerung ist dem Leiter der Reptilienauffangstation ein Husarenaffe, der im Keller eines Mietshauses gehalten wurde. Grausam: Die Halter hatten dem Tier, damit es nicht beißt, mit einer Kneifzange die Eckzähne abgezwickt: "Die waren völlig zersplittert, die waren offen. Total entzündet."

Als Erstes musste der arme Affe also auf den OP-Tisch, anschließend kam er in die Auffangstation. Trotz seiner schrecklichen Erlebnisse war der Affe aber alles andere als feindselig. "Das war einer der bezauberndsten Affen, die wir jemals hatten," schwärmt Baur. "Der war superfreundlich, obwohl es ein Männchen war. Der ging morgens mit den Pflegern, wenn die durchs Haus gegangen sind, zum Putzen mit. Und für eine Rosine oder ein Stück Apfel tat der alles."
Das Kätzchen, das ein Kater war
Eine der "krassesten" Geschichten, an die sich der Fachtierarzt für Reptilien erinnert, dürfte wohl auch vielen Münchnern noch im Gedächtnis geblieben sein. Ein Bekannter Baurs hatte zusammen mit der Bundespolizei bei einer Autokontrolle einen Puma entdeckt und sich daraufhin gemeldet. Als die Großkatze schließlich von dem Nürnberger Zootierarzt mit einem Blasrohr in Narkose gelegt wurde, kam sie in die Auffangstation, wo sich das Personal um das Tier kümmerte. Baur erzählt: "So ein runtergehungertes, verwahrlostes Tier habe ich selten gesehen. Und es hat lange gedauert, bis wir den wieder hingekriegt haben. Aber wir haben ihn hingekriegt".

Der Puma wurde zuerst "Penelope" getauft, bis sich herausstellte, dass es sich doch nicht um eine Dame handelte. Kurzerhand wurde aus "Penelope" "Pele". Er stammte wohl aus Osteuropa und wurde vermutlich mit der Flasche aufgezogen, wodurch er auch sehr zutraulich war.
"Hat geschnurrt wie ein Traktor"
"Ich kann mich noch gut erinnern, da lag er wie ein Hauskätzchen auf dem Rücken, 50 Kilo, hat geschnurrt wie ein Traktor und er hat sich von unseren Pflegern am Gitter auch kraulen lassen", sagt Baur. "Das war eine ganz beeindruckende Entwicklung von diesem Tier von einem Skelett auf Beinen mit struppigem Fell zum wunderschönen, kräftigen Puma." Schließlich wurde "Pele" in die Steiermark in Österreich vermittelt, wo er nun im Landeszoo lebt.
Für Baur sind Geschichten wie die von "Pele" Glücksfälle. Nicht alle der unzähligen Tiere, mit denen es die Auffangstation in ihrer 25-jährigen Geschichte zu tun hatte, haben so viel Glück. Die Retter, die zum Teil auch ehrenamtlich helfen, haben es häufig mit schlechten Haltungsbedingungen, illegalem Wildtierhandel, Inzucht und Leid zu tun. "Man sieht manchmal wirklich üble Dinge", sagt Baur. Auch deshalb ist es der Station so wichtig, die geretteten Tiere in gute Hände zu geben und darüber aufzuklären, wie Schlangen, Spinnen und Co. artgerecht gehalten werden.

Mehrere Anbauten und ein neues Projekt
Hinzu kommen immer wieder Geldsorgen und Platzmangel. Der Reptilienauffangstation ist es dennoch gelungen, Platz für die Tiere zu schaffen: 2014 wurde die Auffangstation um das Schildkrötenrefugium "Chelonia“ erweitert, große Gewächshäuser inklusive. Eine Idee, so erinnert sich Baur, für die ihm zuerst "der Vogel gezeigt" worden war. Hinzu kam das Exotenhaus in Riem. Seit einigen Jahren kann die Station dort auch exotische Säugetiere, vor allem Fundtiere, unterbringen und weitervermitteln.

Und die Planungen sind noch lange nicht abgeschlossen: Schon vor zehn Jahren gab es grünes Licht von der Landesregierung für einen kompletten Neubau der Einrichtung, der, so heißt es von der Auffangstation, "die tier- und verhaltensgerechte Versorgung und Unterbringung unserer zahlreichen exotischen Tiere" ermöglichen soll.
Geplant ist das neue Reptilien-Refugium in Neufahrn im Landkreis Freising. Die Planungsphase zog sich, Anfang 2024 wurde der Bauantrag genehmigt. Ende 2025 hat der Freistaat eine Förderung in Höhe von 15 Millionen Euro bereitgestellt. Im kommenden Jahr soll es endlich losgehen mit dem Bau.

Kampf gegen schwarze Schafe
Und Markus Baur, "Mr. Reptilienauffangstation"? Der 59-Jährige will in ein paar Jahren in den Ruhestand gehen. Den Tieren bleibt er aber treu: "Ich möchte gerne einen Dachverband von Auffangstationen ins Leben rufen, mit Regeln, mit freiwilliger Selbstkontrolle." Die dort organisierten Vereine und Stationen sollen seinen Vorstellungen nach automatisch über ihre Mitgliedschaft eine Art Gütesiegel erhalten, das eindeutig zeigt: Hier wird sauber gearbeitet.

Denn das sei selbst im Tierschutz nicht immer der Fall, gibt Baur zu. Auch unter Tierschutzorganisationen gebe es schwarze Schafe, "wilde Auffangstationen, die im Grunde auch nur Animal Hoarder sind" und ihre Schützlinge nicht artgerecht hielten. Dem könnte man mit seiner Idee begegnen. "Wenn ich dazu beitrage, dass weniger Mist gebaut wird und dass vor allem keine geschützten Tiere mehr illegal irgendwohin vermittelt werden, dann hätte ich viel erreicht." Die Schlangen, Spinnen, Chamäleons und andere, die Baur jeden Tag aus ihren Terrarien anschauen, würden vermutlich sagen: Das hat er schon.
Interessierte können die Auffangstation am Samstag, den 5. September 2026, von 11 bis 17 Uhr bei einem Open House in der Kaulbachstraße 37 besichtigen.
