180000 Münchner sind wirklich arm

Münchens Sozialreferent Friedrich Graffe schlägt Alarm: Laut Sozialbericht leben fast zwölf Prozent aller Kinder bis 14 Jahre in Hartz IV-Haushalten, 108000 Münchner sind massiv verschuldet. Es könnte bald schlimmer kommen.
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MÜNCHEN - Münchens Sozialreferent Friedrich Graffe schlägt Alarm: Laut Sozialbericht leben fast zwölf Prozent aller Kinder bis 14 Jahre in Hartz IV-Haushalten, 108000 Münchner sind massiv verschuldet. Es könnte bald schlimmer kommen.

Arm in der reichen Stadt – das sind in München rund 180 000 Menschen. Viele andere kommen gerade so über die Runden oder verschweigen ihre finanziellen Probleme. Weil sie sich dafür schämen. Das Sozialreferat trägt jedes Jahr aktuelle Daten für den Bericht „München sozial“ zusammen. Er zeigt auch, wie sich die Armut in der Stadt entwickelt. Gestern sind die Zahlen aus 2008 vorgestellt worden.

Rund 68 600 Münchner leben von Hartz IV

Die Finanzkrise hat sich im vergangenen Jahr auf dem Münchner Arbeitsmarkt noch nicht bemerkbar gemacht – die Zahl der Hartz-IV-Empfänger ging im Vergleich zum Vorjahr von 71 561 auf etwa 68 600 zurück. Doch das klingt besser als es ist. Die Realität hat die Zahlen schon überholt. Das Sozialreferat rechnet damit, dass Ende 2009 rund 74 000 Münchner von Hartz IV leben werden. Dann wird die Arbeitslosenquote Schätzungen zufolge bei über sechs Prozent liegen. „Ich habe großen Respekt vor den Auswirkungen der Finanzkrise, die sich am Horizont abzeichnen“, sagt Münchens Sozialreferent Friedrich Graffe. „Ich frage mich, was kommt, wenn die Kurzarbeit beendet wird.“

Besonders bitter: Es sind immer dieselben Gruppen, die am stärksten von Armut betroffen sind. So ist etwa die Zahl der Kinder und Alleinerziehenden, die Hilfe vom Staat brauchen, leicht gestiegen. Im Oktober 2008 bezogen 19 328 Kinder und fast 7800 Alleinerziehende Hartz IV. Damit lebten fast zwölf Prozent aller Münchner Kinder bis 14 Jahre in Haushalten, die auf staatliche Hilfe (Arbeitslosengeld II, Grundsicherung oder Sozialhilfe) angewiesen sind. Sozialreferent Graffe hofft, dass sich die Situation der Alleinerziehenden verbessert, wenn es ab 2013 einen gesetzlichen Anspruch auf einen Krippenplatz für Kinder bis drei Jahre gibt.

Immer mehr Aufstocker

Was stetig steigt, ist auch die Zahl der „Aufstocker“ – also der Menschen, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, obwohl sie arbeiten. Im Mai 2008 gab es in München etwa 9000 Haushalte mit insgesamt 22 000 Personen, in denen das Haushaltseinkommen nicht ausreichte. Das waren etwa 30 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger. „Da machen sich die Niedriglöhne bemerkbar“, heißt es im Sozialreferat.

Auch die Altersarmut wächst. Immer mehr Menschen reicht die Rente nicht zum Leben. Die Zahl der Bezieher von Grundsicherung im Alter stieg auf 10 113. Allein in der Zeit von 2006 bis 2008 machte sie damit einen Sprung um knapp 15 Prozent. Und die Prognosen gehen davon aus, dass es immer noch mehr arme Alte geben wird – 2010 soll die Zahl Schätzungen zufolge bei 11 660 liegen.

108 000 Münchner sind verschuldet

Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen in München verschuldet sind. Rund 108 000 volljährige Menschen sind in München „von massiver Ver- beziehungsweise Überschuldung“ betroffen, heißt es in einer aktuellen Stadtratsvorlage. Deswegen soll die Schuldnerberatung der Stadt und der Wohlfahrtsverbände nach dem Willen des Sozialreferats ausgebaut werden – die Rede ist von sechs neuen Beratungsfachkräften und eineinhalb zusätzlichen Stellen für die Teamassistenz.

Jährlich werden rund 4000 betroffene Bürger von den Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen der Stadt und der Verbände intensiv betreut. Die durchschnittliche Schuldenhöhe liegt bei 40 000 Euro. Dabei trifft das Problem ganz unterschiedliche Menschen: 59 Prozent der Schuldner haben eine Berufsausbildung, drei Prozent einen Hochschulabschluss und 36 Prozent keine Berufsausbildung. Die Meisten zögern lange, bevor sie sich helfen lassen.

Julia Lenders

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