Viva la Gesundheit!

Nach der “Buena Vista”-Welle: Kuba wirbt jetzt verstärkt mit Gesundheits-Tourismus.
| Arno Frank Eser
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Tänzer zeigen ihre temperamentvollen Schritte auf offener Straße.
Fremdenverkehrsamt 7 Tänzer zeigen ihre temperamentvollen Schritte auf offener Straße.
Kuba: Straßentänzer, Foto: Kubanisches Fremdenverkehrsamt
srt 7 Kuba: Straßentänzer, Foto: Kubanisches Fremdenverkehrsamt
Massage im Gesundheitszentrum von San Diego
Arno Frank Eser 7 Massage im Gesundheitszentrum von San Diego
Alte Straßenkreuzer wie dieser Pontiac zieren manche Straßenecke nicht nur in San Diego.
Nadine Noehmeier 7 Alte Straßenkreuzer wie dieser Pontiac zieren manche Straßenecke nicht nur in San Diego.
Das Hotel Mirador atmet den Charme der Vergangenheit.
Arno Frank Eser 7 Das Hotel Mirador atmet den Charme der Vergangenheit.
Spielende Kinder gehören auf den Straßen von San Diego zum Alltagsbild.
Nicole Heuer 7 Spielende Kinder gehören auf den Straßen von San Diego zum Alltagsbild.
San Diego ist ein wunderbar verschlafener Ort in Kuba - mit 3700 Einwohnern, etlichen Eselskarren und spielenden Kindern.
Marc Follet 7 San Diego ist ein wunderbar verschlafener Ort in Kuba - mit 3700 Einwohnern, etlichen Eselskarren und spielenden Kindern.

AZ-Autor Arno Frank Eser hat Wellnes auf Kuba ausprobiert. Die Massage unter Valvidias stählernen Händen wird er so schnell nicht vergessen.

Lang hat er angehalten, der große Kuba-Boom rund um die Helden vom “Buena Vista Social Club”. Er war ja auch zu schön, der wahr gewordene Traum von der späten Weltkarriere, der sich mehr oder minder zufällig für eine Hand voll kubanischer Musiker erfüllte. Jetzt, nachdem die Kuba-Welle abgeflaut ist, setzen Castros Tourismus-Manager wieder auf die Anfänge ihres Tourismus, auf ganz alte Tugenden: Wellness, Anti-Aging, Gesundheits-Tourismus im Allgemeinen. Dass sich Fußball-Star Diego Maradona ausgerechnet auf der karibischen Zuckerinsel vom Kokain entziehen ließ, hilft dem Marketing natürlich gewaltig.

Wir wissen zwar nicht, wo genau in Kuba sich der stämmige Fußballheld mit dem großen Che-Guevara-Tattoo auf dem Oberarm behandeln ließ. Wir versuchen es jedenfalls erst mal im Gesundheitszentrum San Diego de los Baños im Westen der Insel. Was nicht das Geringste mit dem Vornamen des Kickers zu tun hat, sondern damit, dass es bei uns nicht um so Gravierendes wie Kokainsucht geht, sondern um ganz profane Verspannungen.

Ich höre meinen Herzschlag. Und Valvidias schweren Atem.

Und so werden wir nach ein paar Vorgesprächen an Valvidia weiter geleitet. Valvidia ist klein und zierlich, aber sie hat Hände wie aus Stahl. Entschlossen greifen ihre Hände um meinen Hals. Der Raum ist dunkel und kalt. Ich höre meinen Herzschlag. Und Valvidias schweren Atem. Ihre Hände wandern in Richtung meiner Schulterblätter und greifen entschlossen zu. “Das sind die Partien, die bei dir am meisten verspannt sind." Ich lasse sie gewähren; eine andere Chance habe ich ohnehin nicht.

San Diego ist ein wunderbar kleiner und verschlafner Ort in der Nähe der großen Tabakplantagen von Pinar del Rio, ungefähr eineinhalb Stunden von Havanna entfernt. Nur 3700 Einwohner, etliche Eselskarren in Zeitlupentempo, spielende Kinder, irgendwo kräht ein Hahn. Aber San Diego hat etwas, was andere kubanische Orte nicht haben, nämlich Heilquellen. Im Jahr 1632 hat man sie entdeckt, kurz darauf kamen die ersten Kranken. Seit 1844 gibt es einen regelmäßigen Gesundheitstourismus hierher. Deshalb auch das große Zentrum mit dem angeschlossenen Hotel “Mirador”. Ein 150-Zimmer-Domizil, das den Charme der Vergangenheit atmet, auch wenn man kürzlich einiges renoviert und verbessert hat.

“Wir haben mehr als zehn Ärzte hier, jeder einzelne ist spezialisiert”, freut sich Dr. Luis Rodriguez Morales, der Chef. “Außerdem 15 Krankenschwestern, zwölf Physiotherapeuten und einen Zahnarzt. Unser Wasser hilft gegen Rheumatismus, Hautkrankheiten und Neurodermitis, Alterskrankheiten aller Art. Es enthält Sulfat, Magnesium, Kalzium, Silizium und etliches mehr.”

Der Gesundheitstourismus auf Kuba wird organisiert und geleitet von einer staatlichen Organisation namens “Servimed”; sie gehört zur großen Gruppe “Cubanacan”. Ein Monstergebilde, das für alles zuständig ist, was irgendwie mit Tourismus zu tun hat.

Naturheilkunde hat auf Kuba eine lange Tradition.

Die Leute trauen ihr einfach mehr zu als den teuren Medikamenten aus dem Labor. Und da diese auf Grund des immer noch bestehenden US-Embargos außerdem schwer oder gar nicht zu bekommen sind, hat fast jeder Landarzt seinen eigenen kleinen Heilkräutergarten. Und dass das Ausbildungsniveau der Mediziner auf Kuba den weltweiten Vergleich nicht scheuen muss, das ist mehr als bloße Revolutionspropaganda.

Es gibt wohl keine Krankheit, die auf Kuba nicht behandelt wird; die ganze Insel ist mit Gesundheitszentren übersät. Es gibt sie in Havanna, Santiago de Cuba, Camagüey, Trinidad, Cienfuegos, Matanzas, Pinar del Rio und sogar in den Touristenghettos Cayo Coco und Varadero. Die staatliche Kontrolle sorgt für einen hohen Qualitätsstandard und sozialistischen Schlendrian gleichzeitig. Aber als Devisen bringender Ausländer kann man gut damit leben.

Der Karibik-Zauber geht natürlich auch an den Gästen eines Gesundheitszentrums nicht vorbei. Vom Strandausflug über Städtereisen, Konzerte bis hin zum Mega-Absturz in der Mojito-Bar mit Salsa und Rum ist alles geboten. Der Diätdoktor muss ja nicht unbedingt davon erfahren.

Inzwischen gibt es auch Angebote im Bereich der kosmetischen Operationen, vom Fettabsaugen bis zur Brust-OP, je nach Bedürfnis und Spleen. Auch viele US-Amerikaner kommen in dieser Angelegenheit her, besonders Promis. Denn Kuba wahrt ihre Anonymität und garantiert, dass sie von Paparazzi unbehelligt bleiben.

Was man bei all den Angeboten nicht vergessen darf: Zahlen muss man selber. Kaum eine deutsche Krankenversicherung darf da einspringen. Kuba ist immer noch Feindesland, da konnte auch US-Präsident Obama bislang nichts daran ändern.

“So, fertig!” Wie nach einer gewonnenen Schlacht reinigt die zierliche Valvidia ihre Hände vom Massageöl und lässt mich wie ein erlegtes Tier auf der Bank liegen. Erst nach langen Minuten bin ich in der Lage, irgendwas zu tun oder gar zu sagen: “Puh!” Unser Kumpel Javier aus Havanna, der uns nach San Diego begleitet, lacht sich schlapp: “Ich hab’ dir doch gleich gesagt, dass in Kuba richtig massiert wird, nicht so lasch wie bei euch in Deutschland!”

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