Vergesst Google Earth

Vom heimischen Computer aus kann man sich in jeden Winkel zoomen. Schade, denn das nimmt dem Reisen viel von seinem Zauber.
| Helge Sobik
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Wenn man mit Google Earth um die Welt fliegt, kann man sich in Winkel zoomen, in denen man in Wirklichkeit noch nie war, schaut Satellitenbild-Weltkarten an und klickt sich in die Hinterhöfe von Weltstädten oder in einsame Wüsten. Man muss kein Ticket kaufen, nirgendwo Schlange stehen, nicht stundenlang am Flughafen herumsitzen, sondern düst einfach los. Einziges Gepäckstück ist die Maus in der Hand. Was dann geschieht, ist von nichts anderem gesteuert als dem neugierigen Blick auf den heimischen Monitor. Manchmal führt der Weg auf dem Schirm einfach so an unbekannte Ecken der Welt, manchmal ganz gezielt vor einer konkreten Reise ans jeweilige Ziel, um schon mal einen Eindruck und ein bisschen Orientierung zu haben.

Und anschließend bereut man genau das regelmäßig: weil es so viel vom Geheimnis des Reisens nimmt. Weil man dann schon weiß, was hinter der nächsten Ecke am Ende einer Straße kommt. Weil man die versteckte Burg hinterm übernächsten Gipfel, das Schloss hinter der Biegung, die grandios schöne Oase hinter den Dünen der Wüste schon aus dem Weltall gesehen hat und elektronisch rasend schnell darauf zugesteuert ist - obwohl all das eigentlich eine Überraschung hätten werden sollen. Wie ärgerlich plötzlich, dass man am Computer zu viel erfährt, noch ehe man wirklich losgeflogen ist, um auf reale Ent­deckungstour zu gehen - und dass man trotzdem immer wieder der Versuchung erliegt, zuvor genau dort nachzuschauen. Manchmal kommt es trotzdem anders - weil man erst vor Ort begreift, was so eine Computerreise bietet und wie eindimensional ein Satellitenbild dann doch nur ist. Neulich nämlich zoomte sich einer von zu Hause aus die Küste Südportugals entlang, einfach so, ganz ziellos. Und entdeckte Inseln, von denen er noch nie gehört hatte: Culatra zum Beispiel, Armona gleich nebenan. Mit Muschelbänken und Fischerbooten, mit Leuchtturm und Traumstrand.

Google Earth ist am Ende nur ein schönes Spielzeug

Inzwischen ist er hingereist, einzig weil das Satellitenbild so verlockend war. Ganz herkömmlich, mit Flugzeug und Fähre. Auch das geschieht. Dass das Luftbild auf dem Computer derart neugierig macht, dass daraus eine reale Reise wird. Er ist mit einer wunderbaren Erkenntnis zurückgekommen: dass Google Earth den schönsten Flecken dieser Welt das letzte Geheimnis nicht nehmen kann. Denn der Computer weiß nicht, kann gar nicht wissen, wie die Leute dort lachen, wie sich ihr freundschaftlicher Schlag auf die Schulter in der Bar anfühlt, was der Leuchtturmwärter beim Feierabend-Bier erzählt, wie das Meer riecht, wie sich der Sand anfühlt, wie die Luft schmeckt. Oder wie die gegrillte Dorade auf der Zunge zergeht. Was für ein Glück! Google Earth ist am Ende nur ein schönes Spielzeug, eine Reise im Geist bloß, mit ein paar Details, mit hoher Auflösung und hilfreicher Darstellung. Mehr aber auch nicht. Manchmal vergisst man das. Wie schön, wirklich irgendwohin reisen zu können - und die Menschen dort kennenzulernen. Sie sind der Grund allen Reisens. Da nimmt der Rechner nichts vorweg.

Ihret­wegen fährt man ein zweites, ein drittes und schließlich ein werweißwievieltes Mal an einen bestimmten Ort. So wie der Computer-Surfer aus dieser Geschichte sicher wieder nach Culatra fahren wird, obwohl er nur zufällig zu Hause an einem verregneten Sonntag vorm Bildschirm auf diese Insel gestoßen war, vom Reisefieber gepackt wurde und ein paar Wochen später einigermaßen spontan hingeflogen ist. Dank der Entdeckung auf der Online-Weltkarte. Er will wieder hinreisen. Weil diese Insel, weil dieser Ort so viel Zauber hat. Und weil die Menschen dort so herzlich sind. Wer dieser Typ vorm Rechner war, der dann die Taschen gepackt hat und nach Portugal gefahren ist? Ich.

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