Trocken tauchen im Ozeanarium

In Europas größtem Ozeanarium kommt der Besucher so nah ran, wie sonst nur Taucher.
| Sandra Markert aus Lissabon
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Lissabon - Sie glotzen. Mit glasigem Tiefkühlblick. Aus kleinen, stechenden Augen. Wimpernlos. Neugierig, gelangweilt, schläfrig, manche auch bedrohlich. Denn sie sind riesig und nur 30 Zentimeter entfernt. Vor allem aber sind sie viele: Haie, Rochen, Thunfische und Muränen. Zusammen mit über 8000 Lebewesen von 500 verschiedenen Tier- und Pflanzen­arten leben sie im Ozeanarium von Lissabon.

Gebaut zur Weltausstellung Expo 1998 ist es die größte künstliche Wasserwelt Europas. Vier Stockwerke hoch ragt das Aquarium auf Betonstelzen aus einem Hafenbecken im Nordosten der portugiesischen Hauptstadt. Peter Chermayeff, Meisterarchitekt für Großaquarien, wollte damit ein bleibendes Wahrzeichen schaffen. Einen Eiffelturm für Lissabon.

Tatsächlich ist das Oceanário de Lisboa heute eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Portugals. Eine Million Menschen lassen sich jedes Jahr von den Meeresbewohnern beglotzen - und starren fasziniert durch die 30 Zentimeter dicken Glasscheiben ­zurück, die den Besucher von allen Seiten umgeben, sobald er das Aquarium betritt.

Auch in der Realität hängen die Meere zusammen

Sieben Millionen Liter Salzwasser, verteilt auf 30 Becken, eröffnen einen Zugang zu den Weltmeeren, wie ihn nicht einmal Taucher erleben können. Denn mit dem Haupttank, in dem Haie, Mondfische und Riesenbarsche in der Wassermenge zweier Olympiaschwimmbecken ihre Runden drehen, hat Architekt Chermayeff einen gemeinsamen Ozean geschaffen. Seine Botschaft: Auch in der Realität hängen die Meere zusammen, auch wenn die Kontinente sie optisch teilen.

Ganz ohne Teilung kommt aber auch Chermayeffs Riesen-Ozean nicht aus. Kaum sichtbare Scheiben trennen die Lebensräume Pazifik, Atlantik, Antarktis und Indischer Ozean vom Hauptbecken ab. „Durchlässiger lässt sich das Meer leider nicht gestalten, dafür sind Wassertemperatur und Salzgehalt zu unterschiedlich“, sagt Sara Granchinho, die als Biologin im Ozeanarium arbeitet.

Wie sehr die Temperaturen schwanken, spürt auch der Besucher. Denn für bade­wannenwarmes Wasser im Indischen Ozean braucht es auch die entsprechenden Lufttemperaturen. Die Fische, die sich hier träge durchs Wasser treiben lassen, beeindrucken nicht mehr durch die Größe eines Mondfisches oder den fliegenden Schwimmstil eines Rochens. Es sind die leuchtend orangen, gelben und blauen Farben, mit denen sich Anemonenfische und Masken-Wimpelfische vor dem bunten Korallenriff in Szene setzen. Das allerdings nur eine perfekt nachgebildete Attrappe ist. „Sonst hätten bis zu 30 Kilometer echtes Riff zerstört werden müssen, das ist natürlich undenkbar“, sagt Granchinho.

In den letzten Jahren sind 20 Prozent der Korallenriffe weltweit zerstört worden

Undenkbar auch deswegen, weil das Ozeanarium den Blick der Besucher für die Bedrohung der Weltmeere schärfen will: für Klimawandel, Überfischung, Umweltverschmutzung. Allein in den letzten Jahren sind 20 Prozent der Korallenriffe weltweit zerstört worden, weitere 20 Prozent sind wegen der Erwärmung der Meere stark bedroht. Zusammen mit dem Regenwald gehören Korallenriffe zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt.

Ganz im Gegensatz zum Pazifik im Raum nebenan. Hier lebt nur eine Tierart, die als Alleinunterhalter aber weiß, was sie dem Publikum schuldet. „Unsere Seeotter sind die absoluten Lieblinge der Besucher“, sagt Granchinho, „vor allem wenn Fütterungszeit ist.“

Denn dann dreht ein stattliches Häufchen Shrimps seine Runden durchs Wasser. Während Seeotter Micos in flottem Rückenschwimmtempo durchs Wasser pflügt, pult er die Krebse auf seinem Bauch trotz pelziger Pfoten in rekordverdächtiger Geschwindigkeit. Aber Micos hat auch ziemlich viel Übung darin, denn die otterartigen Pelztiere brauchen täglich bis zu 20 Prozent ihres Körpergewichts an Nahrung. Nur so können sie ihre Körpertemperatur im kalten Nordpazifik vor Alaska aufrechterhalten. Weshalb der Seeotter mit einem eleganten Purzelbaum jetzt zum Tauchgang nach neuem Futter ansetzt. Auch dabei lässt er sich vom Besucher beobachten, sofern dieser schnell genug mit abtaucht - und eine Treppe tiefer steigt.

Dort liegt hinter den sieben auf sieben Meter großen Panoramascheiben der Meeresgrund. Zwischen den Felsen ist kein Platz mehr für riesige Fischschwärme, die sich wie ein Tier fortbewegen, oder für Haie mit ihrem stechenden Blick. Während sich in den oberen 100 Metern der Ozeane 90 Prozent der Lebewesen tummeln, ist die Tiefe ziemlich unbewohnt, weil stockdunkel.

Wer sich dort heimisch fühlen möchte, muss sich etwas einfallen lassen. So wie der Laternenfisch. Alles, was er im pechschwarzen Wasser von sich zeigt, ist sein grün blinkendes Auge. Das Glühwürmchen-Signal nutzen die Tiere, um mit Artgenossen kommunizieren zu können. Erzeugt wird es mit Hilfe von Leuchtbakterien, die der Fisch in einem kleinen Beutel unter dem Auge trägt. Droht Gefahr, klappt der Fisch einfach sein Augenlid herunter - und wird komplett unsichtbar. Dann hat es sich allerdings auch ausgeglotzt, für den Fisch und für den Besucher.


Anreise
Mit Germanwings, www.germanwings.com, oder Airberlin, www.airberlin.com, ab etwa 60 Euro.

Unterkunft
Das Ozéanario de Lisboa liegt auf dem ehemaligen Expo-Gelände. Dort gibt es mehrere Hotels, etwa das Tryp Oriente ab 85 Euro im DZ, www.tryporiente.com oder das Tivoli Oriente, DZ ab 50 Euro, www.tivolihotels.com. Wem es da zu gewöhnlich ist: Das Ozeanarium bietet Übernachtungen bei den Haien an.

 

Ozéanario de Lisboa
Das größte Ozeanarium Europas liegt im Lissabonner Stadtteil ­Parque das Nações, an der Metrostation Oriente. Geöffnet ist es im Sommer täglich von 10 bis 20 Uhr, im Winter bis 19 Uhr. In einem Neubau, der ­alle paar Jahre andere Tiere beheimaten soll, leben derzeit ­Meeresschildkröten, www.oceanario.pt.

Andere Unterwasser-Zoos
Das Ozeaneum in Stralsund ist das größte Aquarium Deutschlands. Mit einem Gezeiten- und einem ­Brandungsbecken legt es den Schwerpunkt auf das Leben in der Ostsee,
www.ozeaneum.de.

Ein ­ähnliches Angebot für die Nordsee bietet das Multimar Wattforum in Tönning, Schleswig-Holstein, www.multimar-wattforum.com.

Im Park L’Oceanogràfic im spanischen Valencia leben die einzigen Beluga-Wale Europas, außerdem gibt es ein Unterwasser-Restaurant, in dem inmitten eines riesigen Aquariums gegessen wird, www.cac.es.

Das Nordsøen Oceanarium in Hirtshals, Dänemark, hat einen durchsichtigen Tunnel, in dem man auf dem Meeresboden von Nord- und Ostsee spazieren gehen kann, sowie ein Robbenhaus, www.nordsoenoceanarium.dk.

Das Konstanzer Sea Life Centre zeigt die Unterwasserwelt von Rhein und Bodensee. Auch in Berlin, Hannover, München, Oberhausen, Speyer, Königs­winter und Timmendorfer Strand gibt es Sea-Life Aquarien, www.visitsealife.com.
 

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