Ein erstklassiger Lobbyist

Er kennt die besten Adressen der Stadt, weiß immer Rat. Eine Ode auf den Concierge.
| Holger Hommel
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen

Also gut, wir sind uns einig. Erdbeereis soll es sein. Die Kinder bestimmen. Schließlich haben wir sie wieder einmal für einen viel zu langen Besuch in einem viel zu langweiligen Museum vor uns her gescheucht. Jetzt denken wir nur noch an ein schönes Erdbeereis. Na ja, das stimmt nicht ganz, einer ist abgelenkt. Dieser eine bin ich, denn meine Konzentration gilt der Suche. Ich schaue so ganz nebenbei nach einem Fünf-Sterne-Hotel. Minuten später stehe ich vor dem Mann, der alles weiß. „Warum redest du so lange mit ihm? Was hat er dir alles aufgeschrieben? Was macht der den ganzen Tag? Muss der auch Koffer tragen?“

Von den besten Shoppingtipps zum schmackhaftesten Erdbeereis

Einige durchaus berechtigte Fragen, die mir meine Kinder stellen, wenn ich wieder einmal in irgendeiner Metropole mit ­meiner Familie in einer zwar wenigsternigen, dafür jedoch erschwinglichen Herberge wohne, dann aber wie immer gleich beim ersten Stadtrundgang in einem der Luxushotels verschwinde und mich vom dortigen Con­cierge in die Geheimnisse der vor mir liegenden Straßen und Gegenden einweihen zu ­lassen. So gut kann man eine Stadt gar nicht kennen, dass ein richtiger Concierge sie nicht viel besser kennt. „Papa, jetzt komm doch endlich, wir wollen los und sehen, was es hier so gibt!“ Wie sollen sie verstehen, dass es mir gerade beim Besuch des Concierge genau darum geht? Und ich habe, ehrlich gesagt, gar keine Lust, bei den Kindern schlafende Hunde zu wecken, indem ich ihnen erkläre, dass dieser Mann wahrscheinlich die heißesten Shoppingtipps der ganzen Stadt hat. Man müsste ihn nur fragen! Wahrscheinlich kennt er auch die Eisdiele mit dem besten Erdbeereis. Er wird damit nicht nur zum Held meiner Kinder, nein, er provoziert auch eine Frage auf die Lippen meiner Brut, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können: „Warum wohnen wir nicht hier?“

Warum wir nicht zu Herrn Erdbeereis umziehen, erläutere ich den Kindern diskret nuschelnd draußen auf der Straße - ich muss den innerfamiliären Offenbarungseid ablegen. Es ist einfach so, dass ich es mir mit meinen vier Kindern in der Regel nicht leisten kann, in diesen Hotels zu logieren, die es sich noch erlauben, diese vielleicht edelste aller Hoteldienstleistungen im Angebot zu haben. Obwohl ich nicht Gast im vom Concierge verwöhnten Hause bin, so habe ich doch immer wieder ungeheuer viele Fragen an ihn, die er mir auch ausführlich und geduldig beantwortet. Sehr wohl wissend, dass ich gar nicht in seinem Hotel wohne. Irgendwie ganz schön frech. Aber dafür bin ich auch erster Vorsitzender eines Geheimbunds von Hotelschläfern, die sich weltweit dafür einsetzen, dass Schlafhäusern ohne wenigstens einen ausgebildeten Concierge die Bezeichnung „Hotel“ untersagt wird.

Ein Hotel lebt von der Freundlichkeit seiner dienstbaren Geister

Ein Hotel ohne Concierge ist ein seelenloser Ort, an dem sich fast den ganzen Tag über verwirrte Menschen über nicht dechiffrierbaren Stadtplänen die Lesebrillen sauber reiben, ängstlich auf die unbekannten Straßen einer fremden Stadt schauen und darüber diskutieren, in welcher überteuerten Touristenfalle man sich denn dieses Mal abends vergiften lassen will. Die conciergelose Lobby wird zum Ort der tausend Fragen ohne auch nur eine einzige fundierte Antwort, zum Versammlungsplatz der Suchenden ohne jede Idee von einem Ziel, zum Treffpunkt der niemals etwas Findenden. Alles erinnert an diesen Plätzen ein wenig an Ostern. Keiner findet ein Nest - und wenn doch, dann ist es das falsche. Ein Hotel lebt von der Freundlichkeit seiner dienstbaren Geister ebenso wie von der Weisheit seines Direktors, vom Können des Chefkochs, vielleicht auch von der Größe des Zimmers, der Dusche, der Betten, der Fenster oder des immer wichtiger werdenden Flatscreen-ganz-breit-Wand-XXL-Fernsehers und bestimmt auch noch von vielem mehr. Sicher.

Dies alles genießt der Gast, aber ohne die informierten, allen und jedem geduldig immer den Weg weisenden, gleichzeitig mit sonorer Stimme ganz nebenbei auch noch mit Handbewegungen den Fuhrpark des Hotels dirigierenden Wissensverteiler, ohne diese bestens vernetzten Insider, ohne diese freundlichen und einfach zu jedem Thema des Reisens und Genießens etwas beitragenden Türöffner ist alles andere fast nichts.

Ein Hotel ohne Concierge ist kein Hotel. Ein guter Concierge erkennt schon am Rouge des Make-ups einer Frau, nach welcher Art des Dinierens ihr der Sinn steht. Er ist der Hotel-Bauknecht, er weiß, was Frauen wünschen. Er kann Frauen glücklich machen - und damit auch ihre Männer.
 

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren