Audienz beim Silberrücken

Berggorillas gibt es nicht im Zoo. Man muss sie schon dort besuchen, wo sie zu Hause sind.
| Gerrit Faust
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Berggorillas sind seltene Tiere, es gibt nur etwa 800 Exemplare auf der Welt. Meist leben die dominanten Männchen, Silberrücken genannt, gemeinsam mit mehreren Weibchen und deren Kindern.
Faust Berggorillas sind seltene Tiere, es gibt nur etwa 800 Exemplare auf der Welt. Meist leben die dominanten Männchen, Silberrücken genannt, gemeinsam mit mehreren Weibchen und deren Kindern.

Wenn man so um 5.45 Uhr in Afrika unter einer eiskalten Dusche in einem Gemeinschaftsbad steht, fragt man sich doch sehr, ob die Sache das wert ist. So früh aufstehen im Urlaub. Dazu zahlt man für das Vergnügen auch noch 500 Dollar — plus 40 Dollar für eine halbe Stunde Jeep-Fahren. Von den Entbehrungen (zu wenig Schlaf, fragwürdiges Frühstück, fragwürdige Unterkunft, bevorstehender Marsch durch den Regenwald, der nicht umsonst so heißt) ganz zu schweigen. Hätte es nicht vielleicht auch ein Besuch in einem Zoo getan?

Mit der Machete wird der Weg freigeschlagen

Nein. Es gibt keine Berggorillas in Zoos. Man muss sie schon dort besuchen, wo sie zuhause sind. Im Dschungel. In Uganda, Ruanda oder der Demokratischen Republik Kongo. In unserem Fall: Ruanda. Hier hat Friedrich Robert von Beringe, deutscher kaiserlicher Hauptmann, 1902 die Berggorillas „entdeckt“ – und erst einmal zwei von ihnen erlegt. Deshalb ist der „Gorilla beringei beringei“ auch nach ihm benannt. Im Hauptquartier des „Parc National des Volcans“, wo wir auf Gorilla-Suche gehen, gibt es eine Ehrentafel für den Herrn. Hier sammeln sich die Gruppen von Touristen, die sich ein Permit für 500 USDollar (seit 1. Juni 2012: 750 Dollar) leisten können. Maximal jeweils acht Touristen – plus Ranger – brechen zu den Gorilla-Gruppen auf, von denen es insgesamt acht im Park gibt. Höchstens 64 Menschen pro Tag können die Gorillas besuchen. Ein exklusives Vergnügen. Die meisten Touristen sind US-Amerikaner. Gerade mal 2200 Deutsche pro Jahr schaffen es hierher. Am Tag zuvor hat es in Strömen geregnet. Die Vulkane haben den Kopf in den Wolken. Der Film über die ermordete Gorilla-Forscherin Dian Fossey, die hier im Park beerdigt ist, heißt nicht umsonst „Gorillas im Nebel“. Der Boden ist patschnass und matschig. Unser Jeep bleibt auf dem Weg in den Dschungel im Schlamm stecken, später stapfen wir durch Bachläufe und werden von aggressiven Ameisen attackiert. Und spätestens auf halbem Weg fragt man sich erneut: Ist es das wert? Gummistiefel müsste man haben. Ich hatte es immer für ein Klischee gehalten, dass im Dschungel einer vor der Gruppe hergeht und mit einer Machete den Weg freischlägt. Ist kein Klischee.

Menschen können Gorillas mit Krankheiten anstecken

Nach etwa zwei Stunden treffen wir auf das Ranger- Vorauskommando. Sie gehen lange vor der Touristen-Gruppe los, spüren die Gorillas auf und lotsen die Besucher dann per Funk in die richtige Richtung. Und sie schlagen das Unterholz weg, damit man besser fotografieren kann. Dann der große Moment. Wir klettern noch eine Böschung hinauf, und da sind sie. Ein Silberrücken — so heißen die dominanten Männchen — mehrere Weibchen, vier Babys, darunter ein Zwillingspaar. Und man hat Tränen in den Augen. Von der Anstrengung, zugegeben. Aber auch von dem Gefühl, Tieren, von denen es nur noch 800 Stück auf der Welt gibt, Auge in Auge gegenüberzustehen. Und sie sind so nah. Sieben Meter Sicherheitsabstand soll man halten, hat’s geheißen. Nicht, weil die Tiere aggressiv sind. Sie sind „habituiert“ – das heißt, an Menschen gewöhnt. Sondern weil sie uns genetisch so ähnlich sind, dass wir sie mit unseren Krankheiten anstecken können. Wenn man niesen oder husten muss, soll man sich umdrehen. Kein Kamera- Blitz. Und nicht zu nah ran. Aber die Tiere halten sich nicht an den Sicherheitsabstand. Immer wieder rückt uns ein neugieriger Gorilla zu dicht auf die Pelle. „Zurück, zurück“, kommandieren die Ranger dann. Wie auf Bestellung kommt auch noch die Sonne raus. Die Gorillas sind sehr aktiv, streiten, tollen, spielen, trommeln sich auf die Brust wie Tarzan. Ab und zu rückt der Silberrücken einem Gorilla-Kind den Kopf zurecht, das ihm zu nahe gekommen ist. Alle in der Gruppe fotografieren wie besessen. Eine Stunde dürfen wir bei den Gorillas bleiben, nach 45 Minuten haben die Tiere aber offensichtlich genug von unserer Anwesenheit und ziehen sich in den Dschungel zurück. Wir kommen schlammbespritzt, durchnässt und mit einem Lächeln im Gesicht wieder im Tal an. Ob es die Sache wert war? Welche Frage!


Allgemeine Informationen
Ruanda ist eines der reichsten und am besten organisierten Länder in Afrika. Individualreisen sind kein Problem, mit Bussen kommt man überall hin. Der Völkermord
von 1994 ist in dem Land durchaus noch präsent: Auf Plakattafeln oder in den verschiedenen Erinnerungsstätten wird daran erinnert. Unbedingt empfehlenswert ist ein Besuch im Kigali Memorial Center in der Hauptstadt. Verstehen kann man die Ermordung von mindestens 800 000 Menschen in 100 Tagen danach aber dennoch nicht.

Anreise
Brussels Airlines (www.brusselsairlines.com) fliegt ab München über Brüssel nach Kigali und Kampala (Uganda) zu Preisen ab 650 Euro.

Visum und Reisezeit
Für Ruanda brauchen Deutsche kein Visum. Medizinische Vorkehrungen: Neben den üblichen Reise-Impfungen ist eine Gelbfieber-Impfung vorgeschrieben, eine Malaria-Prophylaxe wird dringend empfohlen. Am trockensten ist es in der Zeit Juni bis September. Jedoch sind dann aber auch die meisten Touristen im Land und die Organisation einer Genehmigung (Permit) ist schwieriger.

Gorilla-Permits
Gorilla-Tracking ist in Ruanda, Uganda und in der Demokratischen Republik Kongo möglich. Von Reisen in die Demokratische Republik Kongo ist aber derzeit dringend abzuraten. Ein Permit für Uganda kostet 500 US-Dollar; in Ruanda seit dem 1. Juni 750 Dollar. Man sollte sich die Permits unbedingt vorab besorgen. In Ruanda ist das für einen Aufpreis von 55 Dollar bei Amahoro Tours in Musanze möglich (www.amahoro-tours.com). Der Transport von Musanze in den Nationalpark und zurück kostet dort weitere 80 Dollar pro Jeep.

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