Abseilen mal leicht gemacht

Mit Kindern verreisen ist echte Arbeit. Unser Autor versucht seine vom Urlaub zu begeistern.
| Rainer Wehaus aus Mittelberg
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Mittelberg - Wir sind noch gar nicht auf dem Berg, da will sich unser Sohn (12) schon abseilen. „Es ist scheiße hier“, mault er. „Ich will wieder nach Hause.“ Im Übrigen sei seine Schwester (10), mit der er sich gerade mal wieder ausgiebig gestritten hat, der größte Fluch, der auf seinem jungen Leben laste. „Ich wäre lieber ein Einzelkind“, sagt er. Willkommen im Kleinwalsertal! Gibt es etwas Schöneres als Familienurlaub in den Bergen?

In den Büchern steht, man solle auf solche pubertären Anwandlungen gelassen reagieren. Das aber ist leider nicht die Stärke meiner Frau und mir. „Morgen setze ich dich in den Zug“, fauche ich meinen Sohn an, „dann kannst du den Rest der Ferien bei deinen Großeltern verbringen.“ Das sei ihm vollkommen recht, gibt er zurück, womit dieses Gespräch noch ein relativ gutes Ende nimmt. Denn morgen ist ein neuer Tag, und wir haben ein Programm vor uns, das selbst einen trotzköpfigen Halbstarken davon abhalten müsste, in den nächsten Zug heimwärts zu springen.

Im Kleinwalsertal haben sie viel getan, um Familien auch außerhalb der Wintersaison die Berge schmackhaft zu machen. Bei all den Erlebnisparks, Abenteuerpfaden oder sonstigen Bespaßungsanlagen fragt man sich, wie die Kinder es früher schafften, auch ohne solche Angebote einen Urlaub zu verbringen. Aber wahrscheinlich kann man viele der Kleinen heutzutage wirklich nur noch auf die Art hinterm Computer vorlocken.

Gruppendruck gegen motzende Kinder

Wir beginnen mit einer einstündigen Bergwanderung am Walmendingerhorn – hinauf zu einer Stelle, wo vor rund 9000 Jahren Steinzeitmenschen ein Lager hatten. Und damit die Kinder nicht motzend hinter uns herlaufen, sind wir mit mehreren Familien unterwegs. Gruppendruck ist immer gut. Wenn andere Kinder hüpfen und springen, tun das unsere Kinder auch. Arg viel ist am Steinzeitlager zwar nicht zu sehen, aber das Wetter meint es gut mit uns – und die Kinder auch. Ohne zu murren wandern sie mit uns bis in den Nachmittag.

Abends zeigt sich dann, ob unsere Kinder überhaupt noch Kinder sind. Im Kleinwalsertal gibt es fünf Hotels, die tagsüber eine Betreuung für Kinder ab drei Jahren anbieten. Vorausgesetzt, die Kinder sind „gruppenfähig und windelfrei“, wie es im Prospekt des Tourismusverbandes heißt. Eines dieser Hotels ist der Rosenhof, in dem wir gastieren. Unsere Kleinen zählen in diesem Hotel allerdings zu den größten, was die Frage aufwirft: Sind unsere Kinder vielleicht schon so lange windelfrei, dass sie nicht mehr gruppenfähig sind? Die Bedenken erweisen sich als unbegründet. Als nach dem Abendessen der Sandmann kommt, da strahlen auch die Augen unserer Kinder. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wollen wir nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Unsere Kinder haben das eigentlich total uncoole Angebot, sich im Schummerlicht eine Gute-Nacht-Geschichte anzuhören, nicht rundweg abgelehnt.

Am nächsten Tag darf sich mein Sohn tatsächlich abseilen. Fünf Stunden „Bergabenteuer“ mit der Bergschule Kleinwalsertal stehen auf dem Programm. Wir gehen die Wand hoch im Klettergarten, sausen an einem Stahlseil durch den Wald und stehen am Nachmittag schließlich auf einer 40 Meter hohen Brücke. Vorbeifahrende Autofahrer könnten uns für Selbstmordkandidaten halten, wie wir da übers Geländer steigen – wären da nicht die Helme, Gurte und Seile, die darauf hinweisen, dass hier nur Vollkaskoversicherte den Nervenkitzel suchen.

Höhenangst nicht von Vorteil

Das Abseilen von der hohen Brücke wird zur Mutprobe, von der vor allem die Kinder ganz begeistert sind. Meine Frau hingegen kriegt allein schon vom Zuschauen Schweißausbrüche. Höhenangst ist in den Bergen nicht gerade ein Vorteil. Am letzten Tag unseres Aufenthalts wird es dann wieder richtig kindisch: Zwei Wildnispädagoginnen der Naturschule Abraxas üben mit uns beim Wandern den Eulenblick und den Fuchsgang. Zudem lernen wir, wie man ein Feuer anzündet und aus einem Holzstück mit etwas Glut und einem Messer einen Löffel basteln kann. Zu Essen gibt es Pizza­taschen, die wir selber herstellen, und Banane mit heißer Schokolade, die wir ebenfalls eigenständig brutzeln.

Auf einer Wiese werden uns zudem die Augen verbunden, und wir bekommen den Auftrag, nun möglichst geradeaus zu laufen. Für jene ohne Augenbinden ist es lustig mit anzusehen, welche seltsamen Wege die Versuchspersonen gehen. Kurzum: Es sind die ganz einfachen Dinge, mit denen die Wildnispädagoginnen vor allem die Kleinen, aber auch die Großen begeistern.
Alle sind eifrig bei der Sache, unsere Kinder kommen gar nicht zum Streiten, und als wir dann schließlich abreisen, hat mein Sohn komplett vergessen, dass er eigentlich längst zu Hause sein wollte.


Familienferien
Für Kinder ab sechs Jahren wird im Kleinwalsertal in den Ferienzeiten (Sommer und Herbst) unter der Woche ein Programm mit täglichen Ausflügen angeboten. Der Preis pro Tag und Kind beträgt zwischen 6 und 28 Euro, Auskunft über www.kleinwalsertal.com

 

Die Anmeldung zu den einzelnen Programmen ist bis zum Vortag um 17 Uhr in den Tourismusbüros möglich, Telefon 00 43 / 55 17 / 5 11 40. Zum Familienferienprogramm gehört auch wöchentlich ein Wildnistag der Naturschule Abraxas,www.naturschule-abraxas.de oder Klettern mit der Bergschule Kleinwalsertal, www.bergschule.at

Unterkunft
Fünf Hotels im Tal bieten tagsüber eine Betreuung für Kinder ab drei Jahren an, darunter der Rosenhof in Mittelberg, www.rosenhof.com

Weitere Unterkünfte unter www.kleinwalsertal.com

 

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