Angst vor Corona und Einsamkeit? Das rettet Ihr Weihnachtsfest!

Weihnachten ohne die Eltern oder Großeltern? Für viele kaum vorstellbar. Aber was, wenn die ständige Angst mitschwingt, ältere Familienmitglieder mit Corona anzustecken? Psychologin Ulrike Scheuermann gibt Tipps.
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Weihnachten wird 2020 für viele Menschen anders aussehen.
Kilomeaters/Shutterstock.com Weihnachten wird 2020 für viele Menschen anders aussehen.

Das Weihnachtsfest unter Corona-Bedingungen steht bevor. Höchstens zehn Personen sollen zusammen feiern, Kinder bis 14 Jahren sind davon ausgenommen. Zudem appelliert die Politik an die Bevölkerung, sich die Tage vor Weihnachten in Selbstisolation zu begeben. Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, spricht im SWR Radio davon, dass Weihnachten "zu einem Fest mit einem Todesrisiko für manche Menschen" werde. Was bedeutet es, wenn die Angst vor dem Virus allzeit präsent ist und was hilft Menschen, die Weihnachten in der Pandemie alleine verbringen? Psychologin und "Self Care"-Autorin Ulrike Scheuermann gibt im Interview mit spot on news Tipps.

Was macht es mit den Menschen, wenn die Angst vor dem Virus zum ständigen Begleiter wird?

Ulrike Scheuermann: Es gibt unterschiedliche Auswirkungen: Manche Menschen wehren die Angst ab, indem sie die unangenehme Emotion verdrängen oder die Risiken in Form von Sorglosigkeit bagatellisieren. "Ich bin doch gesund und habe kaum Außenkontakte, da werde ich schon nicht ansteckend sein." Andere reagieren über und wollen jegliches Risiko zu hundert Prozent ausschließen, indem sie nicht mehr aus dem Haus gehen, sich zurückziehen, nicht mal mehr telefonieren und vereinsamen oder sich nicht mehr gut versorgen. Empfehlenswert ist aber ein bewusster Umgang mit Angst: das Gefühl aushalten, bis es wieder abflaut, und die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen treffen. Versuchen, realistisch und pragmatisch zu bleiben, denn Leben birgt immer Risiken.

Wie kann man den Stress und die Angst rund um die Corona-Krise ausblenden, damit das Fest harmonisch wird?

Scheuermann: Das Wichtigste ist - wie jedes Jahr zu Weihnachten: keine zu hohen Erwartungen! Sie sind kontraproduktiv für eine harmonische Stimmung. Es muss ja Stress entstehen, wenn zu hohe Erwartungen und die Realität voneinander abweichen. Dann ist man enttäuscht und ärgerlich. Aber warum sollte der Vater, der sich das ganze Jahr nicht für einen interessiert, plötzlich am 24. wertschätzend sein? Oder die Schwester, die schon immer neidisch war, plötzlich das Essen loben, das man gekocht hat? Das wird nicht funktionieren.

Man sollte stattdessen offen sein für ein Fest, das uns durch die Corona-Bedingungen neue Erfahrungen jenseits eingefahrener Routinen bescheren kann, die positiv sein können. Zum Beispiel erlebe ich gerade, dass sich viel mehr Menschen ehrlich auf Weihnachten freuen als sonst und auf die Familie oder die wichtigsten Freunde besinnen, die eine verlässliche Größe im Leben darstellen. Da wird die Toleranz für die Macken der anderen größer, weil es wichtiger wird, dass sie da sind.

Wegen Reisebeschränkungen und Angst vor Ansteckung werden mehr Menschen als sonst die Weihnachtsfeiertage wohl auch alleine verbringen. Was raten Sie Betroffenen in diesem Fall?

Scheuermann: Essenziell ist es, dass man sich trotz räumlicher Entfernung zugehörig fühlt. Wir haben inzwischen alle die Erfahrung gemacht, dass man mit konzentrierten Telefonaten, Videomeetings und Chats zumindest übergangsweise den physischen Kontakt ersetzen kann. Und Weihnachtsstimmung kann auch entstehen, wenn man mit Abstand draußen feiert, denn es sind immer die Menschen, die dem Weihnachtsfest seine besondere Stimmung verleihen, nicht einfach die Sofaecke des Wohnzimmers.

Außerdem ist das Verschicken von Briefen und Geschenken jetzt umso bedeutsamer. Es zählt auch hier vor allem die Botschaft dahinter, die lautet: "Ich denke an dich." Das verbindet. In beide Richtungen: für den Verschenkenden ebenso wie für die Person, die die Post empfängt. Menschen, die Sorge haben, dass sie vereinsamen, sollten unbedingt aktiv jemanden darum bitten, sich zu melden, anstatt passiv abzuwarten und möglicherweise vergeblich zu hoffen.

Was für Chancen stecken in diesem Weihnachtsfest, das nur im kleinen Rahmen stattfinden kann?

Scheuermann: In kleiner Runde zu feiern, eröffnet neue Möglichkeiten. Schon deshalb, weil eingefahrene und nicht immer vorteilhafte Routinen aufgebrochen werden: Unsere Gespräche werden sicher intensiver und tiefgehender. Emotionale Nähe wird in der Folge besser entstehen. Durch weniger Menschen im Raum wird das Fest stiller und besinnlicher. Wir müssen zurzeit besonders mitbedenken, dass jeder auf irgendeine andere Weise seinen persönlichen Stress mit Corona hat. Nachsicht bringt hier allen Beteiligten mehr. Statt Vorwürfe zu machen, werden wir lieber freundlich nachfragen oder bitten.

Die Corona-Beschränkungen könnten noch bis März andauern. Was bedeutet es für Menschen, auf viele Kontakte und Nähe so lange zu verzichten?

Scheuermann: Das ist ohne Frage schwierig. Aber es gibt auch Positives: Wir realisieren gerade bewusster denn je die Kostbarkeit unserer nahen sozialen Beziehungen, die Bedeutung von Berührungen und den Wert der Begegnung mit anderen Menschen. Das ist eine Lernerfahrung, die wir uns für die Zeit danach bewahren werden. Wir fokussieren uns stärker auf die wenigen Kontakte und leben diese inniger, liebevoller und konzentrierter. Wir können auch neue Verbindungsformen ausprobieren, wie zum Beispiel die sogenannten kleinen Kontakte auf der Straße, die oft - bisher ungenutztes - Potenzial für lustige und nette Begegnungen bieten: Den Vorübergehenden "Guten Tag" sagen und ein Lächeln schicken, kann die Stimmung für den ganzen Tag um das entscheidende Maß aufhellen.

Die fehlenden gegenseitigen körperlichen Berührungen kann man durch gutes Self Care ausgleichen: ausgiebige Körperpflege mit Baden, langem Duschen, Eincremen und Massage. Musikhören, Tanzen in der eigenen Wohnung, sich gut bekochen, viel rausgehen bei jedem Wetter, am besten auch mit Sport: All das stärkt ein gutes Körpergefühl und hebt die Stimmung nachweislich.

Aber ich will nichts wegreden: Zu wenig Kontakt kann zu psychischen Belastungen führen, sogar Depression und körperlichen Krankheiten. Umso wichtiger ist es, kreativ zu werden und aktiv neue Kontaktformen zu finden. Wir brauchen zurzeit die gegenseitige Unterstützung mehr denn je. Emotional ("Wie geht es dir? Ich denke an dich!"), wirtschaftlich ("Kann ich dir aushelfen?") und alltagspraktisch ("Ich gehe jetzt einkaufen, soll ich dir etwas mitbringen?").

Helfen wir einander und lassen wir uns helfen. Zeigen wir uns gegenseitig, dass wir aneinander denken und bereit sind, zusammenzurücken. Das ist das Wichtigste in dieser Pandemiezeit ­- und erst recht zu Weihnachten.

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