Wenn das Geld kaum reicht

Nach jahrzehntelanger Arbeit sagen sie: „Nie hätt’ ich des geglaubt!“ Auch im reichen Bayern kämpfen Ruheständler mit finanziellen Nöten.
| Matthias Maus
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Auch in Bayern gibt es Rentner die kaum genug zum Leben haben: Susanna Andruchowitsch und Erwin Dilg sind zwei von ihnen.
Matthias Maus Auch in Bayern gibt es Rentner die kaum genug zum Leben haben: Susanna Andruchowitsch und Erwin Dilg sind zwei von ihnen.

 Susanna Andruchowitsch hat an alles gedacht damals: „Ich wollt a paar Mark mehr in der Lohntüten“, sagt die 59-Jährige. Deshalb hat sie die Prüfung gemacht. Zur Hauswirtschafterin. „Drei Einser hab i kriagt“, erzählt sie und holt das Zeugnis aus der Klarsichtfolie. Es hat ihr kein Glück gebracht: „Gemobbt ham sie mi“, erzählt. Bis sie nicht mehr konnte, krank wurde, früher aufhören musste zu arbeiten. Und heute – reicht es kaum zum Leben. „Nie hätt i des geglaubt!“

Der Weg ist idyllisch zu Susanna Andruchowitsch. „Lauter Millionäre san do herum“, erzählt ihr Mann Wolfgang im Wohnzimmer. Hier, um den Starnberger See, einer der teuersten Lagen des Landes, sind sie geboren, haben geheiratet, und 1972 auf dem ererbten Grundstück das Haus gebaut. Es gehört ihnen nicht mehr, sie haben es verkauft. Aber sie wohnen noch immer drin. Ab April 2014 müssen sie Miete zahlen – wie viel? Das wissen sie nicht. Müssen sie ihr Haus verlassen? Gut möglich.

„Es war ned einfach“, sagt Herr Andruchowitsch. Zuletzt hat er 21 Jahre auf dem Bauhof gearbeitet in Starnberg, seine Gesundheit ruiniert – bis zur Rente. Nächstes Jahr ist er voll pensionsberechtigt. „Irgendwas werd scho“, sagt er. „Und i wollt arbeiten bis zum Umfallen“ sagt die Frau.

Fast kommen ihr die Tränen: 33 und ein halbes Jahr hat sie gearbeitet, im öffentlichen Dienst, sagt die 59-Jährige. „Sechs Chefinnen hab ich gehabt“, mit der siebten habt’s nicht mehr geklappt. Die Zusatzprüfung, die ihr mehr in der Lohntüte bringen sollte, das habe die andere gestört. Behauptet Susanna Andruchowitsch.

Arthrose, Diabetes „und 2009 ein Herzkaschperl“. Das Leben glitt ihr aus den Händen. Mit den Ärzten kam sie nicht klar, mit den Chefs auch nicht, und irgendwann auch nicht mehr mit dem Geld: „Der VdK, der hat mir sehr geholfen“, sagt sie. Seit 2009 ist sie in Erwerbsminderungsrente, 677 Euro im Monat. Im Oktober endlich bekommt sie die volle Erwerbsminderungsrente. Aber trotzdem, es reichte nicht mehr für die Raten mit der Bank, „immer wieder umschulden“ sagt Frau Andruchowitsch.

Und dann ist da die Sache mit ihrem Kind. „Schreiben’ s des ned in die Zeitung“, bittet die Mutter.“ Nur soviel. Es ist erwachsen, es kostet Geld, fast das ganze Geld. Es gibt sie, die Menschen, die bedürftig sind, denen es kaum reicht im Ruhestand, auch im reichen München und im Umland.

Erwin Dilg zum Beispiel. Seine Wohnung ist voll von Gewinnern. FC-Bayern-Bettwäsche, FC-Bayern-Sofakissen, FC-Bayern-Fußmatte. Aber Erwin Dilg kennt auch die Niederlagen: Zwei Bandscheiben-Operationen, sieben Herzinfarkte, grauer Star auf beiden Augen, Prostata-OP", rattert er herunter, und, ja: „Die Wohnung g'hert a amoi geweißelt."

Die Wohnung steht im oberbayerischen Haag, direkt neben der Hauptverkehrsstraße, „200 Euro kostet die im Monat", sagt Herr Dilg, und bei 792 Euro Rente ist das ein Riesenglück. Auf knapp 500 Euro Fixkosten kommt er, und von den Zigaretten kann er auch nicht lassen.

Es gibt eine Küche, ein Bad, keine Zentralheizung: Den Ölofen hat er von einer kleinen Wohltätigkeits-Organisation. „Bis vor kurzem hab ich mit Holz geheizt", erzählt der 71-Jährige: „Deshalb der Ruß". An den Wänden, an der Decke. „Aber weißeln, des kann ich nimmer, und i kann's mir a nimmer leisten."

40 Jahre war er im Beruf, die meiste Zeit als Kraftfahrer: „Ganz Deutschland, Frankreich, Italien“. Er hat nicht gezählt, wie oft er um den Erdball gefahren ist: Lebensmittel, Tiefkühlkost, Baumaterial. An der Wand über dem Ölofen hängt ein Foto von seinem 60. „Kurz vor Rom war des", ein schneeweißer Kühllaster, er und seine Mutter. „Vor 15 Jahren ist sie gestorben - Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Er hat sich selbst auch krank gefahren. Die Bandscheibe, typische Fernfahrersache. Die erste OP 1978, da verlor er einen Job. „Und wer nimmt schon an Fahrer mit Bandscheibe." Die zweite Chance bekam er 1981, „Und dann kam die nächste OP.", Dann war der nächste Job weg.

Als er wieder anfing, „da hab ich halt doch hingelangt." Mehr als zehn Kilo, hat der Arzt damals gesagt, dürfe er nicht heben. „Aber des geht ned in dem Beruf.“ 2001 hat Erwin Dilg aufgehört. Er ist erstmal zum Sozialverband VdK gegangen, hat sich seine Ansprüche klären lassen.

Aber die Schmerzen, die Bandscheibe, die hat er mit in den Ruhestand genommen, wenn sonst recht wenig: Er nahm Tabletten dagegen, starke Tabletten, zu viele Tabletten.Am 3. März ist Erwin Dilg ins Koma gefallen, hier vor dem Sofa. Ein Nachbar hat ihn gefunden. Gerade noch rechtzeitig. „Der werd nimmer", hat der Arzt gesagt, doch zwei Tage später war Dilg wieder da. „Herr Doktor, hab ich gesagt, an mir ist gar nichts mehr ganz."

Er lacht darüber. Er klingt nicht, als sei etwas übrig geblieben. „Solange ich meinen Humor hab, solange geht's mir gut." Familie hat er keine, da ist bloß Diana, alias Schneck alias Mädi, die rotgetigerte Katze. „Die müsste mal zum Arzt, geimpft werden, aber das kann ich mir nicht leisten.“ Matthias Maus

 

 Vorsicht! Steuern, Versicherungen, Abgaben

Was Ruheständlern abgezogen wird, und wann sie wie viel dazu verdienen dürfen

Sozialabgaben: Auch Rentner müssen Beiträge für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung zahlen. Von ihrer staatlichen Altersrente gehen monatlich mindestens 10 Prozent für die Sozialabgaben ab, von einer Betriebsrente sogar fast ein Fünftel.

Grundsätzlich hängt die Höhe der Abzüge immer davon ab, wie der Rentner in seinem Berufsleben hauptsächlich krankenversichert war. Pflichtversicherte kommen am besten davon. Mit diesen Belastungen ist zu rechnen: Für pflichtversicherte Ruheständler werden 15,5 Prozent der Bruttorente für die Krankenversicherung fällig. Aus eigener Tasche müssen sie aber lediglich 8,2 Prozent aufbringen. Dieser Anteil wird vor der Auszahlung gleich abgezogen. Die übrigen 7,3 Prozent Beitrag trägt die Rentenkasse. Obendrauf kommt noch der Beitrag zur Pflegeversicherung.

Besonders happig sind die Abzüge für Betriebsrenten, Zusatzeinkünfte aus berufsständischen Versorgungswerken oder etwa die Riester-Rente über den Chef - wenn das Extra monatlich über 134,75 Euro liegt. Pflichtversicherte büßen dann mehr als 17 Prozent ein: Volle 15,5 Prozent für die gesetzliche Krankenversicherung plus gut 2 Prozent für die Pflegeversicherung. So landen von 400 Euro Betriebsrente brutto im Monat nicht einmal mehr 330 Euro auf dem Konto.

Freiwillig versicherte Rentner müssen Abgaben für noch mehr Einnahmen zahlen als Pflichtversicherte, unter anderem 14,9 Prozent auf ihre Rürup-Rente oder Einkünfte aus Vermietung, Kapitalvermögen und der privaten Rentenversicherung. Das kann bis zu 700 Euro an Abzügen pro Monat bedeuten.

Wichtig: Die Rentenkasse schießt auch freiwillig Versicherten 7,3 Prozent zu den 15,5 Prozent Beitrag für die Kranken- und Pflegeversicherung zu - aber nur auf Antrag beim Rententräger. Privat Krankenversicherte haben ebenfalls Anspruch auf einen Zuschuss der Rentenkasse von bis zu 7,3 Prozent ihrer gesetzlichen Rente. Steuer: Je nach Rentenbeginn ist von den gesetzlichen Bezügen unterschiedlich viel steuerfrei: Wer 2012 erstmals Altersrente bekam, muss 64 Prozent versteuern, der Rentnerjahrgang 2015 bereits 70, in 2040 sind es dann 100 Prozent.

Wer nur eine kleine gesetzliche Rente bezieht, ist aus dem Schneider. Das gilt auch für den, der eine Pension oder Firmenrente auf Steuerkarte mit Steuerklasse I, II, III oder IV bekommt und keine weiteren Einnahmen hat. Denn: Wer um die 1200 Euro monatlich brutto an gesetzlicher Rente hat, liegt damit unter dem Grundfreibetrag, der vergangenes Jahr 8004 Euro betrug und dieses Jahr bei 8130 Euro liegt (für Ehepaare 2013: 16260 Euro). Für den Ruheständler bedeutet das: Er kann sich beim Finanzamt eine sogenannte Nichtveranlagungsbescheinigung besorgen. Das erspart ihm drei Jahre lang die Abgabe einer Steuererklärung. Und verhindert, dass die Bank Kapitalertragssteuer abführt.

Aber aufgepasst: Bei Einkünften aus mehreren Quellen besteht schnell Steuerpflicht, warnt Bernhard Lauscher, Sprecher der Vereinigten Lohnsteuerhilfe (VLH). Zum Beispiel, wenn zur gesetzlichen Rente eine Betriebs- oder Privatrente dazukommen, Miet- oder Kapitaleinkünfte (Zinsen, Dividenden) oder ein Nebenverdienst. Auch die Witwenrente muss versteuert werden, eine Unfall- oder Entschädigungsrente dagegen nicht.

Steuerpflichtig sind meist auch Ehepaare, von denen einer noch arbeitet, speziell, wenn der berufstätige Partner in Steuerklasse III eingestuft ist. Wichtig: Mit Freibeträgen und Pauschalen kann das zu versteuernde Einkommen gedrückt werden. Dazu gehört das Absetzen von Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen, Ausgaben für Privathaftpflicht-, Unfall- und Sterbegeld- oder eine langjährige Lebensversicherung. Auch die Kfz-Haftpflicht ist absetzbar. Absetzbar sind außerdem Spenden, Gewerkschaftsbeiträge, Handwerkerlöhne, Praxisgebühren und Aufwendungen für die Gesundheit wie die Anschaffung von Brille, Zahnersatz oder Fahrten zur Klinik, außerdem Aufwendungen für Pflege.

Zuverdienst:. Die früher übliche Regelaltersgrenze von 65 Jahren ist vom Tisch. Jetzt gilt: Die Renten-Hürde steigt für die Jahrgänge 1947 bis 1964 in Tippelschritten von 65 auf 67 Jahre. Jeder Bürger sollte seine persönliche Renten-Altersgrenze kennen. Erst wenn sie erreicht ist, kann der Ruheständler unbegrenzt arbeiten, ohne dass der Extra-Verdienst die eigene Rente schmälert - ob im Mini-Job bis 450 Euro monatlich oder mit sozialversicherungspflichtigem Einkommen. Rat und Hilfe: Wer nicht weiß, ob er Steuern zahlen muss, sollte sich Hilfe suchen, sagt Bernhard Lauscher. Das Finanzamt gibt zwar Tipps. Eine gründliche Beratung bei einem Lohnsteuerhilfeverein kann aber bares Geld wert sein. Wer seine Steuerpflicht selbst abschätzen will, kann das mit Online-Rechnern probieren, etwa mit www.test.de oder mit www.lfst.bayern.de. Berrit Gräber

 

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