US-Zollstreit mit Kanada: Deutsche Wirtschaft sieht Chancen

Zwischen der Trump-Regierung und dem einst befreundeten Kanada eskaliert der Zollstreit. Die deutsche Wirtschaft könnte am Ende davon profitieren, meinen Verbände. Sie wittern neue Geschäftschancen.
von  Alexander Sturm und Khang Mischke, dpa
Zwischen den einst befreundeten Nachbarstaaten Kanada und USA eskaliert der Zollstreit (Archivbild)
Zwischen den einst befreundeten Nachbarstaaten Kanada und USA eskaliert der Zollstreit (Archivbild) © Gene J. Puskar/AP/dpa

Der Zollstreit zwischen der Trump-Regierung und Kanada eskaliert - und Deutschland und Europa könnten Gewinner sein. Das zumindest hoffen Wirtschaftsverbände, die neue Geschäftschancen mit Kanada wittern. Sie sehen das Potenzial, den bisher eher überschaubaren Handel zwischen Deutschland und Kanada zu stärken und die strategischen Beziehungen auszubauen - etwa bei kritischen Rohstoffen.

Zwar sei die Zolleskalation zwischen den USA und Kanada eine Belastung auch für deutsche Firmen mit Niederlassung in Nordamerika, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK, der Deutschen Presse-Agentur. "Aber jeder neue Zoll, den die USA gegen ihre Handelspartner verhängen, hat einen kleinen positiven Nebeneffekt: Solche Zolleskapaden machen Europa als verlässlichen Handelspartner attraktiver."

Er erwartet, dass Kanada sich im Handel umorientiert. "Wenn der Zugang zum US-Markt für kanadische Unternehmen schwieriger wird, dürfte ihr Interesse an alternativen Absatzmärkten wachsen", sagte Treier.

Im Zollstreit mit Kanada hat die US-Regierung in Washington Einfuhrverbote für bestimmte Produkte aus dem Nachbarland angekündigt. Einige Molkereiprodukte, alkoholische Getränke und Motorräder sollen ab 29. September nicht mehr in die Vereinigten Staaten eingeführt werden dürfen, wie aus Dekreten von Präsident Donald Trump hervorgeht.

"Erhebliches Wachstumspotenzial"

Auch Dirk Jandura, Präsident des Exportverbands BGA, sieht Chancen für mehr Handel mit Kanada. "Wenn sich bei den Nachbarn eine Tür schließt, schaut Kanada zwangsläufig stärker über den Atlantik", sagte Jandura. "Und Europa sollte diese Tür weit aufmachen." Wenn Kanada sich wirtschaftlich stärker nach Europa orientiere, müsse man die Chance nutzen, dort auch mehr deutsche Produkte, Maschinen und Technologien zu verkaufen. 

Schon jetzt sehe man deutliche Anzeichen, dass Kanada seine Wirtschaft neu ausrichte. Nach Angaben von Statistics Canada seien die kanadischen Exporte in Länder außerhalb der USA im Juli den dritten Monat in Folge gestiegen und hätten mit 25,6 Milliarden kanadischen Dollar (etwa 15,9 Milliarden Euro) einen Rekordwert erreicht. "Deutschland gehörte dabei zu den wichtigsten Zielländern." 

Die jüngste Eskalation im Zollstreit dürfte den Trend verstärken, betonte Jandura. Kanada spiele im deutschen Außenhandel bisher eine relativ kleine Rolle. "Deshalb gibt es erhebliches Wachstumspotenzial." Bereits 2025 seien die deutschen Warenimporte aus Kanada um knapp 28 Prozent auf rund 9,1 Milliarden Euro gestiegen.

Tatsächlich steht Kanada in der Rangfolge der wichtigsten Importländer für Deutschland nur auf Rang 31, weit hinter China, den Niederlanden und den USA, zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Und bei den Exporten deutscher Firmen kommt Kanada lediglich auf Platz 25 mit einem Volumen von 12,5 Milliarden Euro. 

"Potenzial längst nicht ausgeschöpft"

Mit Kanada habe die EU durch das Handelsabkommen CETA bereits eine Grundlage, um die Wirtschaftsbeziehungen weiter zu verbessern, erklärte Treier. "Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Abkommens 2017 ist der Warenhandel zwischen der EU und Kanada um 76 Prozent gewachsen - dennoch ist das Potenzial längst nicht ausgeschöpft."

Nach Zahlen des BGA ist der Warenhandel zwischen EU und Kanada seit dem vorläufigen Inkrafttreten von CETA zwar binnen acht Jahren von gut 46 auf 81,5 Milliarden Euro gewachsen. Trotzdem mache Kanada nur rund 1,8 Prozent des EU-Warenaußenhandels aus. 

Spirale aus Zöllen und Gegenzöllen

Der Zollstreit zwischen den USA und Kanada hatte sich in den vergangenen Wochen hochgeschaukelt. Die nun verkündeten Einfuhrverbote träfen einen Warenwert im einstelligen Milliarden-Dollar-Bereich, sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter. Dabei geht es unter anderem um Motorräder und Mopeds sowie bestimmte Weine, Biere, Wodka und Schnäpse sowie einige Molkereiprodukte. Nur wenige Stunden zuvor hatte Trump zudem das Beschaffungswesen von US-Behörden angewiesen, künftig keine kanadischen Produkte mehr zu beziehen.

Zugleich passte die US-Regierung ihre Zölle für einige Produkte an. Für Waren wie Steinsalz und Zement sollten die Einfuhraufschläge mit Wirkung zum 15. September wegfallen, während etwa Geländefahrzeuge und weitere Molkereiprodukte zusätzlich auf die Liste hinzugefügt wurden.

Kanada wehrt sich

Erst in der Nacht zum Dienstag waren kanadische Gegenzölle auf US-Importe in Kraft getreten - etwa auf Produkte aus den Bereichen Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Papier und Elektronik. 

Die Handelsgespräche zwischen den USA und Kanada waren zuvor gescheitert. Die USA hatten danach im August Zölle von bis zu 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar verhängt, darunter Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein.

Trump begründet seine Zölle unter anderem damit, dass Kanada die Vereinigten Staaten seit Jahren "ausbeute". Er behauptete, dass sein Land nicht auf den Handel mit dem Nachbarn angewiesen sei. Dabei ist Kanada laut US-Daten der zweitgrößte Handelspartner der USA.

Sinkende Preise für deutsche Verbraucher?

DIHK und BGA erwarten, dass künftig mehr kanadische Waren nach Europa kommen. "Eine massive Warenumleitung nach Europa würde ich trotzdem nicht erwarten", sagte Jandura. Produkte ließen sich nicht beliebig von einem Markt auf den anderen umleiten. "Kanadische Waren werden jetzt nicht plötzlich zum Schnäppchen im deutschen Supermarkt. Aber mehr Angebot bedeutet mehr Wettbewerb - und das ist grundsätzlich gut für Händler und Verbraucher."

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.