Panzer ohne Personal: Firmen bewerben autonome KI-Systeme

Europas Rüstungsbranche setzt verstärkt auf Militärfahrzeuge, die keinen Fahrer an Bord haben. Mit KI-Funktionen ausgestattet kurven die Panzer und Multifunktionsfahrzeuge selbstständig durch das Gelände, um Minen zu räumen, Verwundete zu bergen oder Nachschub zu liefern. Bewaffnet sind manche dieser Fahrzeuge auch, mit Bordkanone oder Raketenwerfer. Damit sollen etwa Drohnen abgeschossen werden.
Auf der Rüstungsmesse Eurosatory, die am Freitag bei Paris endet, stellten Hersteller solche Fahrzeuge vor, von den deutschen Firmen Rheinmetall und Renk bis hin zur estnischen Firma Milrem Robotics. Auch Otokar aus der Türkei war vor Ort; Otokar hatte schon 2024 einen autonomen Kettenpanzer mit Kanone an Bord präsentiert. Die britische Tochter der US-Firma General Dynamics hat ein autonomes Multifunktionsfahrzeug im Portfolio, das mit Maschinengewehr und Granatwerfer bestückt werden kann.
Im Fachjargon geht es um "Unmanned Ground Vehicles" (UGV), also das Gegenstück zu Drohnen in der Luft. Rheinmetall hat ein autonomes Minenräumfahrzeug sowie ein Multifunktionsfahrzeug namens Mission Master entwickelt. Der Mission Master ist mit Kameras und Sensoren ausgestattet, er soll der Truppe an der Front Nachschub bringen oder Verwundete aus dem Gefechtsfeld holen. Landen Soldaten an der Küste, kann er als amphibisches Fahrzeug mitschwimmen und militärische Ausrüstung an Land bringen.
Milrem Robotics aus Tallinn stellt einen Mini-Panzer her, der bis zu 20 km/h schnell ist und mit Zuladung knapp drei Tonnen wiegt. Er ist zweieinhalb Meter lang und zwei Meter breit. Die Firma bewirbt das bereits bei Nato-Armeen eingesetzte Fahrzeug als kosteneffizient und robust, eine Bordkanone soll Drohnen zerstören.
Nato sieht Technologie positiv
Die Nato hat das Potenzial autonomer Fahrzeuge erkannt. In einem Bericht eines Gremiums des Verteidigungsbündnisses von 2025 heißt es, unbemannte Systeme könnten besonders da von Nutzen sein, wo sie Menschen aus gefährlichen Situationen heraushielten. Es gehe um Aufklärung, Minenräumung, Munitionstransport und Nachschub. UGVs könnten in Hochrisiko-Situationen mit Waffen ausgerüstet werden. "Das würde letzten Endes Soldaten schützen, indem man sie aus dem Gefahrenumfeld herausnimmt", heißt es in dem Bericht mit dem Titel "Die Zukunft der unbemannten Kriegsführung meistern".
Verstärkt wurde der Trend zu UGVs durch den Ukraine-Krieg. Dort werden nicht nur massenhaft Drohnen in der Luft eingesetzt, sondern es kommen auch unbemannte Bodensysteme zur Anwendung.
Beim UGV-Trend mischt der Augsburger Antriebsspezialist Renk mit. Die Firma hat schon 4.000 Getriebe für den Leopard-Kampfpanzer gebaut, nun hat sie auf der Eurosatory mit der finnischen Rüstungsfirma Patria ein Konzeptfahrzeug für ein schweres unbemanntes Kettenfahrzeug präsentiert. Das UGV wiegt zehn Tonnen, bis zu zehn Tonnen können an Nutzlast hinzukommen. Bei der Messe war darauf ein Raketenwerfer einer anderen Firma installiert.
"Viele der heute verfügbaren UGVs sind vergleichsweise leicht und eher für kurze Einsatzdauern ausgelegt", sagt Renk-Manager Michael Masur. "Sie fahren bis zu 30 Stundenkilometer und ihre Batterie reicht für 30 bis 60 Minuten Betrieb." Mit dem Konzeptfahrzeug mit Dieselmotor könne man – abhängig von der Nutzlast – Distanzen von 500 bis 1.000 Kilometern zurücklegen und Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h erreichen. Renk ist für den digitalisierten Antriebsstrang und die digitale Steuerungsarchitektur zuständig, Patria für die Wanne samt Fahrwerk.
Angesichts der Personalknappheit in Nato-Armeen sei es naheliegend, den menschlichen Arbeitsbedarf mit Automatisierung zu reduzieren, sagt Masur. Nach seiner Einschätzung wird es zwar noch dauern, bis größere autonom fahrende Landsysteme wie etwa Kampfpanzer regulär in der Armee eingesetzt werden. "Das wird kommen, aber die Herausforderungen der Autonomie sind groß." Masur ist überzeugt, dass schrittweise immer mehr Assistenzfunktionen eingesetzt werden, die die Soldaten entlasten.
Rheinmetall-Chef bewertet UGVs als gute Ergänzung
Auch Rheinmetall-Chef Armin Papperger rechnet mit einer stärkeren Nutzung autonomer Systeme. "Wir haben einen schnellen Fortschritt und werden in den nächsten Jahren sehen, dass eine Kombination aus Fahrzeugen mit und ohne Menschen die Lösung sein wird", sagt der Manager. Die Systeme hätten einen großen Vorteil: "Man setzt nicht Menschenleben aufs Spiel, sondern Material."
Künstliche Intelligenz wird bei den UGVs in unterschiedlicher Ausprägung eingesetzt. Steuern wir auf Gefechte zwischen KI-Maschinen zu? Papperger betont, dass bei den Waffensystemen immer der Mensch das letzte Wort haben sollte, also die Entscheidung zur Schussabgabe treffe - das sei der ethische Ansatz seiner Firma und so wollten es auch die Nato-Kunden. Damit dies auch künftig überall der Fall ist, plädiert er für globale Regeln der Vereinten Nationen, die KI-Entscheidungen zur Waffengewalt unterbänden.
Sorgen von Friedensaktivisten
Pazifisten sehen den Trend zu autonomen Militärfahrzeugen mit Bauchschmerzen. Die Technologie könne zwar sinnvoll eingesetzt werden, wenn dadurch Verwundete geborgen und Minen sicher entschärft werden, sagt Marius Pletsch von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK). "Aber das Zurschaustellen dieser Verwendungszwecke scheint eher eine Beruhigungspille für die öffentliche Debatte zu sein."
Man beobachte ein großes Interesse von Rüstungsfirmen und Militärs, die autonomen Fahrzeuge zu bewaffnen und diese Waffengewalt perspektivisch im größeren Stil einsetzen zu können. Die Entscheidung, wer oder was Ziel eines Angriffes wird, dürfe nicht an Maschinen delegiert werden. Genau das drohe aber mit der Beschleunigung der Kriegsführung durch mehr Autonomie in Waffensystemen.
Ähnlich wie Rüstungsmanager Papperger hofft der Pazifist darauf, dass die Vereinten Nationen (VN) klare Leitplanken vorgeben. Seit 2014 gebe es innerhalb der VN-Waffenkonvention Gespräche dazu. Diese hätten bislang aber wenig konkrete Ergebnisse gebracht. Pletsch warnt vor möglichen tragischen Folgen des Maschinen-Einsatzes, etwa wenn ein feindlicher Soldat sich ergeben wolle, der Roboter-Panzer das aber nicht erkenne und schieße.