Liegt Afghanistans Zukunft in der Arbeit der Frauen?

Langsam schält Rukia Resai rötliche Seifenstücke aus einer Silikonform und stapelt sie aufeinander. Es riecht nach frischen Kräutern, nach Safran und Kurkuma - die kleine Seifenmanufaktur im Westen Afghanistans läuft auf Hochtouren.
Seit fünf Jahren regieren in dem zentralasiatischen Land wieder die islamistischen Taliban. Im August 2021 hatten sie in einer Blitzoffensive erst das Land und dann die Hauptstadt Kabul eingenommen. Seither stürzt Afghanistan in eine immer tiefere humanitäre Krise. Aber die Frauen sind ein Hoffnungsschimmer.
Vor vier Jahren hat die 21-jährige Rukia Resai die kleine Manufaktur in der westafghanischen Stadt Herat gegründet. Sie durfte unter den Taliban nicht studieren, musste die Schule in aller Eile beenden und ihr Vater hatte sein Geschäft verloren. Jetzt arbeiten acht Angestellte regelmäßig für Resais Familienunternehmen, bei hoher Auftragslage noch mehr. Durch die Arbeit habe nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Schwestern, die sie einbinden konnte, aus einer schweren Zeit gefunden. "Insgesamt hat sich durch diese Arbeit die mentale Gesundheit unserer ganzen Familie verbessert", sagt Resai.
Millionen Kinder mangelernährt
Doch die humanitäre Lage verschlimmert sich in Afghanistan seit der Übernahme der Taliban vor fünf Jahren. Mit dem Sturz der Vorgängerregierung brach zunächst die Wirtschaft ein, es folgten ein Ausschluss vom internationalen Finanzsystem und Hilfsgelder fehlen zusehends.
Fast 40 Prozent der Bevölkerung könnten in den Wintermonaten akut von Ernährungsunsicherheit betroffen sein, mindestens 3,7 Millionen Kleinkinder in Afghanistan gelten als akut mangelernährt. Vertreter internationaler Hilfsorganisationen sprechen meist nur von einem Tropfen auf den heißen Stein, wenn sie über ihre Programme sprechen.
Aber es fehlt nicht nur Geld. Knapp 3,9 Millionen Menschen sind nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) allein aus den Nachbarländern Iran und Pakistan in den vergangenen fünf Jahren zurückgekehrt - willentlich oder unter Druck. So schreibt die Weltbank, dass die afghanische Wirtschaft zwar im vergangenen Jahr gewachsen sei. Mit der massiven Immigration seien die Afghanen jedoch pro Kopf sehr viel ärmer geworden.
Daneben belastet ein Konflikt mit dem Nachbarland Pakistan das Land: Islamabad hat im Zuge gegenseitiger Angriffe Grenzübergänge für den Warenverkehr geschlossen, so kommen Melonen und Nüsse aus Afghanistan nicht mehr über die Grenze, auch Importe über pakistanische Häfen sind unmöglich geworden.
Taliban beschränken Bewegungsfreiheit für Frauen
Und über allem schweben die Restriktionen, die die Taliban im Alltag auferlegen - insbesondere für Frauen. So dürfen Frauen eigentlich nicht mehr in Büros arbeiten, müssen von Männern auf ihren Wegen begleitet werden und sich voll verschleiern. Dazu kommt eine unterschiedliche Durchsetzung der Regelungen in den Provinzen und Willkür.
Ghoncheh Karimi weiß das sehr genau. Die 39-jährige Imkerin verkleidet sich seit der Machtübernahme der Taliban jeden Tag als Mann, um 15 Kilometer auf ihrem Motorrad zu ihren Bienenstöcken im Umkreis Herat zu fahren. Einmal sei sie von den Taliban wegen ihrer Verkleidung festgenommen worden. In einer Befragung sei sie gefragt worden, ob sie keine Angst vor der neuen Regierung habe. "Anstatt meinen Körper zu verkaufen, habe ich mich entschieden Männerklamotten zu tragen, mein Motorrad zu fahren, zur Arbeit zu gehen, ehrliches Geld zu verdienen und meiner Familie Essen auf den Tisch zu bringen", habe Karimi geantwortet. Dann sei sie freigelassen worden.
Vor 18 Jahren hat sie mit dem Imkern angefangen. Mittlerweile unterhält sie 120 Bienenstöcke und bildet Männer wie Frauen in dem Handwerk aus. Sie könne nicht nur alle Ausgaben der Familie mit den Einnahmen stemmen, sondern sei jüngst auch für eine Augenoperation ihres Sohnes aufgekommen. "Heute bin ich stolz zu sagen, dass ich mit dem Verkauf von Honig beitragen kann, dass meine Kinder ihre Träume erreichen können", sagt die Imkerin.
Latif Nasari, stellvertretender afghanischer Wirtschaftsminister, sagt der Deutschen Presse-Agentur, sein Ministerium unterstütze Unternehmen von Frauen innerhalb islamischer Normen. Frauen seien in klein- und mittelständischen Unternehmen tätig und "soweit erforderlich" etwa an Flughäfen, bei Banken oder Sicherheitsgewerben. Afghanistan wolle nachhaltiges Wirtschaftswachstum erreichen und daran wirkten Frauen unter Beachtung nationaler Werte mit, sagt er weiter. Tatsächlich erhalten Frauen jedoch kaum noch Arbeitsberechtigungen für Anstellungsverhältnisse, berichten Experten.
Weltbank: Von Frauen geführte Unternehmen erfolgreicher
Der Privatsektor trage derzeit das zarte Wirtschaftswachstum in Afghanistan, schreibt die Weltbank in einer Analyse. Von Frauen geführte Unternehmen schnitten dabei sehr viel besser ab als die von Männern: Nicht nur wachse ihr Absatz stärker, sie stellten auch viel schneller mehr Angestellte ein. Der Wirtschaft in Afghanistan könnte es sehr viel bessergehen, würden Frauen nicht so vielen Restriktionen unterliegen, heißt es.
Doch es sind nicht nur die Regeln. Auch das Geld fehlt. Rukia Resai würde gern ihr Seifengeschäft ausweiten. Die Vermarktung laufe gut über die sozialen Medien, aber vergangenes Jahr hätte sie eigentlich einen Auftrag bekommen, zum ersten Mal im großen Stil nach Tadschikistan zu exportieren. Aber so schnell konnte sie ihre Produktionskapazität gar nicht ausbauen. Denn bisher arbeiten sie noch in einer zwölf Quadratmeter großen Küche.
Resai berichtet, seit diesem Jahr seien die Einschränkungen der Taliban schlimmer geworden. Dennoch: "Leute sollten nicht darauf warten, dass jemand kommt und sie rettet. Die werden nicht kommen. Menschen können sich nur selbst retten."