Honeymoon mit Obama

Mit der Wahl Barack Obamas haben die Amerikaner Schranken überwunden und für eine Aufbruchsstimmung im Land gesorgt. In den USA und im Rest der Welt ist das politische Jahrhunderttalent ein Hoffnungsträger für den Wandel. Doch diesen wird es nicht zum Nulltarif geben - ein Kommentar.
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Barack Obama ist der Hoffnungsträger für den Wandel
dpa Barack Obama ist der Hoffnungsträger für den Wandel

Mit der Wahl Barack Obamas haben die Amerikaner Schranken überwunden und für eine Aufbruchsstimmung im Land gesorgt. In den USA und im Rest der Welt ist das politische Jahrhunderttalent ein Hoffnungsträger für den Wandel. Doch diesen wird es nicht zum Nulltarif geben - ein Kommentar.

Es ist nicht nur ein Hauch, es ist ein Wind des Wandels, der durch Amerika weht und die Welt erfasst. Barack Obama wird 44. Präsident der USA. Die letzte Supermacht hat Geschichte geschrieben. Erstmals wählten die US-Bürger einen Schwarzen ins Weiße Haus, sie haben Intoleranz und die Schranken des Rassismus überwunden. Und sie haben sich in einem nie dagewesenen Ausmaß für Politik interessiert, ja viele von ihnen konnten sich begeistern für die Demokratie - die für amerikanische Verhältnisse extrem hohe Wahlbeteiligung ist eindrucksvoller Beleg dafür.

Selten in der jüngeren Vergangenheit waren so viele Hoffnungen verbunden wie mit dieser Wahl. Selten auch lastete das Erbe der Geschichte so schwer auf einem neuen US-Präsidenten: die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Folgen der schwersten Finanzkrise seit 80 Jahren, der emotionale Zustand einer Nation, deren Ansehen in den acht Jahren unter George Bush in den Keller gefallen ist, die Hoffnungslosigkeit der Mittelschicht in einem Land, das die Versöhnung mit sich selbst braucht und einen Neubeginn, einen Wandel eben und nicht bloß einen Wechsel in seiner Führung.

Auf all diese Probleme muss Barack Obama Antworten finden. Er ist intelligent, instinktsicher, inspirierend und zweifelsohne charismatisch - ein Jahrhunderttalent. Aber das allein ist noch keine Garantie dafür, dass seine Präsidentschaft eine erfolgreiche wird. Der 47-Jährige ist kein Wunderheiler und er mag vor allem auf dem Feld der Außenpolitik unerfahren sein. Doch Obama vermag – anders als sein Vorgänger – zuzuhören und er ist lernfähig.

Barack Obama ist der Wunschkandidat der Europäer. Hier wie kaum sonstwo auf der Welt war Amerika über Jahrzehnte und trotz mancher Defizite zu Recht ein leuchtendes Vorbild: politisch, wirtschaftlich, kulturell und auch in moralischer Hinsicht. Diese Vorbildfunktion wieder herzustellen, wird eine der großen Herausforderungen an Obama sein. Er muss die Menschenrechte, für die Amerika einst Pate stand, wieder mit neuen Inhalten füllen, indem er etwa die unter George Bush praktizierten Foltermethoden abschafft und das Gefangenenlager auf Guantanamo sofort schließt. Er wird der Diplomatie, er wird dem Multilateralismus zu neuer Bedeutung verhelfen müssen, indem er zum Beispiel die Vereinten Nationen wieder als Instanz der Weltpolitik ernst nimmt. Und er muss einen Kurswechsel in der Klimapolitik einleiten.

Europa und der Rest der Welt dürfen sich nach dieser Wahlnacht auf die Flitterwochen mit Barack Obama freuen. Doch niemand soll sich der Illusion hingeben, dass automatisch alles besser wird unter dem Anti-Bush. Auch der neue Mann im Weißen Haus wird zuerst die Interessen Amerikas vertreten überall dort, wo es ihm notwendig erscheint. Und selbst dort, wo er die USA auf den Pfad der Tugend und seiner hehren Werte zurückführt, wird es dies nicht zum Nulltarif geben. Obama hat auch in seiner umjubelten Berliner Rede angedeutet, dass er Europa in die Pflicht nimmt – etwa, wenn es um eine Erweiterung der Nato nach Georgien und in die Ukraine geht. Und er wird insbesondere auch von Deutschland eine Ausweitung des Engagements in Afghanistan verlangen.

Das ganz große, das unübersehbare Signal, welches von dieser Wahl ausgesendet wird, heißt: Es geht ein Ruck durch die Vereinigten Staaten, das Land und mit ihm seine Verbündeten verspüren die dringend nötige Aufbruchsstimmung. Mehr hat Barack Obama noch nicht erreicht – aber das ist nach der Bankrott-Präsidentschaft von George Bush schon eine ganze Menge.

Stephan Kabosch

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