Highway to Hell: Wie sich Erdinger in der Krise neu erfinden will

Kostendruck, Krise und Weizen-Abwärtstrend: Kann ein Hellbier-Label die Traditionsfirma Erdinger Weißbräu vor dem Aus retten? Vieles spricht dafür.
| Leonie Fuchs
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Werner Brombach.
Werner Brombach. © imago images/Eventpress

München - In der Corona-Krise und im rückläufigen Biermarkt ist Weißbier besonders betroffen - allen voran der Marktführer Erdinger Weißbräu. Geschlossene Wirtshäuser und abgesagte Volksfeste trafen das Traditionsunternehmen mit voller Wucht.

Und auch sonst bröckelt die Weißbier-Akzeptanz: Die Weizentrinker-Kohorte wird immer älter, so das Branchenmagazin "Inside". Demnach möchte Erdinger das Ruder jetzt herumreißen - ausgerechnet mit einem eigenen Erdinger Hell.

Weißbier-Anteil sinkt – Helles immer beliebter

Laut des Branchenmagazins lag Weißbier (ohne alkoholfrei) vor zehn Jahren noch bei einem Anteil von über acht Prozent, heute sind es gut sechs. Das Bierland Bayern bevorzugt demnach ein kühles Helles, dessen Anteil sich im gleichen Zeitraum von 4,5 Prozent auf fast neun verdoppelte.

Während der Pandemie ist der Bier-Absatz eingebrochen

Zum Weißbier-Abwärtstrend hinzu kommt, dass die Menschen in Deutschland in der Corona-Krise so wenig Bier wie noch nie seit der Wiedervereinigung tranken. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres sei der Absatz im Inland um fast fünf Prozent auf den Tiefstwert von 3,3 Milliarden Liter gefallen, so das Statistische Bundesamt im Sommer.

Beim Erdinger Weißbräu erkannte man die Entwicklung, eine Antwort blieb jedoch bislang aus. Das von Inhaber Werner Brombach in den frühen Neunzigern eingeführte Erdinger Alkoholfrei glich die Schwäche der Hauptmarke einige Jahre aus, doch spätestens seit der Pandemie sei auch das Alkoholfreie ins Minus gedrängt worden, so "Inside" weiter.

Auch alkoholfreies Weißbier verliert zweistellig 

Demnach verliert auch das alkoholfreie Weißbier im Handel inzwischen zweistellig. Auch die alkoholfreien Bier-Varianten Zitrone und Grapefruit kamen erst auf den Markt, als Radeberger mit Schöfferhofer den Trend längst für sich erobert hatte. Und so zeigt die Absatzkurve der hochmodernen Brauerei kontinuierlich nach unten.

Laut dem Branchenmagazin gingen im Pandemiejahr 2020 12,3 Prozent verloren - und auch in diesem Jahr setzt sich der negative Trend fort.

Konkurrenz von Erdinger erhöhen Kostendruck

Zudem wird der Kostendruck durch die Rivalen größer: Franziskaner verkauft seine Tragl zu Preisen von bis zu elf Euro. Paulaner kündigte an, seine Preise um rund sechs Euro je Hektoliter zu erhöhen. Ebenso teilten Radeberger, Krombacher und Veltins mit, dass sie im Frühjahr wegen gestiegener Energie- und Rohstoffkosten an den Bierpreisen drehen werden.

Die Privatbrauerei Erdinger Weißbräu, die laut Branchenmagazin 2019 aus 190 Millionen Euro Umsatz gerade noch 6,5 Millionen Überschuss generierte, muss hingegen die Kosten senken (aktuell etwa 17 Euro pro Biertragl).

Doch so einfach will sich das Traditionsunternehmen nicht unterkriegen lassen. Stefan Huckemann, Vertriebsgeschäftsführer Josef Westermeier, Stefan Kreisz und Werner Brombach ringen um Lösungen. Westermeier hat Erdinger Weißbier mit 95 Prozent im Lebensmitteleinzelhandel und Fachhandel zur am besten distribuierten deutschen Biermarke gemacht - Beck's oder Warsteiner liegen dahinter, berichtet "Inside" weiter.

Ein neues Helles soll neuen Aufwind bringen

Neben dem Vertriebsspezialisten Westermeier dreht auch der von Deloitte gekommene Finanz-Geschäftsführer Huckemann an vielen Schrauben. Statt Hektoliter wird nun über Prozesse gesprochen, schreibt das Branchenmagazin. Zum Jahreswechsel wird SAP eingeführt - und laut Getränkemarkt-Insidern wohl bald auch ein eigenes Helles-Label.

Die internen Diskussionen zum Einstieg in das wachsende Hellbier-Geschäft mit einem eigenem sei von Brombach nicht ausgeschlossen worden. Die Stiftung Hell aus Erding gibt es zwar seit 2016, mit 50.000 Hektolitern befindet sie sich aber weit hinter den Bayreuther oder Chiemseer Konkurrenten. Lautet die Lösung also Highway to Hell? Ja, finden zumindest die Mitarbeiter.

Erdinger in Zahlen

Die im Jahre 1886 gegründete Privatbrauerei Erdinger Weißbräu Werner Brombach GmbH belegt mit einem Umsatz von 192,2 Millionen Euro Rang 1256 im Ranking "Top-Familienunternehmen in Deutschland" des Branchendienstes "Die Deutsche Wirtschaft". Erdinger ist eine ausschließlich auf Weißbier spezialisierte Brauerei. Einziger Standort ist Erding. Von dort aus wird das Weißbier weltweit in über 100 Länder exportiert. Die Mitarbeiterzahl beträgt 500. Mit einem jährlichen Ausstoß von 1,7 Millionen Hektoliter ist Erdinger nach eigenen Angaben die größte Weißbierbrauerei der Welt, sie vergibt keine Lizenzen.

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