Hauptversammlung: Linde-Aktionäre watschen Reitzle ab

Der Linde-Aufsichtsratschef Reitzle treibt die Fusion mit dem US-Gasekonzern Praxair mit aller Macht voran - in Kürze soll der Vertrag unterschrieben werden. Doch dafür bekommt der frühere Vorstandschef auf der Hauptversammlung deutliche Worte zu hören.
| Roland Losch/Michaela Nehren-Essing/dpa
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"Willkommen - Hauptversammlung 2017 der Linde AG"
Florian Eckl/dpa "Willkommen - Hauptversammlung 2017 der Linde AG"

Der Linde-Aufsichtsratschef Reitzle treibt die Fusion mit dem US-Gasekonzern Praxair mit aller Macht voran - in Kürze soll der Vertrag unterschrieben werden. Doch dafür bekommt der frühere Vorstandschef auf der Hauptversammlung deutliche Worte zu hören.

Aktionärsschützer und große Investoren haben dem Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle auf der Hauptversammlung die Leviten gelesen. Sie unterstützten die geplante Fusion von Linde mit dem US-Gasekonzern Praxair zwar grundsätzlich als sinnvoll, äußerten aber die Sorge, dass die Linde-Aktionäre und die Beschäftigten dabei den Kürzeren ziehen.

"Wir haben eher das Gefühl, dass wir uns ein bisschen unter Wert verkaufen", sagte Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), am Mittwoch in München. Mehrere Bankenfonds kündigten an, Reitzle die Entlastung zu verweigern.

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni will den Fusionsvertrag mit Praxair "in den nächsten Wochen abschließen". Man sei sehr gut vorangekommen und hoffe, den Vertrag bis Ende Juni unterschreiben zu können. Praxair-Chef Steve Angel solle den neuen Konzern aus den USA heraus führen, und die Holding solle in Irland angesiedelt werden, sagte Belloni vor den 2500 versammelten Aktionären.

"Wir wollen die Fusion, aber nicht um jeden Preis"

Union-Investment-Manager Ingo Speich sagte: "Wir wollen die Fusion, aber nicht um jeden Preis." Sie verspreche "Größenvorteile, höhere Gewinne und jährliche Synergien von einer Milliarde Euro". Aber "es darf nicht sein, dass unter hohem Zeitdruck Unternehmensteile verschleudert werden", nur um "den Deal schnellstmöglich durchzupeitschen". Die Alarmstimmung an den deutschen Linde-Standorten sei nachvollziehbar. Beschäftigte fürchteten um ihre Jobs, die Unsicherheit lähme den Konzern. "Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt wie Linde durch die angestrebte Fusion mit Praxair", kritisierte Speich. Er werde Vorstand und Aufsichtsrat des Dax-Konzerns die Entlastung verweigern.

Bergdolt warf Reitzle vor, die Fusion "auf Gedeih und Verderb, auf Biegen und Brechen" voranzutreiben und Praxair zu große Zugeständnisse zu machen. Vielleicht gehe es gar nicht um industrielle Logik, sondern um sein Ego. Eine Hauptversammlung müsse über den Zusammenschluss entscheiden; die Zustimmung des Aufsichtsrats allein reiche nicht. Die DSW behalte sich eine Klage vor.

Belloni wies die Forderungen nach einer Zustimmung durch die Hauptversammlung zurück. Jeder Linde-Aktionär könne selbst entscheiden, ob er seine Aktien in Anteile des neuen Konzerns tauschen wolle. Die 100 größten Linde-Aktionäre halten 69 Prozent der Linde-Papiere und zugleich 42 Prozent der Praxair-Anteile.

Die 8000 Linde-Mitarbeiter in Deutschland seien bis Ende 2021 vor Kündigungen geschützt, sagte Belloni. Aber die Einsparung von Doppelfunktionen sei ein Vorteil des Zusammenschlusses. Gewerkschaften und Betriebsrat fürchten einen massiven Stellenabbau und den Verlust der Mitbestimmung. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler sagte: "Die beste Lösung für Linde wäre, die Fusion jetzt abzusagen, bevor es zu spät ist."

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