Gute Konjunktur, robuster Arbeitsmarkt: Pleiten auf Tiefstand

Rekordbeschäftigung, steigende Einkommen und ein guter Zugang zu günstigen Finanzierungen: 2015 sind so wenige Privatleute und Firmen in die Pleite gerutscht wie seit Jahren nicht. Doch Experten warnen. Die Lage kann sich schnell verschärfen.
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2015 sind so wenige Privatleute und Firmen in die Insolvenz gerutscht wie seit Jahren nicht.
dpa 2015 sind so wenige Privatleute und Firmen in die Insolvenz gerutscht wie seit Jahren nicht.

Rekordbeschäftigung, steigende Einkommen und ein guter Zugang zu günstigen Finanzierungen: 2015 sind so wenige Privatleute und Firmen in die Pleite gerutscht wie seit Jahren nicht. Doch Experten warnen. Die Lage kann sich schnell verschärfen.

Deutschlands Insolvenzverwalter hatten schon mehr zu tun. Dank Rekordbeschäftigung, stabiler Konjunktur und niedriger Zinsen ist die Gesamtzahl der Pleiten 2015 auf ein Zehnjahrestief gerutscht. Dabei mussten 23 230 Unternehmen nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform vom Dienstag den Gang zum Amtsgericht antreten. Das waren 3,3 Prozent weniger als 2014 und sogar so wenige wie nie seit Einführung der Insolvenzordnung 1999.

Trotzdem müssen Tausende Mitarbeiter um ihren Job und Zehntausende Gläubiger um ihr Geld bangen. Und: Die Talfahrt der Pleiten dürfte 2016 an Tempo verlieren, sagt der leitende Wirtschaftsforscher von Creditreform, Michael Bretz, voraus. Er rechnet im nächsten Jahr mit ähnlich vielen Unternehmensinsolvenzen wie 2015.

Hauptgeschäftsführer Volker Ulbricht warnt: Schon kleine Änderungen beispielsweise beim Zinsniveau könnten die Lage verschärfen. Denn Hunderttausende Unternehmen seien finanziell schmal aufgestellt - und Millionen Menschen überschuldet.

Ulbricht schätzt die Bonität von fast 311 000 Unternehmen als schwach ein. «Das ist eine bedenkliche Größe. Bezogen auf rund 3,3 Millionen wirtschaftsaktive deutsche Unternehmen sind dies 9,4 Prozent - bei 0,7 Prozent Insolvenzen.» Sollte die Konjunktur schwächeln oder die Finanzierung etwa von Investitionen erschwert werden, drohten schnell deutlich mehr Firmenpleiten.

 

Finanzielle Probleme deutscher Firmen nehmen zu

 

Auch die Wirtschaftsauskunftei Bürgel warnte kürzlich: «Immer mehr Firmen in Deutschland haben finanzielle Probleme.» Das gelte vor allem für Betriebe aus dem Gastgewerbe und der Logistik. Jedoch sind Zinserhöhungen vorerst nicht in Sicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird das Geld noch mindestens bis 2017 billig halten.

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Für die 6,7 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die ihre Rechnungen schon heute nicht begleichen können, gilt ebenfalls: Wer seinen Job verliert, rutscht oft schnell in die Privatinsolvenz. 2015 ging die Zahl der Verbraucherinsolvenzen allerdings deutlich um 8,6 Prozent auf 79 030 und damit auf den niedrigsten Stand seit 2005 zurück.

Weil am Arbeitsmarkt 2016 noch keine Rückschläge zu erwarten sind, rechnet Bretz vorerst mit einem weiteren Rückgang der Verbraucherinsolvenzen auf etwa 76 500. Tatsächlich sind die Aussichten am Arbeitsmarkt gut, wie die Deutsche Bundesbank in ihrem Konjunkturausblick betont.

 

Meist Klein-Firmen werden insolvent

 

Insgesamt dominieren bei den Firmenpleiten in Deutschland Kleinstinsolvenzen. Vier von fünf Unternehmen, die 2015 Insolvenz angemeldet haben, hatten höchstens fünf Mitarbeiter. So sank der mögliche Schaden aus Firmenzusammenbrüchen für die Gläubiger von 26,1 Milliarden Euro im Vorjahr auf 19,6 Milliarden Euro. Mit 225 000 Arbeitnehmern müssen auch deutlich weniger (minus 14,8 Prozent) wegen der Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers einen Jobverlust fürchten.

Die größte Firmenpleite des Jahres trieb ausgerechnet dem Management des Berliner Pannenflughafens einmal mehr den Schweiß auf die Stirn: Der Gebäudeausrüster Imtech - am Hauptstadtflughafen BER zuständig unter anderem für Elektro-, Sanitär- und Lüftungsarbeiten - meldete Anfang August Insolvenz an. 3500 Arbeitsplätze sind in Gefahr.

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Das Hamburger Unternehmen war schon 2012 durch Missmanagement in Turbulenzen geraten und wird mit Korruption, überhöhten Forderungen, unerlaubten Absprachen und undurchsichtigen Transaktionen in Verbindung gebracht. Mehrere Staatsanwaltschaften ermitteln.

Die Imtech-Pleite ließ die BER-Planer einmal mehr bangen: Ist die auf 2017 verschobene Eröffnung des Airports zu halten? Im November wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Das Kerngeschäft, zu dem auch die Arbeiten am Hauptstadtflughafen gehören, soll weitergeführt werden.

 

Traditionsunternehmen in der Krise

 

Auch manches Traditionsunternehmen geriet in die Krise. Der Kettcar-Hersteller Kettler aus dem Sauerland musste ebenso die Notbremse ziehen wie die Modellbahn-Firma Fleischmann mit Sitz im fränkischen Heilsbronn. Für Millionen Deutsche gehört des Tretauto Kettcar ebenso zur Kindheitserinnerung wie die Miniatureisenbahn im Keller.

Doch von der ruhmreichen Vergangenheit allein lässt sich nur schwer leben - das mussten in den vergangenen Jahren zum Beispiel auch schon Märklin oder der Hersteller der Carrera-Autorennbahnen bitter erfahren, die ebenfalls turbulente Zeiten durchmachten.

Auf Investoren hofft der angeschlagene Elektronik-Hersteller Blaupunkt aus Hildesheim. Lange war Blaupunkt etwa mit Autoradios eine weltweit bekannte Marke. Doch zuletzt ging es bergab mit der früheren Bosch-Tochter.

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