Gold: Absicherung gegen den Weltuntergang?

Das sogenannte Krisenmetall Gold erlebt sein großes Comeback und erreicht ein Allzeit-Rekordhoch. Eine Rohstoff-Expertin verrät, was Anleger jetzt wissen müssen.
| Hubert Obermaier
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Fünf jeweils 1.000 Gramm schwere Goldbarren – das Edelmetall ist noch nie so gefragt gewesen wie aktuell.
imago 2 Fünf jeweils 1.000 Gramm schwere Goldbarren – das Edelmetall ist noch nie so gefragt gewesen wie aktuell.
AZ-Interview mit Gabriele Widmann. Die Rohstoffexpertin arbeitet als Volkswirtin in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deka-Bank, wo sie das Sachgebiet "Makro Trends/Rohstoffe" leitet.
Deka 2 AZ-Interview mit Gabriele Widmann. Die Rohstoffexpertin arbeitet als Volkswirtin in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deka-Bank, wo sie das Sachgebiet "Makro Trends/Rohstoffe" leitet.

München - AZ-Interview mit Gabriele Widmann: Die Rohstoffexpertin arbeitet als Volkswirtin in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deka-Bank, wo sie das Sachgebiet "Makro Trends/Rohstoffe" leitet.

In Krisenzeiten wie diesen flüchten sich die Menschen gerne in vermeintlich sichere Anlagen wie Gold. Deshalb kennt das Edelmetall bereits seit Monaten nur noch eine Richtung: nach oben. Am Montag kletterte der Goldpreis auf einen neuen Höchststand. Mit 1.944,71 US-Dollar kostete die Feinunze (31,1 Gramm) so viel wie nie zuvor.

An diesem Aufschwung will künftig auch der Staat mitverdienen: Ab kommendem Jahr sollen bislang steuerfreie Gewinne mit Edelmetall-Zertifikaten wie Xetra-Gold besteuert werden. Das geht aus einem Entwurf des Jahressteuergesetzes 2020 hervor. Die Rohstoffexpertin Gabriele Widmann erklärt, warum Gold so begehrt ist und ob man jetzt investieren sollte.

AZ-Interview mit Gabriele Widmann. Die Rohstoffexpertin arbeitet als Volkswirtin in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deka-Bank, wo sie das Sachgebiet "Makro Trends/Rohstoffe" leitet.
AZ-Interview mit Gabriele Widmann. Die Rohstoffexpertin arbeitet als Volkswirtin in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deka-Bank, wo sie das Sachgebiet "Makro Trends/Rohstoffe" leitet. © Deka

Gold: Schutz vor der Inflation?

AZ: Frau Widmann, wie kommt es zum Rekordhoch, warum jetzt?
GABRIELE WIDMANN: Die Aussichten auf langanhaltende niedrige Zinsen haben schon seit längerem den Goldpreis nach oben getrieben. Mit der Corona-Pandemie, die insbesondere auch in den USA die Wirtschaftsentwicklung lähmt, haben sich diese Aussichten nochmals verstärkt. Und der Ausblick auf noch längere Zeit noch niedrigere Zinsen ist ein guter Nährboden für steigende Goldpreise.

Welche Befürchtungen treiben Anleger "ins Gold"?
Zurzeit sind es vor allem die weltweit stark steigenden Staatsschulden. Zum einen grassiert bei den Anlegern die Angst, dass daraus – wie es in der Vergangenheit oft der Fall war – eine große Inflationswelle entsteht. Bei Gold hofft man, dass es mit Kursgewinnen die Inflationsverluste ausgleicht. Zugleich nährt die steigende Staatsverschuldung die Sorge, dass es zu Währungsturbulenzen und in der Europäischen Währungsunion womöglich sogar zu einem Auseinanderbrechen der Währungsunion kommt. Auch für diesen Fall gilt Gold als sichere Bank.

Wie sehr taugt Gold tatsächlich als Krisen- und Inflationsschutz?
In US-Dollar gerechnet hat Gold seit Anfang des 20. Jahrhunderts – also in den vergangenen knapp 120 Jahren – pro Jahr im Durchschnitt knapp vier Prozent an Wert gewonnen. Damit dürfte die Inflation in diesem Zeitraum in etwa ausgeglichen worden sein. Ob man allerdings in den aktuellen Zeiten, in denen es praktisch gar keine nennenswerte Inflation gibt und auch alles für anhaltend niedrige Inflationsraten spricht, überhaupt einen Inflationsschutz braucht, sei mal dahingestellt. Beim Krisenschutz ist die Analyse deutlich schwieriger. Nicht in allen Krisen ist der Goldpreis gestiegen. Man denke nur an die Anfangszeit der globalen Finanzkrise im Herbst 2008 oder an die Spätphase der europäischen Staatsschuldenkrise. In diesen Zeiten ist der Goldpreis sogar gesunken.

Erwartung niedriger Zinsen schon im Goldpreis enthalten

Welche Faktoren sprechen für einen steigenden Goldpreis?
Der stärkste Einflussfaktor für Gold ist aus meiner Sicht weiterhin der Zinsausblick. Die Erwartung einer nur langsam in die Gänge kommenden Weltwirtschaft und einer für extrem lange Zeit extrem lockeren Geldpolitik werden die "sicheren" Zinsen insbesondere in den USA und Deutschland in den Industrieländern niedrig halten. Allerdings muss man aufpassen: Viel von der Erwartung langanhaltend niedriger Zinsen ist schon im Goldpreis enthalten. Insofern könnte es sein, dass der Goldpreis sich in den kommenden Jahren nur noch moderat nach oben oder womöglich sogar nur seitwärts oder abwärts bewegt.

Viele Faktoren, die den Preis des Edelmetalls antreiben, bedrohen gleichzeitig unser Wirtschafts- und Finanzsystem. Wettet man mit einem Goldinvestment nicht irgendwie auch gegen das eigene Wirtschafts- und Finanzsystem?
Ja, das kann man durchaus so sagen. Der Kauf von Gold als Krisenanlage ist die Absicherung gegen den "Weltuntergang", zumindest, wenn man mit "Welt" die Funktionsfähigkeit des Wirtschafts- und Finanzsystems meint.

Abfallen des Goldpreises? Risiko groß 

Erreicht der Goldpreis bald ein Limit? Wo liegt dieses?
Unkalkulierbar wie Märkte kurzfristig nun einmal sind, können Preise die fundamental gerechtfertigten Niveaus auch für lange Zeit über- oder unterschießen. Deshalb würde ich kein Limit nennen. Dass der Goldpreis in absehbarer Zeit auch die Hürde von 2.000 US-Dollar je Feinunze nimmt, ist durchaus wahrscheinlich. Ähnlich wahrscheinlich ist aber auch, dass Gold nach dem jüngsten Höhenflug eine Abwärtskorrektur bevorsteht.

Ist es überhaupt noch empfehlenswert, jetzt beim neuen Rekordhoch einzusteigen?
Aktuell ist in der Tat das Risiko groß, dass der Goldpreis auch wieder fällt. Der in Euro rechnende Anleger hat allerdings noch eine "Nebenchance": Wenn der Euro, der zuletzt gegenüber dem US-Dollar deutlich an Wert gewonnen hat, wieder schwächer wird, hilft das dem Euro-Goldanleger.

Lesen Sie hier: Comeback des "Krisenmetalls" - Goldpreis auf Rekordhoch

Lesen Sie hier: Münzen als Krisen-Investment - Das sollten Sie beachten

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