Gespenstisch
Die Viertel werden edler – was bleibt, ist das nackte Elend: Georg Thanscheidt, Vize-Chefredakteur, über den Wandel der Münchner Stadtviertel
Ein Gespenst geht um in München – das Gespenst der Gentrifizierung. So nennen Experten das, wenn Stadtviertel immer teurer und hipper werden, so dass am Schluss kein Normalsterblicher dort lebt. Entweder, weil er die Miete nicht mehr zahlen kann oder sich das Viertel zur Vergnügungsmeile gewandelt hat. Zurück bleiben Straßenzüge ohne Infrastruktur und urbanem Leben – einfach gespenstisch.
Die Mechanismen sind immer gleich: Erst kommen – angezogen von günstigerem Wohnraum – Künstler und Studenten. Dann verdrängen Kneipen den Einzelhandel. Zeitgleich werden Altbauten luxussaniert – das Viertel verliert Bewohner und Flair. Die Kreativen wandern in andere Viertel ab, wo der Kreislauf aufs Neue beginnt.
In München hat diese Entwicklung, die zuerst Schwabing, das Lehel, Haidhausen und jetzt das Gärtnerplatzviertel erfasst hat – fatale Konsequenzen: Schon jetzt ist zentraler Wohnraum unbezahlbar. Künftig werden die Mieten in anderen Vierteln – Au, Giesing, Sendling, Schlachthofviertel – anziehen. An den Erwerb von Eigentumswohnungen denkt der normale Münchner schon gar nicht mehr. Die Folge: Im Großraum München werden bis 2027 eine viertel Million Wohnungen fehlen. Das wird die Mieten noch weiter in die Höhe schießen lassen.
Wohnungsbau-Hilfe aus Berlin ist nicht zu erwarten, die Millionen-Programme von Stadt und Land sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Nur der Markt hätte die Macht, eine Wohnungsnot zu verhindern – aber der versagt.
- Themen:
- Schlachthofviertel