Elchtest für MAN: VW will die Fusion beider Unternehmen

Seit der Brummibauer mit seinem selbstbewussten Konkurrenten Scania zwangsverlobt wurde, ist auf beiden Seiten die Unsicherheit groß. Die Frage die sich alle stellen: Wer schluckt hier wen?
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MÜNCHEN/SÖDERTÄLJE - Seit der Brummibauer mit seinem selbstbewussten Konkurrenten Scania zwangsverlobt wurde, ist auf beiden Seiten die Unsicherheit groß. Die Frage die sich alle stellen: Wer schluckt hier wen?

Auf die Zwischentöne kommt es an. „Scania und MAN untersuchen eine mögliche Kombination“, verkündet der schwedische Brummibauer. „MAN und Scania verfolgen eine engere Kooperation“, heißt es in München. Zusammenarbeit? Ergänzung? Fusion? Kunstvolle Exegese ist gefragt – und das Geschick, Finten zu führen, verbalen Fallstricken auszuweichen.

Zwangsverlobung von MAN und Scania . Am Mittwoch Betriebsversammlung bei MAN in München, wenige Tage zuvor ein Führungskräftetreffen – MAN-Chef Georg Pachta-Reyhofen beruhigt, feuert an, beschwört. Immer wieder heißt es, mit Scania werde „auf Augenhöhe“ verhandelt, aber klar ist auch: Scania, das Unternehmen aus dem 60000-Einwohner-Städtchen Södertälje in Südschweden, macht sich auf Geheiß von VW daran, MAN mit seiner über 250jährigen Tradition zu übernehmen.

Auch in Södertälje rumort es. „Scania hat ausgezeichnete Wachstumsperspektiven als eigenständiges Unternehmen“, ist immer noch auf der Internetpräsenz des Herstellers zu lesen – eine trotzige Verlautbarung aus dem Jahr 2006, als MAN versuchte, die Schweden zu schlucken. Scania-Chef Leif Östling warf damals MAN eine „Blitzkrieg“- Mentalität vor, und auch heute noch wollen etliche seiner Mannen von den Deutschen nichts wissen.

Aber knapp 71 Prozent der Stimmrechte liegen bei VW, das auch 30 Prozent an MAN hält. VW-Strippenzieher Piëch scheint die Empfindsamkeiten zwischen Schweden und Deutschen dick zu haben. Eine Milliarde Euro könnte locker gespart werden, wenn Scania und MAN fusionierten – diesen Schatz will Piëch heben.

Die De-Luxe-Lkw von Scania und die Brummis von MAN, die eher die obere Mittelklasse repräsentieren, würden sich perfekt ergänzen. Ähnlich wie VW, das das Baukasten-Prinzip für seine Marken perfektioniert hat, könnte ein gemeinsamer Brummibauer die Entwicklung bündeln. Die Vorarbeiten für neue emissionsarme Lkw-Modelle verschlingen Unsummen – hier macht ein Alleingang eines einzelnen Herstellers wenig Sinn. Auch Einkauf, Vertrieb und Marketing sind in einem fusionierten Unternehmen effektiver und würden – anders als bei einer engen Kooperation – nicht die Kartellwächter auf den Plan rufen.

Soweit die Sicht von außen. Mancher MAN-Ingenieur und mancher Werker sieht eine Fusion trotzdem anders. Wo soll das Wissen eines künftigen Konzerns gebündelt werden - doch nicht etwa in Södertälje? Denkbar ist immerhin, dass die Entwicklung künftig noch dezentraler als heute verteilt wird – schließlich ist es naheliegend, Laster etwa für den lateinamerikanischen Markt vor Ort zu konstruieren.

Bleibt die Angst um die Jobs. Ein paar tausend Arbeitsplätze könnten bei MAN locker wegrationalisiert werden, ließ sich Scania-Chef Leif Östling auf dem Höhepunkt des Übernahme-Scharmützels im Jahr 2006 zitieren. In der Krise waren die Schweden schnell dabei, sich von Mitarbeitern zu trennen, um die Kosten zu senken - während die MAN-Werker in München dank einer Standortvereinbarung ihre Jobs behielten. Ängste der Belegschaft pflegt Ferdinand Piëch normalerweise mit einem engen Schulterschluss zu den Arbeitnehmervertretern zu beruhigen. Auch diesmal hat er wohl IG-Metall-Chef Bertold Huber zu Rate gezogen – nicht aber die Gewerkschaftsfürsten vor Ort.

Das sorgte bereits für Reibereien. Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler wettert, eine Abspaltung der MAN-Sparte Diesel & Turbo mit ihren 12500 Beschäftigten sei mit ihm nicht zu machen. Der Hersteller für Schiffsmotoren und Turbinen passt nicht wirklich zu einem fusionierten Brummikonzern. Zwar versichert Piëch, Diesel & Turbo stehe nicht zur Disposition – doch Piëch ist 73 Jahre alt. Auf ewig dürfte sein Wort nicht gelten, Ärger mit der Belegschaft ist programmiert.

Ein weiterer wunder Punkt sind die Aktionäre. Sollte Scania MAN schlucken wollen, müsste es den MAN-Aktionären ein Übernahmeangebot unterbreiten. Einzelne Anteilseigner können diesen Prozess, wenn’s dumm läuft, mit langwierigen juristischen Scharmützeln blockieren. Währenddessen wäre MAN gezwungen, seine nächste Brummi-Generation alleine zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Ehe sich’s Piëch versieht, dürfte der perfekte Zeitpunkt für eine Fusion schon wieder verpasst sein.

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