Die Sprit-Lüge der Autobauer

Bis zu 50 Prozent liegt der Verbrauch bei einzelnen Marken über dem Testwert. Besonders dreist schummeln ausgerechnet die Premiumhersteller Audi, Mercedes und BMW
| Tobias Wolf
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Eingefahrene Prüffahrzeuge, rollwiderstandarme Reifen oder Hochleistungsschmierstoffe: Das sind die Tricks der Hersteller.
Eingefahrene Prüffahrzeuge, rollwiderstandarme Reifen oder Hochleistungsschmierstoffe: Das sind die Tricks der Hersteller.

Nur 5,9 Liter Diesel soll das neue Auto schlucken – zumindest auf dem Papier. In der Realität sieht das allerdings ganz anders aus. Weil man zu viel Gas gibt und nicht sparsam fährt? Nein, der Grund liegt bei den Schummeleien der Autobauer. Sie nutzen in ihren Tests zahlreiche Tricks, damit der Spritverbrauch – der dem Käufer dann vorgegaukelt wird – so niedrig wie nur möglich bleibt. Das haben jetzt neutrale Untersuchungen des ADAC, des Magazins „Auto Bild“ sowie eine Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT) ergeben.

Demnach ist der Spritverbrauch von Neuwagen im Schnitt 20 bis 30 Prozent höher, als vom Herseller angegeben. Ausgerechnet bei den deutschen Premiumherstellern Audi Mercedes und BMW ist der tatsächliche Verbrauch deutlich höher als auf dem Papier.

So schluckt der Audi A6 sogar satte 50 Prozent mehr als im Prospekt angegeben, die neueste Mercedes E-Klasse 45 Prozent, der 5er-BMW immerhin 40 Prozent mehr.

Der Unterschied zwischen den Herstellerangaben und der Realität hat in den letzten Jahren stark zugenommen. „Ein Zusammenhang zwischen der Einführung strenger Grenzwerte und der zunehmenden Schummelei ist mehr als deutlich zu erkennen“, erklärt ICCT-Studienautor Peter Mock dem „Spiegel“. Die ICCT-Studie hat die Daten von einer halben Million Serienautos ausgewertet.

Verbraucherschützer und Umweltverbände kritisieren schon lange, dass der Neue Europäische Fahrzyklus (NEFZ), nach dem der Normverbrauch eines Autos ermittelt wird, nicht der Realität entsprich. So dreht sich alles darum, die Schlupflöcher auszunutzen, die die Grauzonen des NEFZ offenlassen. Dabei sei die Verwendung besonders gut eingefahrener Prüffahrzeuge, rollwiderstandarmer Reifen sowie von Hochleistungsschmierstoffen noch die einfachsten Mittel.

Laut ICCT entfernen die Fahrzeug-Hersteller sogar Teile der Basisausstattung, um das Gewicht des Autos. Außerdem würden die Reifen über den maximalen Luftdruck hinaus aufgepumpt, um den Rollwiderstand zu senken. auch würden für eine bessere Aerodynamik Türschlitze und Kühlergrill verklebt.

Kein Wunder also, dass zwischen Labor und Straße erhebliche Diskrepanzen bestehen. Die Autohersteller selbst räumen das Problem sogar ein, weisen jedoch darauf hin, dass der NEFZ-Test lediglich einen Wert ermittle, der die Energieeffizienz aller Autos miteinander vergleichbar mache.

Der Bundesregierung entgehen Milliarden – doch sie tut nichts

Über den NEFZ-Test wird deshalb heftig gestritten. Zur Debatte steht ein neues Verfahren namens WLTP (World Light Vehicles Test Procedure), das die Vereinten Nationen im November vergangenen Jahres verabschiedet haben. Es sieht eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h statt bisher 120 km/h vor, eine stärkere Beschleunigung sowie eine Temperatur in der Testanlage von 23 statt 30 Grad.

Wann WLTP kommt, ist allerdings offen, weil es den Parlamenten der beteiligten Staaten obliegt, das Messverfahren als nationales Recht einzuführen. Die meisten Länder wollen die Methode ab Oktober 2015 zum Standard der Sprit-Verbrauchsermittlung machen. In Deutschland soll es 2016 oder 2017 so weit sein.

Die gewaltigen Unterschiede zwischen Laborwerten und tatsächlichem Sprit-Verbrauch sind auch ein Problem für die Bundesregierung. Denn mit dem Verbrauch hängt der CO-Ausstoß zusammen. Dadurch entgehen dem Staat Einnahmen. Denn die Kfz-Steuer berechnet sich auch nach den CO-Werten. Ist dieser in Wahrheit größer, müsste auch die Steuer höher sein. Der Einnahme-Ausfall dadurch betrug laut der Deutschen Umwelthilfe 2014 satte 1,4 Milliarden Euro.

Trotzdem handele die Berlin nicht, kritisieren die Grünen. „Millionen Menschen werden beim Autokauf betrogen, die Bundesregierung weiß das, tut aber nichts dagegen“ erklärt Fraktionsvize Oliver Krischer der „Welt“.

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