Deutsche Wirtschaft wächst stärker - Staat tief im Minus
Die deutsche Wirtschaft sendet mit einem erneuten Mini-Wachstum im Frühjahr ein Lebenszeichen inmitten aller Krisen. Von April bis Juni legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit 0,3 Prozent zum Vorquartal um 0,1 Punkte stärker zu als zunächst berechnet, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Europas größte Volkswirtschaft ist somit drei Quartale in Folge gewachsen.
"Wie schon im ersten Quartal ging der Anstieg vor allem auf die gute Exportentwicklung zurück", erklärte die Präsidentin des Statistischen Bundesamtes, Ruth Brand. Insgesamt wurden 2,0 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als im ersten Quartal 2026. Dagegen legten sowohl die privaten als auch die staatlichen Konsumausgaben mit jeweils 0,1 Prozent nur leicht zu. Die Investitionen etwa in Maschinen und Fahrzeuge sanken.
"Gemessen an den stellenweise düsteren Konjunkturaussichten in Anbetracht des Iran-Krieges, fällt das deutsche Wachstum erstaunlich solide aus", stellte der Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel, fest. "Die guten Nachrichten werden sich fortsetzen: Die Auftragsbücher im verarbeitenden Gewerbe sind gut gefüllt."
Defizit steigt deutlich
Allerdings bringt der Dürre-Sommer neue Probleme für Unternehmen und Verbraucher. Und die finanziellen Herausforderungen für den Staat bleiben gewaltig: In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres gab der Staat 71,3 Milliarden Euro mehr aus, als er einnahm. Das staatliche Defizit war damit um 36,6 Milliarden Euro höher als im Vorjahreszeitraum.
Bezogen auf die Wirtschaftsleistung lag das Defizit von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherung im ersten Halbjahr 2026 bei 3,1 Prozent, wie das Bundesamt auf Basis vorläufiger Daten errechnete. Das ist etwas mehr als die 3,0 Prozent, die europäische Vorgaben zum Haushaltsdefizit erlauben.
Der Großteil des Defizits geht auf den Bund zurück, bei dem sich die Lücke um 29 Milliarden auf etwas mehr als 48 Milliarden Euro vergrößerte. Auch bei den Ländern stieg das Minus, während die Gemeinden ihr Defizit gegenüber dem Vorjahreszeitraum verringern konnten. Die Sozialversicherung verzeichnete ein Defizit von 1,8 Milliarden Euro, nachdem es im ersten Halbjahr 2025 noch einen Überschuss von 3,8 Milliarden Euro gegeben hatte. Dies lag vor allem an höheren Ausgaben in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung.
Lage bei Staatsfinanzen spitzt sich zu
Bei den Staatsfinanzen bleibt die Lage angespannt. Weil der Staat schuldenfinanziert Milliarden in Straßen, Schienen und Verteidigung steckt, erwarten Experten, dass die Defizitquote von 2,7 Prozent im Gesamtjahr 2025 auf mehr als vier Prozent 2027 steigen wird.
Der wachsende Schuldenberg Deutschland erhöht nach Einschätzung mancher Ökonomen die Gefahr, dass Deutschlands Kreditwürdigkeit heruntergestuft wird. Sollten die Ratingagenturen der Bundesrepublik die Bestnote AAA ("Triple A") entziehen, würde es für den Staat teurer, sich bei Investoren am Markt frisches Geld zu besorgen. Höhere Zinskosten würden den Staatshaushalt belasten - zumal die Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen kürzlich ohnehin auf den höchsten Stand seit 2011 stiegen.
Wirtschaft hält sich wacker trotz Iran-Krieg
Zuletzt mehrten sich immerhin die Anzeichen, dass die deutsche Wirtschaft langsam an Fahrt gewinnt - getragen von starken Exporten, hohen Unternehmensgewinnen und einer Belebung am Bau, wo wieder deutlich mehr Wohnungen genehmigt werden.
Einige Ökonomen korrigierten ihre Konjunkturprognosen nach oben. Nachdem die deutsche Wirtschaft bereits im ersten Quartal mit 0,4 Prozent kräftiger zulegte als erwartet, trauen einige Fachleute der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr etwa ein Prozent Wachstum zu. Das wäre zwar noch kein fulminanter Aufschwung, aber deutlich mehr als die 0,2 Prozent Plus 2025 nach zwei Jahren mit schrumpfender Wirtschaftsleistung.
Niedrigwasser bremst Erholung aus
Während die Milliarden-Ausgaben der Bundesregierung für Infrastruktur und Verteidigung die Konjunktur stützen, birgt das Rekord-Niedrigwasser am Rhein das nächste Risiko: Da der Warentransport über das Wasser stockt, wird die Produktion in Branchen wie der Chemieindustrie gedämpft.
"Im dritten Quartal dürften die Folgen der niedrigen Pegelstände auf wichtigen Wasserstraßen die Erholung der deutschen Wirtschaft vorübergehend ausbremsen", prognostizierte jüngst die Bundesbank. Die Wirtschaft dürfte von Juli bis September "allenfalls noch leicht zulegen".
Iran-Konflikt und kein Ende
Hohe Energiepreise bleiben zudem eine Belastung für Firmen und Verbraucher. Nach Auslaufen des Tankrabatts stieg die Inflationsrate im Juli direkt um 0,5 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent. In den nächsten Monaten könnte die Teuerung weiter anziehen. Denn der Konflikt zwischen den USA und dem Iran ist weiter ungelöst und die für den weltweiten Öl- und Gashandel wichtige Straße von Hormus faktisch blockiert.
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