Chinas Marsch in die Flaute drückt Deutschlands Industrie

In China braut sich eine möglicherweise länger dauernde Krise zusammen. Für die angeschlagene deutsche Wirtschaft ist das eine doppelt schlechte Nachricht.
Carsten Hoefer und Johannes Neudecker, dpa |
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Was in China keinen Absatz findet, geht oft in den Export. (Symbolbild)
Was in China keinen Absatz findet, geht oft in den Export. (Symbolbild) © Tang Ke/XinHua/dpa
Peking/München

Wachsende wirtschaftliche Probleme in China verschärfen die Not der deutschen Industrie: Da die Geschäfte in China nicht gut laufen, suchen etliche Industrieunternehmen aus der Volksrepublik ihr Heil in immer weiter steigenden Exporten. Das ist eine doppelt schlechte Nachricht für deutsche Firmen: Sie verlieren nicht nur in China selbst Marktanteile, sondern auch in der restlichen Welt, einschließlich Europas. 

Ökonomen und Finanzfachleute diskutieren, ob China auf eine "Japanifizierung" zusteuert: eine potenziell jahrzehntelange Stagnation, wie sie Japan ab den 1990er Jahre erlitt, nachdem das Land zuvor einen rasanten Wirtschaftsaufschwung erlebt hatte, dessen Ende mit dem Platzen einer Immobilienblase eingeleitet wurde.

Wenn Chinas Wirtschaft stockt, hat das globale Folgen. Schon jetzt belastet die schwache Nachfrage in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt das Geschäft chinesischer und ausländischer Firmen. "Wir rechnen nicht mit einer deutlichen Besserung der Binnenwirtschaft in naher Zukunft", sagt Oliver Oehms. Der Chef der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Nordchina verweist auf den in diesem Jahr verabschiedeten Fünfjahresplan Pekings. China setze weiterhin vor allem auf die Verbesserung der Angebotsseite, anstatt Anreize für mehr Nachfrage zu schaffen, sagt Oehms. 

Warum Chinas Wirtschaft stockt

Doch was sind die Gründe der chinesischen Flaute? Es klingt eigenartig: In China wurde zu viel investiert. "In Deutschland belaufen sich die öffentlichen Investitionen auf ungefähr fünfzehn Prozent der Gesamtinvestitionen", sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest. "In China ist das Verhältnis umgekehrt, da sind die öffentlichen Investitionen höher als die privaten. Der Staat sorgt so dafür, dass er seine geplanten Wachstumszahlen erhält." 

Doch ist das Geld sinnvoll angelegt? "In China wird das Geld nicht richtig ausgegeben, es gibt erhebliche Fehlinvestitionen", sagt Fuest. China investiere deutlich über 40 Prozent seiner gesamten Wirtschaftsleistung, die Wirtschaft wachse aber nur mit 4 bis 5 Prozent. "Das ist wie ein Unternehmen, das einen sehr großen Teil seiner Wertschöpfung in Investitionen steckt, damit aber zu wenig Gewinn erwirtschaftet, um stark zu wachsen." Das Fazit des prominenten Ökonomen: "Da stimmt etwas nicht." Der Internationale Währungsfonds (IWF) bescheinigte China in einem 2025 erschienen Papier sogar "exzessive" Investitionen. "China erzeugt somit künstliches Wachstum", sagt der Ifo-Präsident.

Chinas Industrie hat mit staatlicher Lenkung riesige Summen für Forschung und Entwicklung sowie den Bau neuer Werke ausgegeben. Chinesische Firmen haben westliche und japanische Unternehmen in manchen Bereichen technologisch überholt und verfügen über voll automatisierte Fabriken mit gigantischen Kapazitäten. Der Preis ist eine ebenso gigantische Unternehmensverschuldung. 

Der Schuldenberg wächst

Nach IWF-Prognose wird die Verschuldung des chinesischen Privatsektors - ohne Banken - in diesem Jahr die Marke von 323 Prozent des Bruttoninlandsprodukts erreichen, weit höher als in jedem westlichen Industriestaat. In manchen Industriesektoren - darunter Auto und Solarbranche - schreibt mutmaßlich die Mehrheit der Unternehmen rote Zahlen. Die Staatsverschuldung steigt ebenfalls rasant. 

Was der Markt in China wegen Überproduktion und schwacher Nachfrage nicht aufnehmen kann, geht in den Export. "Werden weniger unsinnige öffentliche Investitionen getätigt, wird das Bruttoinlandsprodukt fallen oder es bräuchte andere Wachstumstreiber", sagt Fuest. "China setzt auf Wachstum durch die Förderung von Exporten." 

Deutsche Firmen in China passen sich deshalb an. Zwar bleibt China laut AHK-Chef Oehms ein "Schlüsselmarkt für die deutsche Wirtschaft". Allerdings berichtet die Kammer auch, dass sich deutsche Firmen auf neue Geschäftsmodelle konzentrieren und mit chinesischen Unternehmen in Drittmärkte gehen. 

Was Ökonomen China raten

Abgesehen davon altert Chinas Gesellschaft rasant. Die Bevölkerung könnte sich laut Schätzungen bis Ende dieses Jahrhunderts halbieren. Seit einigen Jahren belastet eine nicht überwundene Immobilienkrise die Wirtschaft. Das verdirbt jenen die Kauflaune, die ihr Erspartes in eine Wohnung investiert hatten, und belastet die Baubranche, die lange als Konjunkturmotor Chinas viele Arbeitsplätze schuf. 

Viele Ökonomen und der IWF raten Peking seit langem, die Binnennachfrage zu stärken. "Um von diesem Ungleichgewicht herunterzukommen, müsste China den privaten Konsum entwickeln, den privaten Dienstleistungssektor, überhaupt mehr Dynamik und mehr marktwirtschaftliche Steuerung zulassen", sagt Ifo-Präsident Fuest. "Aber Staatschef Xi Jinping tut genau das Gegenteil und versucht, mit Subventionen Exporte auszudehnen."

Droht China Stagnation?

Ökonomen diskutieren, wie ernst die Lage in China eigentlich ist. "Das Wachstum hat sich strukturell verlangsamt, liegt im internationalen Vergleich jedoch weiterhin auf einem vergleichsweise hohen Niveau, auch wenn es aus chinesischer Perspektive deutlich niedriger ausfällt als früher", sagt Liu Wan-Hsin, auf China spezialisierte Ökonomin am Kiel Institut für Weltwirtschaft. "Von einer eigentlichen Stagnation würde ich daher derzeit noch nicht sprechen."

Wie hoch das Stagnationsrisiko ist, wird sich nach Lius Einschätzung an drei Punkten entscheiden: "Erstens, ob China seine industrielle Produktion trotz zunehmender Handelskonflikte und geopolitischer Spannungen weiterhin erfolgreich auf den Weltmärkten absetzen kann", sagt sie. Als zweiten Punkt nennt sie die Frage, ob die hohen Investitionen ausreichende Produktivitätsgewinne erzeugen und zu zusätzlichen Innovationen und Investitionen anregen. Als dritten entscheidenden Punkt sieht auch Liu die Belebung der Binnennachfrage.

"Das Risiko einer Stagnation in China wäre meiner Einschätzung nach deutlich höher, wenn die hohen Investitionen dauerhaft keine ausreichenden Produktivitäts- und Wachstumseffekte erzeugen, wenn der Vertrauensverlust privater Unternehmen und Haushalte nicht wirksam überwunden wird und wenn China im Exportgeschäft mit deutlich stärkerem Gegenwind auf den Weltmärkten konfrontiert wird." 

Internationaler Gegenwind für China wird bereits spürbar. "Es ist absehbar, dass andere Länder sich wehren werden", meint Ifo-Präsident Fuest. "In Europa denkt man über Zölle nach, und das wird man auch andernorts tun, in den USA sowieso. Insofern ist die Gefahr real, dass das Wachstum weiter sinkt."

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