Abnehmspritze: Wird in Deutschland bald weniger gegessen?

Wenn bald Millionen von Menschen weniger Hunger haben, verändert sich dann auch das Einkaufs- und Konsumverhalten? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
von  Christian Rothenberg und Maximilian v. Klenze, dpa
GLP-1-Medikamente helfen beim Abnehmen, indem sie den Appetit zügeln und das Sättigungsgefühl steigern. Wird nun weniger eingekauft? (Symbolbild)
GLP-1-Medikamente helfen beim Abnehmen, indem sie den Appetit zügeln und das Sättigungsgefühl steigern. Wird nun weniger eingekauft? (Symbolbild) © Fabian Sommer/dpa

Die Abnehmspritze ist ein Milliardengeschäft. Dank rasant wachsender Einnahmen durch Blockbuster-Medikamente wie Ozempic und Wegovy stieg der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk zu einem von Europas wertvollstem Unternehmen auf. Novo Nordisks ärgster Konkurrent im Markt - die US-Firma Eli Lilly - ist das derzeit nach Börsenwert wertvollste Gesundheitsunternehmen der Welt. 

Doch nicht alle Branchen rechnen mit sprudelnden Profiten durch abnehmende Menschen. Die Medikamente enthalten den Wirkstoff Semaglutid, der das körpereigene Hormon GLP-1 nachahmt und beim Abnehmen hilft, indem er den Appetit zügelt und das Sättigungsgefühl steigert. Vor allem für den Lebensmittelhandel stellt sich deswegen die Frage, ob Millionen von Menschen bald weniger konsumieren. 

Wird in Deutschland bald weniger gegessen? 

Das ist zumindest möglich. Einer YouGov-Studie zufolge reduzierten 1,7 Millionen Haushalte mit mindestens einem GLP-1-Nutzer ihre Einkaufsmengen innerhalb eines Jahres im Schnitt um drei Prozentpunkte stärker als Haushalte ohne Nutzer. Daraus ergebe sich für den Lebensmittelhandel ein möglicher Umsatzrückgang von rund 325 Millionen Euro jährlich. 

Gemessen am gesamten Markt für Produkte des täglichen Bedarfs wäre der Effekt mit 0,16 Prozent zunächst überschaubar. Größer könnte er jedoch ausfallen, wenn in Zukunft immer mehr Menschen die Medikamente nutzen. Die Abnehmspritze ist seit etwa drei Jahren in Deutschland erhältlich. Ab diesem Herbst kommt das Medikament nun auch als Tablette in deutsche Apotheken. Bisher interessieren sich laut YouGov schon 2,8 Millionen Haushalte für eine Behandlung. Für 48 Prozent der Interessierten würde eine Tablette statt einer Spritze die Wahrscheinlichkeit zusätzlich erhöhen, mit einer Behandlung zu beginnen. 

Zudem geben laut der Boston Consulting Group (BCG) 70 Prozent der GLP-1-Nutzer an, dass auch andere Mitglieder ihres Haushalts ihre Ernährungsgewohnheiten änderten. Dieser Effekt bedeute, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen deutlich größer ausfallen könnten als die reine Zahl der GLP-1-Nutzer zunächst vermuten lasse, sagt die Konsumgüterexpertin Karin von Funck von BCG. 

Für eine Veränderung des Essverhaltens sprechen auch Angaben aus der Lebensmittelbranche. Der Tiefkühlkost-Hersteller Frosta etwa berichtet, dass sich kleinere Packungsgrößen derzeit überdurchschnittlich gut entwickelten. Das könne ein Hinweis auf bewusster portionierende Verbraucher sein, die nur so viel konsumieren, wie sie tatsächlich benötigen, lasse sich aber nicht eindeutig auf GLP-1-Medikamente zurückführen, so Frosta. 

Was verändert sich dann im Supermarkt? 

Zu den großen Verlierern im Einkaufswagen könnten Chips, Süßigkeiten, Snacks und Softdrinks zählen. In Deutschland ging die eingekaufte Menge an Kartoffel-Knabbergebäck pro Nutzer-Haushalt der YouGov-Studie zufolge um 25 Prozent zurück. 5 Prozent hörten sogar gänzlich auf, Chips zu kaufen. Auch bei Erfrischungsgetränken sanken die Mengen deutlich, Nutzer in den Niederlanden kauften etwa 30 Prozent weniger Eistee und 24 Prozent weniger fruchtige Erfrischungsgetränke. In Italien kauften GLP-1-Nutzer deutlich weniger Wein. 

Gewinnen könnten hingegen gesündere Warenkategorien wie Obst, Gemüse oder auch proteinreiche Lebensmittel. Laut YouGov steigerten etwa italienische Kurzzeitnutzer der Medikamente ihre Ausgaben für Obst und Gemüse nach Beginn der Behandlung deutlich. In den USA, dem derzeit am weitesten entwickelten GLP-1-Markt, gaben Nutzer laut BCG rund 15 Prozent mehr Geld für Obst und Gemüse aus und 11 Prozent mehr für proteinreiche Lebensmittel. 

"Mit der zunehmenden Verbreitung von GLP-1 in Deutschland erwarten wir, dass sich ähnliche Verschiebungen auch hierzulande zeigen werden", sagt von Funck. In Deutschland berichtet das Molkereiunternehmen Arla derzeit von einer stark anziehenden Nachfrage nach proteinreichen Milchprodukten. Der Hüttenkäse-Umsatz etwa sei im ersten Halbjahr überproportional stark um mehr als 40 Prozent gewachsen, bei Skyr verzeichnete das Unternehmen ein Plus von 62 Prozent. 

Geben die Nutzer von Abnehmspritzen weniger Geld aus? 

Nicht unbedingt. Anders als YouGov kommt die BCG in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass GLP-1-Nutzer zwar weniger äßen, ihre Lebensmittelausgaben aber nicht reduzierten. Während die Ausgaben für klassische Genusswaren und Snacks zurückgegangen seien, habe ihre Nachfrage nach gesünderen, funktionalen und teilweise eben auch höherwertigen Produkten angezogen. 

Die veränderten Konsumgewohnheiten hätten das Potenzial, Sortimentsstrukturen langfristig zu verändern, so von Funck. Mit steigender GLP-1-Nutzung dürfte sich der deutsche Lebensmittelhandel strukturell verändern. Für Händler und Hersteller sei es entscheidend, Sortimente und Packungsgrößen frühzeitig an die veränderte Nachfrage anzupassen. 

Wie reagieren die Hersteller? 

Potenziell besonders betroffene Hersteller von Snacks, Süßigkeiten oder Softdrinks wie Ferrero, Cola, Pepsi oder Mondelez antworteten nicht auf die Frage, ob sie auf veränderte Konsumgewohnheiten mit neuen Produkten reagieren würden oder planten, ihre Portionsgrößen entsprechend anzupassen. 

Die Antwort vieler anderer Hersteller scheint zu lauten: Protein, Protein, Protein. Intersnack - der Hersteller hinter Marken wie funny frisch, Ültje oder Pom-Bär - reagiert beispielsweise mit Linsen-Chips, Ofen-Chips oder Protein-Chips, die zu mehr als 20 Prozent aus Proteinen bestehen sollen. Zudem solle künftig der Proteingehalt weiterer Produkte im Marketing stärker betont werden. Auch die Marke Dr. Oetker setzt nach eigenen Angaben künftig noch stärker auf Produkte mit einem hohen Protein- und Ballaststoffgehalt. 

Das Molkereiunternehmen Arla betont allerdings, dass Nutzer von GLP-1-Medikamenten sich zwar Orientierung bei der Produktauswahl wünschten, aber nicht als spezielle Zielgruppe der GLP-1-Anwender herausgestellt werden wollen. "Nutzer möchten keine Sonderrolle einnehmen, sondern Teil der Gemeinschaft sein, die proteinreiche Ernährung bevorzugt", so Arla. 

Viele Unternehmen gehen davon aus, dass eine breite gesellschaftliche Nutzung von GLP-1-Medikamenten nicht zwangsläufig völlig neue Bedürfnisse schafft, sondern eher bestehende Trends beschleunigt.

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