10 Jahre Euro: Theo Waigel zieht Bilanz

Er ist einer der Väter des Euros: Theo Waigel (CSU), langjähriger Finanzminister, über Werden und Zukunft des Zehnjährigen.  
| Interview: Anja Timmermann
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Links: Für 20 Mark konnte man Ende Dezember 2001 die Starterkits im Plastiktütchen kaufen – im Wert von 10,23 Euro. Rechts: Leicht versonnen betrachtet Theo Waigel 1998 eine der ersten Probeprägungen des Euros.
dpa Links: Für 20 Mark konnte man Ende Dezember 2001 die Starterkits im Plastiktütchen kaufen – im Wert von 10,23 Euro. Rechts: Leicht versonnen betrachtet Theo Waigel 1998 eine der ersten Probeprägungen des Euros.

 

Er ist einer der Väter des Euros: Theo Waigel (CSU), langjähriger Finanzminister, über Werden und Zukunft des Zehnjährigen.

 

AZ: Herr Waigel, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Euro in einem Jahr noch existiert? 50:50?

THEO WAIGEL: Nein. Viel höher. Er wird in einem Jahr noch bestehen. Es gibt Länder, die beitreten wollen, ich kenne kein Land, das ausscheiden möchte.

Aber vielleicht muss?

Wenn die Staaten ihre Hausaufgaben machen, dann nicht. Die Herausforderungen sind nicht größer als das, was die Länder Mitte der 1990er zustande gebracht haben, um die Maastricht-Kriterien zu erreichen. Ausnahme ist Griechenland, das getrickst hat.

Manche sagen, dass der Euro nicht mehr zu retten ist.

Er liegt im Moment bei knapp 1,30 Dollar. Das sind zwölf Cent mehr als bei der Einführung. Die Inflation ist unter Kontrolle, die Instrumente zur Bekämpfung der Krise sind da. Alles andere bringt Europa an den Rand der Bedeutungslosigkeit.

Andere sagen, dass zu wenig für die Rettung getan wird: Die Beschlüsse seien langfristig gut und schön. Kurzfristig aber bräuchte es auch etwas, was das brennende Haus erstmal löscht, bevor man den Umbau plant.

Der Umbau ist richtig. Staaten können Banken retten. Aber niemand kann Staaten retten. Zur Konsolidierung gibt es keine Alternative. Andere Instrumente wie EFSF und ESM müssen zügig durchgesetzt werden, damit Europa handlungsfähig bleibt. Europa steht bei den wirtschaftlichen Kennziffern besser da als Amerika und Japan.

Wird nun nachgeholt, was damals versäumt wurde: eine politische Gemeinschaft?

Nein. Damals wurden Regeln aufgestellt, sie wurden nicht eingehalten – 2003 auch von Deutschland. Es war ein Fehler, Griechenland aufzunehmen. Die Kontroll-Institutionen haben versagt. Auch Deutschland und Frankreich. Aber das war kein Geburtsfehler, das waren Erziehungsfehler beim Heranwachsenden.

Also kein grundsätzlicher Konstruktionsfehler, sondern etwas Reparables?

Am Anfang hat es ja ausgezeichnet geklappt. Erst dann nicht mehr, als die Regeln nicht mehr eingehalten wurden. Wenn kein Vertrauen mehr in Regeln besteht, wird auch das Vertrauen der Märkte zerstört.

Einige sagen: Lasst halt ein paar Länder den Bach runter gehen. Machen wir einen Nord-Euro. Oder sogar: Kehren wir zurück zur Mark.

Denen kann ich nur eines sagen: Dann kommt eine Aufwertung um mindestens 20 bis 30 Prozent. Allein für den bayerischen Außenhandel würde das bedeuten, dass die Exporte um 25 bis 30 Milliarden zurückgehen. Man kann sich kaum vorstellen, in welche schwierige Lage wir rutschen würden. Unsere Wirtschaftsziffern, unsere Arbeitslosenzahlen würden viel negativer aussehen. Und der Nord-Euro ist ein Phantasieobjekt. Das würde uns zurückwerfen auf den Stand von 1918.

Wie sieht die Bilanz aus nach zehn Jahren: Was hat uns der Euro gebracht?

Das Wachstum und ein beachtlicher Beschäftigungsstand, die gute Situation, in der wir trotz Krise stehen, ist zum Teil Ergebnis unserer Währung. Aber auch der Tüchtigkeit der Menschen und der Verantwortung der Gewerkschaften. Der Euro hat mehr Vorteile als Nachteile gebracht. Gerade Deutschland hat mehr profitiert als jedes andere Land. Wenn wir den Euro nicht retten, würde uns das nach einer Studie der Allianz drei Prozent Wachstum kosten, eine Million Arbeitsplätze wären verloren.

Funktioniert Europa auch ohne den Euro? Bei einem Bruch der Eurozone?

Nein. Das würde die größte Krise Europas seit 1945 bedeuten. Es würden sich neue Allianzen und neue Konstellationen bilden, eher gegen Deutschland als mit uns.

Wie wichtig ist Europa für Deutschland? Wie wichtig Deutschland für Europa?

Deutschland ist umgeben von neun Staaten. Zum ersten Mal leben wir umgeben von Partnern und Freunden. Deutschland hat gegenwärtig eine enorm wichtige Rolle, und die anderen Staaten erwarten, dass wir dieser Verantwortung gerecht werden.

Tut das Bundeskanzlerin Angela Merkel ausreichend?

Ja. Sie führt die Politik von Adenauer, Helmut Schmidt und Helmut Kohl fort.

Wie ist Ihre persönliche Bilanz? Ist der Euro das Wichtigste, was Sie in Ihrem Leben politisch geleistet haben?

Gemeinsam mit der Wiedervereinigung sicherlich. Wer wie ich 1939 geboren wurde, der ist sich bewusst, was ein gemeinsames Europa bedeutet. Ich zitiere einen Satz von CSU-Gründer Josef Müller von 1946: Wir brauchen eine gemeinsame Währung, weil Länder, die eine gemeinsame Währung haben, keinen Krieg gegeneinander führen.

Und Ihre eigene Bilanz? Haben Sie beim Euro alles richtig gemacht – oder überlegen Sie im Nachhinein, was hätte besser sein können?

Politik heißt, unter gegebenen Umständen das Bestmögliche zu tun. Das ist geschehen. Fehler, die danach gemacht wurden, können Sie nicht den Gründern anlasten. Jetzt hoffe ich, dass die Akteure auch aus den Fehlern der letzten zehn Jahre gelernt haben.

Stimmt es eigentlich, dass Sie den Namen „Euro“ erfunden haben?

Das ist die Wahrheit, in der Tat. Ich habe diesen Namen erfunden, weil ich mit den anderen Vorschlägen nicht zufrieden war. Ecu war nicht akzeptabel, damit hätten die Deutschen nichts anfangen können. Es gab viele Ideen: etwa Eurokopter, wie Helikopter. Da habe ich mir überlegt: Wie wäre es, wenn man die Zusätze einfach wegließe? Optimal. Auf dem Gipfel 1995 in Madrid hab’ ich den Vorschlag dann eingebracht.

Was haben Sie in der Silvesternacht vor zehn Jahren gemacht? Sind Sie auch gleich zum Geldautomaten?

Nein. Ich hatte natürlich Starterkits besorgt. Auf einem hab' ich auch die Unterschrift von Kohl, zum Andenken für meine Kinder und Enkel.

Rechnen Sie noch um?

Nein, nie mehr. Ich rechne und denke nur noch in Euro.

 

 

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