"Zum Ammersee!": Künstler, Kloster, braune Flecken

Gerd Holzheimer ist mit  "Zum Ammersee!" ein kluges, kundiges, politisches und amüsantes Buch über diese Kulturlandschaft gelungen. 
| Adrian Prechtel
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Feuchtfröhlicher Wasserturm in Utting.
dpa Feuchtfröhlicher Wasserturm in Utting.

Gerd Holzheimer ist mit  "Zum Ammersee!" ein kluges, kundiges, politisches und amüsantes Buch über diese Kulturlandschaft gelungen. 

Im Begriff steckt alles drin: „Kulturlandschaft!“ – weil hier die Natur überformt ist vom Menschen. Am Ammersee gehen Natur und Kultur die schönste Symbiose ein, auch weil er weniger geld-geschwängert scheint als der große Bruder Starnberger See, der an der größeren Hauptstadtnähe leidet. Der Ammersee aber ist anders.
Der Münchner Philologe Gerd Holzheimer – Herausgeber der Zeitschrift „Literatur in Bayern“ – hat jetzt das Ammersee-Gefühl eingefangen: „Zum Ammersee!“ ist eine historische, kulturelle, politische, liebende Reflexion über Land und Leute, Geschichte und Geschichten zwischen Stegen und Dießen, Utting und Herrsching.

Einladung zum kulturellen Regenbogen

In dieses Koordinatenkreuz baut der Autor alles ein. Und es gibt einen Punkt, den man am besten vom Schiff aus auf sich wirken lässt, wenn sich westlich das Dießener Münster am Hang über dem Ort erhebt und östlich das Kloster Andechs vom Berg grüßt.
„Hier“, so meint Holzheimer, als er – bewaffnet mit seinem Seepatent, das er als Seemann erworben hat – vom Deck der MS Augsburg einem die Gegend näherbringt: „Hier ist es, als ob sich zwischen Marienmünster und Klosterkirche ein spiritueller Regenbogen spannt. Den hat auch Carl Orff so empfunden.“
Dieser Tonsetzer hatte in seinem Wohnhaus am Ziegelstadel in Dießen sein Arbeitszimmer mit Blick nach Andechs hinüber, wo er begraben liegt, obwohl er sich durchaus barock versündigend in vielem musikalisch und politisch mit dem Teufel eingelassen hatte.

Teufelsbund, Hallodris und die Satire des „Simplizissimus“

Ein anderer Musikmeister mit umstrittenem Teufelsbund lebte auch hier in der Nähe, in Schondorf: Hans Pfitzner. Seine Version vom Götz-von-Berlichingen-Spruch rechnete gleich mit zwei Kollegen aus der Gegend ab: „Egk mich am Orff“. Werner Egk, NS-verstrickter Komponist, starb in Inning am Ammersee. Und mit all diesen Namen hört auch schon die Gemütlichkeit auf.
Der malende und zeichnende „Simplizissimus“-Satiriker Thomas Theodor Heine wohnte in einem umgebauten Sommerfrische-Haus in Dießen, dem er ein Atelierhaus hinzufügte, bis er – auf der Verhaftungsliste der Gestapo stehend – nach Prag floh. Erst in den 60ern wurde – absurderweise – sein schönes Anwesen abgerissen. Im heutigen Park des Augustinums erinnern nur noch Skulpturen der berühmten roten Bulldogge, dem Markenzeigen der Satire-Zeitschrift, daran, dass von hier ein Künstler wirkte, dessen Striche politische Stiche bis nach Berlin bewirkten.
Utting hat eine besondere literarische Erinnerungs-Dichte: Thomas Mann – Wahlmünchner später mit Tölzer Sommerhaus – schreibt 1904 in der Pension Siebein an einem seiner schlechteren Werke, einem Drama, seinem einzigen: „Fiorenza“ – ein Renaissance-Stück, das so Florenz nach Utting bringt. Bert Brecht kommt schon vor seiner Berühmtheit von Augsburger Seite gern hierher zum See und trifft sich auch mit seiner Geliebten Paula Banholzer, mit der er einen Sohn hat, den er nach Wedekind auf den Namen Frank taufen lässt. Er war – so erinnerte sich eine Uttinger Honoratiorin später – ein „rechter Hallodri“ gewesen. Und dass man einem solchen „Sauhund“ überhaupt in einem Fischerhaus beherbergte, lag wohl am Geld. 1949 tagt die Literaten-Gruppe 47 im Café Bauer.
Wilhelm Leibl malt hier und schwängert eine Kellnerin der „Post“ in Schondorf. Der Dichter Georg Queri, geboren in Frieding bei Andechs, schreibt über das sexuelle Landleben: „Am Ammersee, am Ammersee / da reckn d’Fisch dee Schwänz in d’Höh/ Wann ih zu meiner Kathl geh,/ gehts mir wia dee Fisch am Ammersee.“
Also auf, „Zum Ammersee!“, denn Holzheimer geht bis in die Gegenwart. Da kann man auch auf Bizarres stoßen: Bei Pähl gibt es noch ein „Warnamt“, eine Bunkeranlage aus dem Kalten Krieg, in die die bayerische Regierung hinabgestiegen wäre bei einem Atomschlag. Das Gelände gehört jetzt einem Waffenhändler und beherbergte als Hochsicherheitstrakt kurz – um die Abschaffung der D-Mark herum – Euro-Paletten neuer Geldscheine.
So ist Gerd Holzheimer ein wunderbares Buch gelungen, das die Ammerseeorte kundig, neugierig, intellektuell und anekdotisch mit Witz und Ernst durchstreift in einem kunstvoll lässigen Stil. Die Fotos hat der Fotograf Volker Derlath beigesteuert. Sie sind (leider) kommentarlos eingestreut und bebildern assoziativ die Orts-Kapitel. 

Gerd Holzheimer, Volker Derlath: „Zum Ammersee!“ (Allitera, 208 Seiten, 14.90 Euro)

 

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