Zaghaftes München

Die Geigerin Julia Fischer über ihre neue CD mit Paganinis Capricen und ihren Ärger mit zaghaften Konzertveranstaltern in der leicht verschnarchten Musikweltstadt an der Isar
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Wenn sie nicht geigt oder Klavier spielt, kümmert sich Julia Fischer um ihren kleinen Sohn. Aber über Privates redet sie nicht so gerne.
Decca/Kasskara Wenn sie nicht geigt oder Klavier spielt, kümmert sich Julia Fischer um ihren kleinen Sohn. Aber über Privates redet sie nicht so gerne.

Die Geigerin Julia Fischer über ihre neue CD mit Paganinis Capricen und ihren Ärger mit zaghaften Konzertveranstaltern in der leicht verschnarchten Musikweltstadt an der Isar

An Neujahr 2008 spielte das Multitalent in Frankfurt das Violinkonzert von Camille Saint-Saens und gleich darauf Edward Griegs Klavierkonzert. Gleichzeitig mit einer DVD des Spektakels erschien eben eine Paganini-CD. Im November gastiert die Geigerin im Gasteig.

AZ: Frau Fischer, werden Sie noch singen, dirigieren und inszenieren?

JULIA FISCHER: Natürlich nicht! Klavier und Geige spiele ich seit meiner Kindheit. Dabei belasse ich es. Ich wollte unbedingt ein Klavierkonzert eines Komponisten spielen, der kein Violinkonzert geschrieben hat. Deshalb kam ich auf Grieg. Chopin war mir wegen der Klangfarben zu schwer.

Üben Sie täglich Klavier?

Jetzt nicht mehr, vor dem Konzert schon. Das wird aber eine einmalige Sache bleiben.

Alle Paganini-Capricen auf einer CD – ist das nicht, wie eine Pralinenschachtel auf einen Haps aufzuessen?

Sie müssen nicht alle auf einmal hören. Es ist doch schön, wenn eine Platte etwas länger vorhält.

Warum heißen die Stücke überhaupt „Capricen“?

Das französische Wort bedeutet „Laune“. Es sind Charakterstücke, ähnlich den Etüden von Chopin, die jeweils ein technisches Problem mit einer Stimmung verbinden. Ich habe die zweite Caprice aus einer Laune heraus als Zugabe gespielt, ohne den Komponisten zu nennen, weil ich die Vorbehalte gegen solche Virtuosenstückchen kenne. Das Publikum war begeistert, und ich wurde oft gefragt, von wem dieses Stück denn sei. Daraus ist diese CD entstanden.

Warum spielen Sie im Herbst mit dem London Philharmonic Orchestra überall das erste Schostakowitsch-Konzert, nur nicht in München?

Ich habe lange dafür gekämpft, aber der Veranstalter lehnte Schostakowitsch ab, weil sich dafür die Karten schlecht verkaufen. Wir studieren das Beethoven-Konzert nur für München ein. Sonst hätte dieses Gastspiel nicht stattgefunden.

Passiert das öfter?

Leider ja, es ist ein Münchner Problem. Im Winter habe ich Bachs Solo-Sonaten gespielt. Überall war das ein Doppelabend einschließlich der Partiten, nur in meiner Heimatstadt nicht. Ich halte für es falsch, dem Publikum immer nur das anzubieten, von dem Veranstalter meinen, dass es ankommt. In Hamburg gab es die gleiche Diskussion um den Schostakowitsch, aber ich konnte mich in einem Gespräch durchsetzen.

Private Veranstalter müssen halt auf die Kasse schauen.

Wenn ich mit Kollegen rede, höre ich immer wieder, dass sie mit ungewöhnlichen Projekten lieber gleich nach Frankfurt, Hamburg, Köln oder Berlin gehen. Das finde ich absurd. München ist doch die Musikhauptstadt Deutschlands mit Dirigenten wie Mariss Jansons, Kent Nageno oder Christian Thielemann. Gut, der geht bald, aber auf ihn folgt immerhin Lorin Maazel.

Trägt die schwierige Konzertsaal-Situation dazu bei?

Es liegt auch an Leuten wie Ihnen: Die Presse müsste sich mehr für solche Projekte einsetzen. Die Philharmoniker oder das BR-Symphonieorchester haben es leichter: Als ich das Prokofjew-Konzert unter Jansons gespielt habe, war es restlos ausverkauft. Bei diesen Orchestern ist die Identifikation des Publikums mit den Konzerten viel stärker als bei den Privaten.

Ist die Präsentationsform „Konzert“ in der Krise?

Da ist etwas dran. David Zinman, der Chef des Züricher Tonhalle-Orchesters, hat seine Kinder gefragt, wieso sie ungern hingehen. Daraus entstanden Mittags-Konzerte für 30- bis 50-Jährige, die abends wegen ihrer Familie keine Zeit haben und nun aus dem Büro eine Dreiviertelstunde in die Tonhalle gehen. Ich habe dort auch schon um 22.15 Uhr mit einer kurzen Erklärung das Schostakowitsch-Konzert für junge Leute bis 25 gespielt. Danach legte ein DJ bis um vier Uhr früh auf.

Halten die Münchner Säle die Leute ab?

Natürlich müsste der Herkulessaal renoviert werden. Es gibt kaum Sitzgelegenheiten in den Foyers. Akustisch ist der Saal gut. Das Gasteig ist besser als sein Ruf. Ich bin natürlich nicht gegen einen Neubau. Aber zu allererst müsste in München darüber nachgedacht werden, wie man mit frischen Ideen wieder mehr Publikum ins Konzert locken kann.

Robert Braunmüller

Die CD und DVD bei Decca. Karten für das Konzert am 10. 11. unter Tel. 93 60 93, für Fischers Violinabend am 13. 4. unter Tel. 98 29 28 – 27

Witz und sagenhafter Irrwitz

Paganini? Ist doch Virtuosenfutter, bei dem Kenner gerne mal die Nase rümpfen. Der Teufelsgeiger fristet sein Dasein im Zugabenrepertoire und wird nur selten ins Hauptprogramm vorgelassen. Julia Fischer wagt jetzt die 24 Capricen im Gesamtpaket. Und siehe da: Der Glitzer der Zirkusnummer, das oberflächenpoliert Plakative dieser vermeintlichen Übungsstücke rückt völlig in den Hintergrund. Denn die Fischer spielt diesen Kanon mit dem Ernst, den Geiger gemeinhin einer Bach-Partita oder -Sonate zugestehen. Jede einzelne dieser Miniaturen nimmt die 27-Jährige als eigenständigen Gedanken mit eigener Farbe, eigenem Klangspektrum, eigener Befindlichkeit. Das hat Witz, zuweilen Irrwitz, und man gerät unweigerlich in einen Sog. Denn Julia Fischer fädelt die so verschiedenen Capricen zu einem aufregenden Ganzen, in dem kein einziges Teilchen fehlen darf. Sagenhaft!

Christa Sigg

Paganini: 24 Capricen, Julia Fischer, Geige (Decca)

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