Wir selbst sind das verführbare Volk!

Packend intim: Andrew Lloyd Webbers „Evita“ aus London im Deutschen Theater
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Diese Frau hat auch einen Sinn für eitle Representation und Spiegeleien: „Evita“ (Abigail Jaye) im großen Münchner Theaterzelt in Fröttmaning.
Deutsches Theater München Diese Frau hat auch einen Sinn für eitle Representation und Spiegeleien: „Evita“ (Abigail Jaye) im großen Münchner Theaterzelt in Fröttmaning.

Packend intim: Andrew Lloyd Webbers „Evita“ aus London im Deutschen Theater

Zuviel Pathos, zuviel Schönheit in der Stimme würde das interessante Konzept dieses Musicals unterlaufen. Und so ist Abigail Jaye mit ihrer perfekten, leicht kühlen Stimme ideal besetzt.

Denn was ist das Einzigartige an „Evita“? Es ist das einzige Musical, dessen Hauptfigur nicht nur historisch umstritten ist. Auch Webber und sein Texter Tim Rice hatten 1978 ein zwiespältiges Verhältnis zu Eva Duarte, der Provinz-Animierdame, die sich den General Perón angelt und sich – zunehmend erblondend – zur argentinischen Volkstribunin hoch zirzt und schläft.

Und so wandelt auch ein Advocatus Diaboli, Ché Guevara (Stimm-Schönling Mark Powell) als kritisch guter Geist, durch die Szenen: Verfallt dieser pseudo-heiligen Frau nicht!, ruft er uns im brechtschen V-Effekt zu: Sie ist gefall- und machtsüchtig, ihr soziales Engagement nur Feigenblatt! Passend dazu nutzt Webber Kurt-Weill-Marschtrompeten-Anklänge.

Die „Evita“ aus London (Regie: Bob Tomson) packt den Zuschauer auch, weil ohne Bühnenzauber-Firlefanz die Handlung kammerspielartig intim ganz nach vorne an die Rampe geschoben ist. Und wenn dann die Massenansprache „Don’t Cry for Me, Argentina!“ gesungen wird, ragt die Redner-Balkontribühne fast in den Zuschauerraum: Wir sind das verführbare Volk!

Webber ist nicht Wagner

Webber ist nicht Wagner. Aber von ihm hat er bei „Evita“ das Stilmittel der Durchkomposition. Was im Madonna-„Evita“-Film merkwürdig wirkte, ist im Bühnen-Musical viel passender, weil der unnatürliche Wechsel zwischen Theaterszenen und Gesangsnummern wegfällt.

Eine Änderung hätte der begeistert angenommenen Inszenierung allerdings gut getan: Als Zuschauer dachte man, die Musik käme vom Band, bis überraschend beim Schlussapplaus die Musiker auf die Bühne kommen. Man hätte sie sichtbar platzieren müssen, das hätte der Musik Raumatmosphäre gegeben. Dann hätte zum Beispiel auch keiner der Darsteller Luftgitarre spielen müssen, oder Chè hätte seine Apell-Trompeter neben sich gehabt. Und bitte stoppen sollte das deutsche Theater endlich die albern-penetrante Gute-Laune-Handy-Aus-Ansage zu Beginn!

Adrian Prechtel

bis 12. Dezember, Di - Fr. 19.30 Uhr, Sa, So 14.30 und 19.30 Uhr (Karten: 24 – 79 Euro, Tel. 55234444, www.deutsches-theater.de)

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