Wenn Kunst die Welt regiert

Ein flämischer Regisseur inszeniert „Ludwig II” an den Kammerspielen – er nimmt Viscontis Drehbuch als Grundlage und lässt sich von den deutschen und bayerischen Schauspielern aufklären
| Adrian Prechtel
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Jeroem Willems als König Ludwig mit Brigitte Hobmeiser in Ivo van Hoves Inszenierung.
Winfried Rabanus Jeroem Willems als König Ludwig mit Brigitte Hobmeiser in Ivo van Hoves Inszenierung.

In München „Ludwig II” zu inszenieren, wo alle meinen, den Kini selbst zu kennen, ist riskant. Die Kammerspiele wagen es und haben die Regie Ivo van Hove anvertraut. Heute ist Premiere.

AZ: Herr van Hove, war Ihnen als Flame, der in Amsterdam lebt, „Ludwig II” eine Herzensangelegenheit?

IVO VAN HOVE: Ich bin kein Auftragsregisseur, sondern mache nur, was ich wirklich machen will.

Aber ist es nicht riskant in Bayern, wo jeder sein ganz eigenes Ludwig-Bild hat, uns den Kini zu präsentieren?

Ja, aber gerade hier in München ist das Thema lebendig. Und ich inszeniere hier mit Schauspielern aus Deutschland und Bayern, so dass Leute spielen, bei denen die Geschichte von Herzen kommt. Brigitte Hobmeier, die die Sissi spielt, hat mich mit den anderen auch behütet, etwas zu inszenieren, was zu plakativ oder blödsinnig wäre.

Und wie sind Sie dem Märchenkönig begegnet?

Er ist auf der ganzen Welt eine mythische Figur mit seinen fantastisch dekadenten Palästen, die er hinterlassen hat und die zum Teil gar nicht dafür gedacht waren, sie zu bewohnen. Mit Anfang 20, habe ich den Viscontifilm gesehen – das ist wie ein Rausch, den man nicht vergisst.

Wie kann ein opulenter Ausstattungsfilm, der auf jedes Detail als historisch korrekt geachtet hat, auf der Bühne funktionieren?

Der Film ist eine künstlerische historische Rekonstruktion. Das ist aber nicht meine Idee. Ich habe nicht den Film, sondern den Drehbuchtext als Grundlage genommen.

Aber die historische Forschung ist seitdem ja weitergegangen.

Ich bin nicht an der historischen Geschichte interessiert. Es ist ein bisschen wie bei Camus’ „Caligula”. Camus hat die historische Figur genommen und daraus etwas gemacht, das die Philosophie dieses Kaisers transportiert.

Können Sie sich in den König hineinversetzen?

Ich bin nicht praktizierender, aber katholischer Flame. Ich kenne auch den religiösen Hintergrund dieses Königs und er wird im Stück auch beten.

Und in Konflikt mit der gesellschaftlichen und religiösen Moral geraten...

Ludwigs Beichtvater sagt ihm ja auch: „Du bist Regent, du musst heiraten und Kinder zeugen: Das ist alles, was wir von Dir verlangen!”

Aber der König kann das nicht erfüllen.

Ja, er kann nicht einmal richtig darüber sprechen. Allenfalls verschleiert und mit seiner Vertrauten Sissi.

Sie meinen die Homosexualität?

Ja, auch. Aber im Visconti-Film wurden diese Szenen vom Produzenten entschärft und teilweise herausgeschnitten. Im Drehbuch sind die Szenen ja drin. Aber dass der König mit dieser Veranlagung nicht ins Reine kam, ist ja nichts Veraltetes. Bis heute ist in großen Teilen der Welt und der Bevölkerung Homosexualität ja immer noch problematisch.

Sehen Sie Ludwig auch als politische Figur?

Ja, als gescheiterte. Eine Grundidee unseres Stückes ist, dass Ludwig eine echte gesellschaftliche Utopie hatte: die Kunst in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu stellen. Wagner, der mit seinen Opern ein Gesamtkunstwerk schuf, Opern, die Ludwig als Inszenierung seiner Traum-Biografie, seines Innersten empfand – mit dem Grundton unerfüllter Sehnsucht.

Dieser Weltrettung-durch-Kunst-Traum ist ja faszinierend für Künstler wie Sie.

Ja, dieser König hat irrational gedacht wie ein Künstler. Aber das hat nichts mit Politik zu tun. Politik ist ja die Kunst des Rationalen, Machbaren. Daran musste seine Kompromisslosigkeit scheitern.

Zeigen Sie diese Tragik?

Ja, in der Figur des Grafen Holnstein, der Ludwig versucht zu beraten und sagt: Du musst dich auch um das Volk kümmern.

Aber das Volk hat ihn auch als Fantasten verehrt.

Aber es hat auch gemerkt, dass die Idee der reinen Volkserbauung durch Kunst nicht reicht und dass dieser König sich immer mehr entzieht.

So ist Ludwig eine tragische Figur.

Gegen Ende seines Lebens, wenn er einsieht, dass sein Traum nicht realisierbar ist, gibt es eine existenzielle Krise und die Desillusionierung, dass die Welt niemals eine Wagnersche Opernwelt sein kann.

Was sagt uns das 125 Jahre später?

Ludwig ist ein ernsthafter Mann, der versucht seinem Leben – und genauso dem Leben seines Volkes – einen Sinn zu geben. Als das nicht gelingt, versucht er den totalen Rückzug aus der Gesellschaft. Das ist zeitlos, deshalb brauchen wir auch keine Aktualisierung.

Und wie gehen Sie damit um, dass viele Zuschauer den Film im Kopf haben?

Davor habe ich keine Angst. Theater ist ein anderes Medium. Die Leute wissen, dass sie hier eine andere Kunstsprache als im Film bekommen.

Haben Sie also keine opulente Schloss-Dekoration?

Lassen Sie sich überraschen.

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